Al-Nusra-Rebellenführer Abu Osama im Kreis seiner Söhne

Al-Nusra-Rebellenführer Abu Osama im Kreis seiner Söhne

Undercover bei Al-Qaida: Preisgekrönter Film „Of Fathers and Sons“

Selten ist ein derartiger Einblick in eine Welt möglich, der in seiner Brutalität und Authentizität erschreckt wie „Of Fathers and Sons – die Kinder des Kalifats“. Der syrische Filmemacher Talal Derki verbrachte zwei Jahre in einer Familie in Nordsyrien, in der die Kinder von klein auf für den Terrorkrieg vorbereitet werden. Der überaus sehenswerte Oscar-nominierte Film startet diese Woche in den deutschen Kinos. Eine Rezension von Jörn Schumacher

Was der Regisseur Talal Derki während seiner zweijährigen Zeit bei der Familie des Syrers Abu Osama auf Film gebannt hat, lässt dem Zuschauer streckenweise den Atem stocken. In seinem Film „Of Fathers and Sons – die Kinder des Kalifats“ reiht der syrischstämmige Berliner Einblicke aneinander, die er so gut wie unkommentiert lässt, und die doch Bände sprechen.

Acht Kinder hat Abu Osama, der zur dschihadistischen Al-Nusra-Front gehört, einer Abspaltung von Al-Qaida, und für ihn könnten es noch viel mehr sein, denn der Krieg für Allah braucht Nachschub. Stolz zählt er die Namen seiner noch kleinen Jungen auf, und quasi alle tragen den Namen irgendeines Märtyrers. Die Attentäter vom 11. September 2001, nach denen er seine Söhne benannt hat, liebt Abu Osama. Er verehrt sie, und wenn er von ihnen spricht, bekommt er leuchtende Augen. „Ich liebe diese Menschen so sehr“, sagt Osama über Osama bin Laden, Mohammed Atta und die anderen Terroristen, „wenn ich diese Liebe über den Planeten verbreiten könnte, würde er zum Planeten der Liebe“.

Es ist diese Widersprüchlichkeit, diese Verknüpfung von Liebe und Hass, die im Alltag von Abu Osama beispielhaft für viele Anhänger der islamistischen Terrorgruppen wie Al-Qaida das Leben bestimmt, die den Film „Of Fathers and Sons“ so wertvoll macht. Denn für einen islamistischen Terroristen schließen sich die Liebe zu Allah, zu den eigenen Kindern und zum eigenen Land und der Hass auf die Ungläubigen nicht aus. Im Gegenteil: Je mehr Abu Osama Allah liebt, umso mehr hasst er Israel, Amerika und die „Ungläubigen“.

Zwei Jahre lebte der Regisseur Talal Derki undercover bei der Al-Qaida-Familie im Norden Syriens. Abu Osama, dem Familienvater, erzählte er, er sei begeistert von Al-Qaida und wolle einen Film über einen glühenden Anhänger drehen. Nur ein Kameramann begleitete Derki, und selbst der wusste nichts von dessen wahrer Intention. Derkis Einblick in das Leben einer Terror-Familie ist für die westliche Welt Gold wert und gewann über ein Dutzend Filmpreise, darunter beim Sundance Film Festival oder beim SWR Doku Festival. Zudem war er für den Oscar in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ nominiert, konnte den Preis jedoch am Ende nicht ergattern.

Von klein auf nur Terror, Hass und Krieg

In dem Film, der den Alltag der Familie begleitet, stehen vor allem die Kinder im Mittelpunkt. Frauen oder Mädchen allerdings kommen im Film so gut wie nicht vor, allenfalls als Opfer von Angriffen der Jungs, die Steine auf sie werfen und sich dann darüber lustig machen, wenn sie sich darüber beschweren. Der Umgang schon bei den Kleinsten in der Familie ist rau. Kein Wunder, sie lernen von klein auf, dass im Leben eigentlich nur eines wichtig ist: der Krieg.

Manche Szenen sind so intensiv in ihrer Brutalität und Authentizität, dass der Zuschauer für einen Moment erstarrt. Etwa wenn einerseits das zärtliche Schmusen des Familienoberhauptes Abu Osama gezeigt wird, andererseits den Kindern wie selbstverständlich im selben Augenblick gesagt wird, man könne sie ja eigentlich auch mit dem Elektrokabel auspeitschen oder ihnen die Haut abziehen, wenn man wollte. Es scheint, als dürfe selbst die väterliche Liebe nur sofort im Zusammenhang mit Brutalität und Kampf vermittelt werden. Ein kleiner Vogel, mit dem ein Junge spielt, ist – es war zu erwarten – schon nach kurzer Zeit tot. Mit einem Messer aus Spaß geköpft. „So wie du es mit dem Mann neulich gemacht hast!“, ruft der kleine Junge glücklich.

Sehr bald kommen die Jungs in eine Kaderschule von Al-Nusra, wo sie lernen, mit Waffen umzugehen, Wände hochzuklettern und vor allem Allah zu preisen. Mit Gewehren schießen die Ausbilder unmittelbar vor ihre Füße, und sollten sie getroffen werden, sei das nun einmal Allahs Wille, geben sie zu verstehen. Die Kinder hassen es, aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig als mitzumachen. Einmal kommt den Jungs abends beim Einschlafen die Idee, einfach abzuhauen, aber ihnen ist, ebenso wie dem Zuschauer, sofort klar, dass dieses Unterfangen vollkommen utopisch ist.

Es ist diese Hoffnungslosigkeit angesichts der großen heranwachsenden Generation, die herangezüchtet und unwiederbringlich einer Gehirnwäsche unterzogen wird, um als Kanonenfutter für den Dschihad zu dienen, die „Of Fathers and Sons“ zu einem erschütternden, intensiven, aber zugleich irrsinnig wichtigen Film macht. Dankbar kann man dem Filmemacher Talal Derki vor allem deswegen sein angesichts der Gefahr, der er während des Drehs ausgesetzt war und jetzt noch immer ist.

Der Filmemacher hält sich mit eigenen Kommentaren zurück. Nur am Schluss, wenn er endlich wieder nach Hause fliegen will, spricht er im Off von der Erleichterung, diesen „Albtraum“ zu verlassen. Dabei war dieses Land einmal seine Heimat, sagt er, von der er allerdings nichts mehr wiedererkennen kann.

„Of Fathers and Sons – die Kinder des Kalifats“, Regie: Talal Derki, 99 Minuten, Filmstart: 21. März 2019

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