Der Film „Mehr als mein Gehirn – Eine Reise zum Ich“ stellt die Frage, ob das Ich des Menschen allein im Gehirn sitzt, oder ob es da noch mehr gibt

Der Film „Mehr als mein Gehirn – Eine Reise zum Ich“ stellt die Frage, ob das Ich des Menschen allein im Gehirn sitzt, oder ob es da noch mehr gibt

Ist das Ich nur das Gehirn?

Sind wir nicht mehr als unser Körper, oder besteht der Mensch noch aus etwas mehr, etwas Immateriellem wie der Seele? Dieser Frage geht der sehenswerte wissenschaftliche Film „Mehr als mein Gehirn“ vom Institut für Glaube und Wissenschaft nach, in dem viele Mediziner, Neurologen und Philosophen zu Wort kommen. Eine Filmrezension von Jörn Schumacher

Der Biophysiker Alexander Fink, seit 2015 Leiter des Instituts für Glaube und Wissenschaft, hat gemeinsam mit dem Produktionsteam von Visual Productions um Marc Villiger und Tom Sommer für den 55-minütgen Film elf Experten interviewt, um den Fragen nachzugehen: Wie hängt unsere Persönlichkeit mit der Struktur unseres Gehirns zusammen? Gibt es Bewusstsein ohne Gehirn?

Das menschliche Gehirn besteht zu 80 Prozent aus Wasser, zehn Prozent aus Fett, und zu acht Prozent aus Eiweiß. Rund 100 Milliarden Nervenzellen sorgen dafür, dass sein Besitzer auch komplizierte Aufgaben erfüllen kann, und das in erstaunlich schneller Zeit. Doch längst nicht alle Funktionen des Gehirns lassen sich bislang eindeutigen Gehirnregionen zuordnen. Der Verhaltensneurobiologe Boris Kotchoubey mahnt, dass es eine Grenze gibt: „Man kann nicht die ganze Welt rein physikalisch beschreiben. Und genau so kann man nicht die ganze Welt rein neurophysiologisch beschreiben.“

Was eine Versuchsperson denkt oder fühlt, kann nur sie selbst erleben und entsprechend mitteilen. Die Forschung spricht von so genannten Qualia. Ein klassisches Beispiel, um deren Bedeutung zu erklären, spricht der Philosoph und Theologe J.P. Moreland an: Dabei stellt man sich eine blind geborene Wissenschaftlerin namens Mary vor. Sie kann zwar selbst nicht sehen, aber angenommen, sie wüsste alles über die Vorgänge des Sehens, dann wüsste sie immer noch nicht höchstpersönlich, was Farbensehen eigentlich ist, und wie es sich anfühlt.

Die Philosophin Brigitte Falkenburg stellt klar: „Unser Gehirn ist Bestandteil eines lebendigen Organismus und sehr viel komplexer aufgebaut als ein künstlich gefertigter Computer." Aber liegt das Bewusstsein denn nur am Ausmaß der Komplexität? Dann wäre es ja nur eine Frage der Zeit, bis Computer dieselbe Komplexität der Verdrahtung eines Gehirns simulieren können. Die Filmemacher stellen die wichtige Frage: Worin besteht der Unterschied zwischen dem menschlichen Denken und der Rechenleistung eines Computers? Und sie geben die Antwort: „Einem Computer fehlt das Ich-Bewusstsein. Man kann ihn nicht als Person bezeichnen.“

Aber was macht dieses Ich eigentlich aus? Der Theologe Ulrich Eibach ist überzeugt: „Das Ich ist keine Größe, die wir in bestimmten Bereichen des Gehirns festmachen können.“ Er sieht sich nicht reduzierbar auf sein Gehirn, sondern als „leib-seelische Einheit“. Bei der Frage nach dem Ich und woher es kommt, stößt man unweigerlich irgendwann auf den freien Willen. Offenbar ist das Ich sehr eng mit einer Entscheidung verknüpft, und umgekehrt.

Nahtod-Erlebnisse sind sich ähnlich

Mit der Frage nach dem freien Willen ist man sehr schnell bei der nach der Verantwortung. Die ethische Frage taucht auf: Wenn der Mensch keinen ganz freien Willen hätte, wie könnte man ihn dann für Straftaten verantwortlich machen und verurteilen? Moreland berichtet, dass bei Patienten bereits bis zu 55 Prozent ihres Gehirns entfernt wurden, und trotzdem konnten diese Menschen weiterleben. „Wäre eine Person identisch mit ihrem Gehirn, blieben dann nur noch 45 Prozent dieser Person übrig? Jeder weiß, dass das nicht stimmt. Die Person bleibt eine vollständige Einheit“, sagt der Philosoph.

Das zwingt zu der Frage: Kann es ein Bewusstsein ganz ohne einen Körper geben? Menschen, die eine Nahtod-Erfahrung gemacht haben, berichteten davon, dass sie ihren Körper verlassen hätten. Der Philosoph Gary Habermas hat Hunderte solcher Fälle untersucht. Selbst Atheisten berichteten von einem Licht, das heller als die Sonne war und von einem starken Gefühl der Liebe, sagt er. Und Moreland bekräftigt: „Es sind zu viele solche Fälle bekannt, als dass man sie alle als Irrtum abtun könnte. Zudem weisen sie kulturübergreifende Gemeinsamkeiten auf.“

Der Film „Mehr als mein Gehirn – Eine Reise zum Ich“ schafft es, in weniger als einer Stunde die Faszination für die unglaubliche Leistung des Gehirns zu wecken und zugleich die wichtigsten philosophischen und theologischen Fragen anzusprechen, die sich dazu stellen. Am Ende steht die christliche Perspektive, welche die Theologin Christina aus der Au so auf den Punkt bringt: „Ich bin das Du Gottes“. Das könne man nicht beweisen, aber es gebe Spuren, die darauf hindeuten. Und Spuren seien immer Angelegenheiten der Interpretation. Im Fazit mahnt der Film, dass die Wissenschaft nicht die Grenze zur Weltanschauung überschreiten sollte. Aus der Au: „Wissenschaft kann nicht entscheiden, ob der Mensch und diese Welt nur Materie sind, oder ob es darüber hinaus eine immaterielle Dimension gibt.“

„Mehr als mein Gehirn - Eine Reise zum Ich“, DVD, 55 Minuten, FSK: ohne Altersbeschränkung, Institut für Glaube und Wissenschaft , 14,90 Euro

Von: Jörn Schumacher

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