Meisterhaft in der Rolle des Jesuiten-Paters Rodrigues: Andrew Garfield

Meisterhaft in der Rolle des Jesuiten-Paters Rodrigues: Andrew Garfield

Wenn Gottes Schweigen schmerzt

Was würden Sie als gläubiger Mensch tun, wenn Sie unter Androhung des Todes gezwungen werden, Ihrem Glauben an Jesus abzuschwören? Diese Frage steht im Mittelpunkt des sehenswerten Spielfilmes „Silence“ des Regie-Großmeisters Martin Scorsese, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt. Eine Filmkritik von Jörn Schumacher

Wir befinden uns im 17. Jahrhundert, und ein Jesuiten-Orden in Portugal möchte gerne wissen, wie es den Christen im fernen Japan ergeht, die sich seit ungefähr 100 Jahren dort befinden. Die Situation dieser Gläubigen ist heikel, denn die Japaner sehen im Christentum einen Schlüssel, mit dem sich die feindlichen Kolonialisten das Land erschließen und letztendlich erobern wollen. Kein Wunder, dass die Priester dieser fremdartigen Religion als Eroberer gesehen und verfolgt werden. Japan hat bereits eine Religion, und die funktioniert gut, warum sollten die Japaner die Religion der Europäer annehmen?

In dem Kinofilm „Silence“ begeben sich die beiden Jesuiten Rodrigues und Garupe auf die Suche nach einem verschollenen Priester namens Ferreira, von dem es heißt, er habe der Folter der Japaner nachgegeben und den christlichen Glauben verlassen. Die Technik der japanischen Inquisitoren, um das Christentum vom Inselstaat wieder auszurotten, ist brutal: Schlimmste Foltermethoden werden angewandt, um den Willen der Christen zu brechen. Sie sollen, als Zeichen der Apostasie, den Fuß auf ein Bildnis Jesu setzen. Wer dies tut, wird befreit. Die Japaner fesseln widerstrebende Christen ans Kreuz, sie überschütten sie mit heißem Wasser oder köpfen sie.

Ein Film des Regie-Stars Martin Scorsese kommt selten ohne Gewalt aus. „Silence“ ist jedoch keineswegs blutrünstig. Die Gewalt wird nüchtern dargestellt, ist aber nichts für schwache Nerven. Eine der schlimmsten Foltermethoden der Inquisitoren ist das „Tsurushi“, das im Film am Ende eine entscheidende Rolle spielt: Das Opfer wird mit dem Kopf nach unten in eine Grube gehängt, und durch den unerträglichen Druck tropft langsam das Blut aus Mund und Nase. Bis der Tod eintrat, dauerte es oft bis zu einer Woche.

Die Stille in einer Hauptrolle

Filmisch ist „Silence“ („Stille“) ein Meisterwerk. Jeder Einstellung sieht man an, dass sich da jemand Gedanken gemacht hat. Außerdem lebt der Film von der Stille: Er kommt fast ohne Musik aus, die Hintergrundgeräusche sind auf das Mindeste reduziert. Das Lauteste sind vielleicht die brandenden Meereswogen, die gegen die am Ufer aufgestellten Kreuze prallen, an die die Christen gebunden werden, damit sie bei steigender Flut ertrinken. Die bis zu vier Tage mit den Leidenden ausharrenden Mitchristen stehen schweigend daneben. Das Schweigen wird zum zentralen Angelpunkt des Films. Gott schweigt, egal wie groß das Leid „seiner“ Gläubigen im fernen Japan auch wird. Und damit wird die große Frage für die Hauptperson, Pater Rodrigues, immer drängender: Ist da überhaupt ein Gott?

Getragen wird der Film von der meisterhaften schauspielrischen Leistung: Andrew Garfield (Spider-Man, The Social Network) als Rodrigues, Adam Driver (Star Wars: Das Erwachen der Macht) als Garupe, sowie Liam Neeson als Pater Ferreira waren eine perfekte Wahl. Scrosese hat jeden Darsteller mit Liebe abgefilmt. Sogar die Japaner werden eben nicht zu jenen blutrünstigen Bestien, wie sie in so vielen Filmen aus westlicher Sicht dargestellt wurden. Sie sind Akteure in einem komplizierten Kampf um ein ganzes Land, deren Standpunkt der Zuschauer durchaus nachvollziehen kann.

Der irischstämmige Schauspieler Liam Neeson spielte bereits im Film „Mission“ 1986 an der Seite von Robert De Niro und Jeremy Irons einen jesuitischen Priester

Der irischstämmige Schauspieler Liam Neeson spielte bereits im Film „Mission“ 1986 an der Seite von Robert De Niro und Jeremy Irons einen jesuitischen Priester

Welche Theologie rettet?

Was lehnen die Japaner eigentlich ab? Ist es der Gott der Bibel, den die Jesuiten vertreten? Der abtrünnig gewordene Priester Ferreira deutet an: Vielleicht haben die verstreuten japanischen Christen ein ganz falsches Gottesbild? Sie hängen an winzigen Holzkreuzen wie an Fetischen einer Religion, die sich in Gegenständen manifestiert. Beichte und Taufe werden zu magischen Ritualen, die direkt in den Himmel führen. Allein die Anwesenheit der beiden Priester scheint eine magische Auswirkung auf die versteckten Christen in den Bauerndörfern Japans zu haben. Eine persönliche Beziehung zu Gott, ein Hoffen auf einen himmlischen Retter stehen nicht im Mittelpunkt.

Der Glaube ist weniger ein Vertrauen auf Gott, sondern wird gemessen an der eigenen Kraft, und wie lange sie in der Lage ist, sich der Folter zu widersetzen. Nur wer körperlich so stark ist, dem Ertränken, dem Kreuzigen und den Stabhieben standzuhalten, ist ein würdiger Priester und Vorbild für die Gemeinde. Den Japanern kommt es auch nur auf den formalen Akt des Betretens eines Jesus-Bildes an. Sie betonen sogar, dass es ihnen eigentlich egal ist, was jeder persönlich im Inneren glaubt. Wenn man Religion als das Befolgen von Regeln ansieht, kann man die Japaner in ihrem Fragen, was am Katholizismus besser sein soll als am Buddhismus, durchaus verstehen.

Regisseur Martin Scorsese (li.) wurde acht Mal für den Oscar nominiert und gewann ihn ein Mal. Der britischstämmige Schauspieler Andrew Garfield wurde für seine Rolle in Mel Gibsons Film "Hacksaw Ridge" für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert

Regisseur Martin Scorsese (li.) wurde acht Mal für den Oscar nominiert und gewann ihn ein Mal. Der britischstämmige Schauspieler Andrew Garfield wurde für seine Rolle in Mel Gibsons Film "Hacksaw Ridge" für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert

Beeindruckende Darstellung der verfolgten Christen von Japan

Der Film basiert auf dem Bestseller des japanischen katholischen Erzählers Shūsaku Endō. Die Hauptereignisse von „Silence“ spielen in den Jahren 1640 und 1641, der frühen Edo-Epoche. Die ersten Missionare kamen fast 100 Jahre vorher nach Japan. Ihre Arbeit war eng an die breite Öffnung für den Westhandel geknüpft. Der 74-jährige Scorsese, Sohn strenggläubiger katholischer Einwanderer aus Italien, war in seiner Jugend Messdiener. Der Kultregisseur, der achtmal für den Oscar nominiert wurde und ihn einmal gewann, wollte selbst einmal Priester werden und ging auf eine Jesuitenschule. „Ich weiß nicht, ob es so etwas wie Erlösung gibt, aber es gibt auf jeden Fall die Versuche, sie zu erreichen“, sagte Scorsese in einem Interview. „Aber wie schafft man das? Der richtige Weg zu leben hat mit Selbstlosigkeit zu tun. Davon bin ich überzeugt.“

Der Film „Silence“ ist ein Meisterwerk, wenn es darum geht, die Situation der Christen im Japan der Kolonialzeit und den inneren Konflikt der Priester jender Zeit darzustellen. Zu Zigtausenden wurden die Christen in Japan hingerichtet. Eine Schandtat, die viel zu wenig in der Öffentlichkeit bekannt ist. Theologisch bietet der Streifen viel Stoff zum Nachdenken. Und für Cineasten ist das neue Werk Scorseses ein wahrer Genuss, wenn auch nur für starke Nerven. (pro)

 

„Silence”, 166 Minuten, Kinostart am 2. März 2017, freigegeben ab 16 Jahren, Regie: Martin Scorsese

Von: js

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