Am Set des Films „Das Neue Evangelium“ im italienischen Matera: Jesus wird von einem Farbigen gespielt

Am Set des Films „Das Neue Evangelium“ im italienischen Matera: Jesus wird von einem Farbigen gespielt

Selfie mit Jesus

Wenn ein römischer Zenturio ein Selfie mit Jesus am Kreuz macht, wenn der Mann daneben eine Zigarette an seinen Mund gereicht bekommt, weil seine Arme an den Querbalken eines Kreuzes festgebunden sind, und wenn eine Dame mit Sonnenhut regelmäßig zum schreienden Schmerzensmann kommt, um ihm aus einer Sprühflasche Schweißperlen auf die Stirn zu sprühen, dann weiß man: Man ist an einem Filmset.

Jesus!!“, schallt es laut über den Platz. Doch es ist kein tiefgläubiger Mensch, der gerade eine Erleuchtung hatte, sondern der Schweizer Regisseur Milo Rau. Er dreht mit großer Crew einen Jesusfilm im süditalienischen Matera. „Jesus! Bitte geh noch einmal hinter die Linie“, fordert der Schweizer seinen Hauptdarsteller auf. Es klingt am Set von „Das Neue Evangelium“ manchmal wie in einer Kirchengemeinde. Aber nur fast.

Ein junger Mann mit vielen Kleberollen am Gürtel trägt über seiner Schirmmütze eine Dornenkrone. So lange sie Jesus nicht auf dem Kopf hat, soll sie in den Drehpausen keinen Schaden nehmen. Zigarette rauchend schlendert ein römischer Soldat in glänzender Rüstung an Jesus vorbei, hält kurz an, witzelt mit dem Mann im weißen Gewand, und schlurft dann weiter. Es gibt viele solcher „lustigen“ Szenen am Set eines Jesusfilms. Schon wenn man sich dem Drehort nähert und den biblischen „Leidensmann“ sieht, so oft auf Tausenden Gemälden verewigt und in zig Filmen immer wieder zelebriert, fällt einem unwillkürlich ein Witz aus dem Klamauk-Film „Das Leben des Brian“ ein: „Linke Reihe anstellen, jeder nur ein Kreuz.“ Und so weiter.

Den Schauspielern sind die etwas absurden Situationen natürlich bewusst. Die Mischung aus todernster Szenerie gerade eben, in der jemand zu Tode gefoltert wird, und dem alltäglichen Schnack über Familie, Verkehrsstau und Wetter sofort nach dem „Cut!“ des Regisseurs. Der Zenturio, ein kräftiger Mann mit kantigem Gesicht, geradezu perfekt für seine Rolle gecastet, zückt immer wieder sein Handy unter der Rüstung hervor und macht Selfies. Mit sich und dem massiven Kreuz, mit Maria, mit Jesus. Rau ist es gelungen, ein ziemlich perfektes Cast auf die Beine zu stellen. „Ich caste gern“, sagt er im Interview von pro. Eine Kleinigkeit, die er vielleicht mit Jesus gemeinsam hat. Als der seine Apostel zusammenstellte, habe er ja auch eine Art Casting veranstaltet, sagt Rau und lächelt. Er konnte die 57-jährige Schauspielerin Maia Morgenstern für die Rolle der Maria gewinnen, die bereits in Mel Gibsons „Die Passion Christi“ Jesu Mutter spielte. Der Jesus-Darsteller Enrique Irazoqui aus dem Jesusfilm „Das 1. Evangelium – Matthäus“ (1964) von Paolo Pasolini übernimmt hier die Rolle von Johannes, dem Täufer. Pontius Pilatus besetzte Rau mit dem italienischen Charakterdarsteller Marcello Fonte („Dogman“, 2018).

Regisseur Milo Rau (rechts) fand in dem Aktivisten Yvan Sagnet aus Kamerun einen guten Jesus-Darsteller

Regisseur Milo Rau (rechts) fand in dem Aktivisten Yvan Sagnet aus Kamerun einen guten Jesus-Darsteller

Der Drehort für Raus Film „Das Neue Evangelium“ selbst ist filmhistorisch einzigartig: In Matera drehten sowohl Pasolini als auch Gibson ihre Jesusfilme. Und gerade aktuell drehte auch das Team des neuen James-Bond-Films in der Stadt. Von dort konnte sich der Schweizer Regisseur einen Stuntman und eine Maskenbildnerin ausleihen. Matera mit seinem weißen Kalkstein sieht tatsächlich aus wie eine Kleinausgabe von Jerusalem. Rau kommt ins Schwärmen: „Es gibt hier alles: den Eingang nach Jerusalem, den Kreuzweg, den Kreuzhügel.“

„Wo die Politik versagt, hilft nur die Kunst“

Rau ist bekannt für seine politischen Theaterprojekte. Geboren 1977 in Bern, inszenierte er sich zum „derzeit einflussreichsten Regisseur des Kontinents“ (Die Zeit), zum „interessantesten Künstler Europas“ (De Standaard), ja zum „Theatererneuerer“ (Der Spiegel). Rau studierte Soziologie, Germanistik und Romanistik in Paris, Zürich und Berlin, arbeitete lange als Reporter für die Neue Zürcher Zeitung und ist seit 2003 Regisseur. Er gründete 2007 die Theater- und Filmproduktionsgesellschaft „International Institute of Political Murder“ (IIPM) und arbeitet als Dozent für Regie, Kulturtheorie und soziale Plastik an Universitäten und Kunsthochschulen. Seit 2018 ist er Künstlerischer Direktor am Stadttheater in Gent. Rau wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet (Peter-Weiss-Preis, 3sat-Preis, ITI-Preis des Welttheatertages, Schauspielregisseur des Jahres 2017, Europäischer Theaterpreis, Ehrendoktor des Theaterdepartments der Lunds Universitet in Schweden). Außerdem ist er seit Januar 2017 fester Experte der Schweizer Fernsehsendung „Literaturclub“.

Rau ist jemand, der mit seinen Projekten da hingeht, wo es wehtut. Wo Provokation noch wirkt. So brachte er die Verurteilung und Erschießung des rumänischen Diktatoren-Ehepaars Ceaușescu ebenso wie die wirren Fantasien des norwegischen Rechts-Terroristen Anders Behring Breivik auf die Bühne. Als Rau 2015 im kongolesischen Bürgerkriegsgebiet 60 Zeugen zu seinem „Kongo Tribunal“ zusammenbrachte, sprach der Guardian vom „ambitioniertesten politischen Theaterprojekt, das je inszeniert wurde“. Und die Zeit schrieb anerkennend: „Wo die Politik versagt, hilft nur die Kunst.“

Beim „Neuen Evangelium“ ist der Hauptdarsteller politischer Aktivist und schwarz. Der 34-jährige Yvan Sagnet kam 2007 aus Kamerun dank eines Stipendiums nach Italien, studierte Ingenieurwesen, musste das Studium aber abbrechen. Er lernte bei der Arbeit auf einer Tomatenfarm ein System der Ausbeutung von Arbeitern kennen: Flüchtlinge aus Afrika erhalten für 16 Stunden Arbeit am Tag teilweise weniger als 20 Euro. Sagnet organisierte Proteste gegen dieses moderne Sklaventum und fordert: Der Konsument darf einfach nicht mehr Produkte kaufen, die auf Ausbeutung von Menschen und Verstößen gegen die Menschenrechte beruhen. Für Rau ist klar: Die römische Besatzermacht von damals ist im Zeitalter der Globalisierung vergleichbar mit den multinationalen Unternehmen, den Supermarktketten, für die billig das neue heilig ist.

Deswegen heißt es im Untertitel des „Neuen Evangeliums“ auch: „Revolte der Würde“. Rau selbst stellt mit dem Projekt die Frage: Wie lässt sich die Politik in Europa noch mit den christlichen Werten vereinbaren? Als die Stadt Matera zur Europäischen Kulturhauptstadt 2019 ernannt wurde, fragte sie beim Schweizer Regisseur an, ob er für sie etwas inszenieren könne. Er verknüpfte daraufhin die Tradition Materas als Jesusfilm-Stadt mit dem Problem der mafiösen Ausbeutung von Flüchtlingen in Süditalien.

Peitschenhiebe auf die Schutzweste

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden. Tapfer halten die Schauspieler die ihnen zugewiesenen Standpunkte ein. Lange Zeit passiert nichts. Das Warten gehört ohnehin zu den an einem Filmset gefragtesten Talenten. Wie lange mag der Nebendarsteller da oben am Kreuz nun schon in der Sonne hängen? Ab und zu reicht ihm jemand eine Plastikflasche mit Wasser, oder schwarz gekleidete Techniker lassen das stahlverstärk­te Holzkreuz herab und gönnen dem Schauspieler eine Pause. Beide Arme weiter fest ans Kreuz gebunden, nimmt er dankbar eine Zigarette mit dem Mund auf, die ihm der Regisseur anzündet und hinüberreicht. „Der letzte Wunsch“, witzelt einer, und alle lachen, auch der wehrlos mit Seilen fixierte Darsteller kichert.

„Ton läuft, keiner bewegt sich mehr!“, ruft ein Mann mit Kopfhörer über der blauen Wollmütze und mit einem großen Mikrofon-Wuschel in der Hand, erst auf Italienisch, dann auf Englisch. Von da an wandert sein strenger Blick über das Set, und sobald auch nur zu hören ist, wie sich ein Fuß über die Steine bewegt, springen seine Augen zum Verursacher und strafen ihn mit einem verärgerten Blick. „Azione“, ruft der Regisseur in die Stille, und alle Schauspieler setzen sich langsam in Bewegung. Würdevoll schreitet die trauernde Menge hinter dem römischen Zenturio her. Mit seiner Peitsche schlägt er auf den Jesus-Darsteller Sagnet ein. Der trägt unter dem Gewand zum Schutz ein Polster. Auf seinem Rücken prangen rote Flecken aus künstlichem Blut. Vor wenigen Sekunden hat er noch mit den anderen Darstellern gelacht und gealbert, aber wenn er gefragt ist, fällt er sofort wieder in seine Rolle als leidender Messias, der Blick halb hoffend, halb verzweifelt. In den Drehpausen kommen sofort Touristen und wollen ein Selfie machen. Dann setzt Sagnet sein herzerweichendes Grinsen auf und lässt es über sich ergehen.

Blick über die Altstadt von Matera

Blick über die Altstadt von Matera

Dass Zuschauer am Rande des Filmsets auftauchen, hat Regisseur Rau bewusst mit einkalkuliert. Bei normalen Filmprojekten ein Ärgernis: Da schlurfen Urlauber mit dem Handy in der Hand am Set vorbei, sichtbar verblüfft darüber, in welche Szenerie sie da geraten sind. Reisegruppen lässt der Regisseur bewusst passieren und von seinen eigenen Kameras einfangen. Dann leuchten Raus Augen. Genau das ist es, was er will: Das Evangelium von Jesus im Heute, nur so ergibt es Sinn. Auch wenn es Schauspieler sind, und das Setting nicht echt: Immer wieder springt die neutestamentliche Zeit auf das Hier und Jetzt über. Bei der Szene der Verurteilung Jesu tritt ein echter orthodoxer Priester zur Zuschauermenge. Und als diese gemäß Drehbuch Jesus verhöhnt und den Kriminellen Barabbas freilassen möchte, ist der Geistliche sichtlich berührt. In der Drehpause lässt er es sich nicht nehmen und kniet vor dem Jesus-Darsteller nieder und küsst ihm die Hände.

Während Gibson genau darauf achtete, dass das Setting his­torisch korrekt sein sollte, und seine Darsteller sogar das neutestamentliche Aramäisch sprechen mussten, müssen bei Rau Kleidung und Frisuren nicht hundertprozentig exakt sein. „Bei vielen Kostümen weiß man gar nicht, wo man da gerade ist“, sagt er gegenüber pro, „ob es sich um das alte Rom oder den heutigen Sudan handelt.“ Allein dass Jesus schwarz ist, sei einer der offensichtlichsten „Fehler“, die er eingebaut habe. „Ein Bibelfilm ist für mich ästhetisch gesehen ohnehin eine absolute Gratwanderung. Kostümfilme sind ja grundlächerlich“, sagt Rau.

Wenn Schwäche zum Sieg wird

Auf die Frage, ob ihn am Neuen Testament eher das Politische interessiere als das Religiöse, sagt Rau: „So, wie ich Politik verstehe, ist es fast eher Religion, und so, wie ich Religion verstehe, ist es fast eher Politik.“ Während für viele Christen Jesus ja derjenige ist, der durch seinen Sühnetod am Kreuz eine Hoffnung in den Herzen entzündet, der selbst der Weg, die befreiende Wahrheit und das ewige Leben ist, ist für Rau Jesus lediglich als Sozialrevolutionär interessant. „Ich glaube nicht an Gott“, sagt er. „Ich glaube nicht einmal, dass irgendjemand an Gott glaubt. Es leuchtet mir nicht ein, an wen man da glauben soll.“

Was ihn allerdings fasziniere, sei der Gott, der selbst schwach und menschlich wird. „Das ist eine unglaublich interessante Metapher, um Gott darzustellen“, sagt der Regisseur. „Wenn Gott der ist, bei dem Schwäche zum Sieg wird, dann glaube ich auch daran, klar.“ Überhaupt sei Jesus gerade wegen seiner Ecken und Kanten interessant. „Jesus ist in vielen Momenten unsympathisch. Als ihm jemand sagte, das teure Öl, das ihm eine Frau einmassierte, hätte man auch gut verkaufen oder den Armen geben können, antwortet der: ‚Es gibt viele Arme, aber es gibt nur einen Jesus.‘“ Für Rau, der vor allem die soziale Botschaft Jesu im Fokus hat, eine unverständliche Reaktion. An anderer Stelle sei Jesus ja fast schon menschenverachtend. Etwa wenn jemand zu ihm kommt und sagt, sein Vater sei gerade gestorben, und Jesus antwortet: Lasst die Toten die Toten begraben. Rau: „Das ist eigentlich kaum vorstellbar.“

Offenbar kam es Jesus auf mehr an, als sympathisch zu sein. „Würden sich Kirche und Politik auf das besinnen, was von der historischen Jesusbewegung als realpolitisches oder einfach humanistisches Programm skizziert und gelebt ist, wären alle Fragen erledigt“, sagt Rau. Vielleicht ist es ja gerade diese Botschaft, die Jesus vermitteln wollte: Es wäre so einfach, wenn ihr einfach nach Gottes Regeln lebt. Ist das nun eine politische Botschaft oder eine theologische? Sie ist wohl beides. Jesus selbst lebte wie ein Unterdrückter, ein Flüchtling. Oder mit den Worten Raus: „Er lebte ja selbst als Schreiner eine Zeit lang als Arbeiter auf den Großbaustellen des römischen Imperiums.“

Lesen Sie den Text auch in der Printversion in der neuen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich hier oder telefonisch unter 06441/5667700.

Von: Jörn Schumacher

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