Der Journalist Gareth Jones berichtet im Film „Mr. Jones" von einer Hungersnot in der Ukraine, die Millionen Leben forderte

Der Journalist Gareth Jones berichtet im Film „Mr. Jones" von einer Hungersnot in der Ukraine, die Millionen Leben forderte

Fake-News in der Sowjetunion

In der Ukraine unter Stalin wütet eine Hungerkatastrophe und die Welt weiß nichts davon. Nur ein einziger mutiger Journalist wagt sich im tiefsten Winter ins Epizentrum der Katastrophe – und wird dafür von seinen Kollegen in Moskau geächtet. Der Berlinale-Film „Mr. Jones" ist ein Lehrstück für junge Journalisten und zeigt in drastischen Bildern, was Hunger eigentlich bedeutet. Eine Rezension von Anna Lutz

Gareth Jones (James Norton) sitzt im Büro seiner Kollegin Ada Brooks (Vanessa Kirby) in Moskau, beide arbeiten vor sich hin, und ganz nebenbei entspinnt sich ein Streit über die Aufgabe des Journalistenberufs. Die Wahrheit herausfinden, sagt Jones, darum gehe es einem Reporter. „Wessen Wahrheit?", fragt Ada. „Es gibt nur eine", entgegnet der junge Journalist. Sie nennt das „naiv" und erklärt: „Jeder hat eine Agenda." Die Szene spielt in der Sowjetunion der Dreißigerjahre, könnte aber ebenso in heutigen Redaktionsstuben diskutiert werden. Fake-News, parteiische Journalisten und die Frage, wem der Reporter letztlich verpflichtet ist – der Wahrheit oder dem Allgemeinwohl –, sind in Zeiten von AfD, Pegida und Donald Trump wohl ebenso aktuell wie zu Zeiten Hitlers, Stalins und des Hungers in der Ukraine.

Letzterer ist das vordergründige Thema des Films von Agnieszka Holland, der im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb läuft. Zwischen drei und 15 Millionen Menschen sind dem sogenannten „Holodomor“ zum Opfer gefallen, einer durch die Politik Stalins verursachten Hungerkatastrophe. Wie viele der Personen im Film ist sie historische Realität. Wahr ist auch, dass die Welt lange Zeit nichts von dem Leid der Russen ahnte. Denn in der damaligen UdSSR galt eine strenge Zensur. Zwar durften ausländische Journalisten aus Moskau berichten. Mehr als die Hauptstadt bekamen die Reporter aber nicht zu sehen, denn das hätte dem damals unter linken Intellektuellen als Ikone geltenden Stalin geschadet.

Kampf ums Überleben

Jones aber will die Wahrheit – die eine Wahrheit – herausfinden. Er erreicht mit allerhand Tricks und unter Lebensgefahr die ukrainische Provinz und sieht, was er bereits befürchtete: Auf den geforenen und schneebedeckten Wegen liegen Leichen. Die Menschen prügeln sich um Brot, das ihnen bei seltenen Essensausgaben zugeteilt wird. Kinder, deren Angehörige bereits verhungert sind, ernähren sich vom Fleisch ihrer Hinterbliebenen. Kleinkinder, die ihre Mutter bereits verloren haben, werden von den Leichensammlern gleich mit auf den Karren geworfen, der die Toten abtransportiert – überleben könnten sie ohnehin nicht.

Es sind vor allem diese drastischen Schilderungen des Hungers, die dem Zuschauer auch nach dem Kinobesuch im Gedächtnis bleiben und die wie so vieles im Film in diesen Zeiten ebenso aktuell sind. Gerade tobt eine verheerende Hungersnot im Jemen. „Mr. Jones" zeigt, was sich so oder ähnlich womöglich auch dort gerade abspielt.

Letzte Hoffnung Kommunismus

Im Film wird Gareth Jones schließlich als Spion verhaftet. Er darf ausreisen, aber nur, wenn er Schweigen gelobt – ansonsten droht die UdSSR mit der Hinrichtung britischer Ingenieure, die dort ebenfalls wegen Spionage inhaftiert sind. Jones entscheidet sich schließlich dazu, in seiner Heimat dennoch die Wahrheit zu berichten. Doch was folgt ist kein beherztes Handeln der westlichen Welt oder gar ein Lob für seinen Mut. Im Gegenteil: Niemand glaubt ihm. Korrespondenten in Moskau, unter ihnen der Pulitzer-Preisträger Walter Duranty, werfen ihm wider besseren Wissens Lügen vor. Man erinnert sich an das Gespräch zwischen Ada Brooks und Jones im Büro: „Jeder hat eine Agenda." Jene Moskauer Journalisten setzten nach dem Ersten Weltkrieg und inmitten der Weltwirtschaftskrise ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft in den Kommunismus. Stalin war dessen schillerndster Vertreter.

Heute weiß die Welt vom damaligen Hunger in der Ukraine. Sie weiß auch von den heutigen Lagern und der Christenverfolgung in Nordkorea, obwohl das Land abgeschottet ist, wie damals die UdSSR. Sie weiß von islamistisch motivierten Morden in der Türkei, von Giftgasangriffen in Syrien und Hinrichtungen an Baukränen in den Straßen des Iran. Durch das Internet und Soziale Medien ist die Weltgemeinschaft enger zusammengerückt. Vertuschung erscheint zumindest langfristig unmöglich, jede Zensur geradezu absurd.

Welcher Agenda dienen Sie?

Aktuell bleibt der Film aber in diesem Punkt: Auch heute müssen sich Journalisten die Frage stellen, welche Agenda sie verfolgen. Dienen sie der Wahrheit? Oder ordnen sie ihre Arbeit einem anderen höheren Ziel unter? Berichten sie ehrlich über Hoffnungsträger, auch, wenn die scheitern? Und über jene, die sie als Problemfälle ausgemacht haben, auch wenn diese einmal etwas Gutes bewerkstelligen?

„Mr. Jones" ist ein gut gemachter Film in Hollywood-Manier, denn auch die gibt es auf der ansonsten eher dem künstlerischen Kino verschriebenen Berlinale. Am Sonntag feierte er in Berlin seine Weltpremiere, aber es ist gut denkbar, dass er schon bald auch einem größeren Publikum zugänglich sein wird. Der Kinobesuch lohnt sich dann – nicht nur für Journalisten.

„Mr. Jones“, Agnieszka Holland, 2019, 141 Minuten

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