Khaled (l.) bekommt in Finnland kein Asyl und taucht in einem Restaurant unter

Khaled (l.) bekommt in Finnland kein Asyl und taucht in einem Restaurant unter

Die Unsichtbaren

Aki Kaurismäkis Berlinale-Film „Die andere Seite der Hoffnung” erzählt unemotional von der Flüchtlingskrise und witzelt über Islamisierung und Rechtsradikale. Eine gute Mischung. Eine Filmkritik von Anna Lutz

„Wie sind Sie über die Grenze gekommen?"

„Es ist ganz einfach. Niemand will uns sehen. Wir verursachen nur Probleme."

Dieser Dialog zwischen einer Mitarbeiterin der finnischen Migrationsbehörde und dem geflüchteten Syrer Khaled (Sherwan Haji) fasst das Thema des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbsbeitrags „Die andere Seite der Hoffnung” zusammen. Regisseur Aki Kaurismäki zeigt, was heute alltäglich ist: Ein Flüchtling verlässt seine Heimat, reist quer durch Europa und strandet schließlich in Finnland, wo er seine Identität opfert, um nicht zurück in den Krieg zu müssen. Dass das Publikum über einen solchen Film auch noch lachen darf, macht ihn zu etwas Besonderem.

Khaled kommt auf einem Transportschiff nach Finnland. In einer der ersten Filmszenen gräbt er sich, zunächst versteckt unter Kohle und Dreck, in die Freiheit. In einer Bahnhofsdusche wäscht er sich die schwarze Farbe von der braunen Haut, etwa so, wie er seine Identität in den kommenden anderthalb Stunde von sich abfallen sehen wird. Denn sein Antrag auf Asyl scheitert. Khaled, der aus Syrien in die Türkei, nach Griechenland und über Ungarn und Serbien schließlich in seine neue Wunschheimat gelangt, soll zurück nach Aleppo. Die Behörden halten die Stadt für sicher, am Abend verkünden ihm Nachrichten das Gegenteil. Also entschließt er sich zum illegalen Aufenthalt und findet Unterschlupf bei einem Restaurantbesitzer (Sakari Kuosmanen), der ihm Arbeit, Unterschlupf und einen gefälschten Pass besorgt.

Kaurismäkis Film zeigt das Grauen der Flucht ganz beiläufig. Nicht in Bildern und dramatischen Dialogen, sondern ganz nüchtern als alltägliches Geschehen überall um uns herum. Tränenfrei berichtet Khaled etwa der Beamtin beim Asylinterview davon, wie eine Bombe seine Familie tötete. Wie er zusammen mit seiner Schwester (Niroz Haji) die toten Eltern aus den Trümmern grub, um sie anschließend wieder zu begraben. Wie er sich zur Flucht entschloss, unterweges seine Schwester verlor und sie nun um alles in der Welt wiederfinden möchte. „Brauchen Sie eine Pause?”, fragt die Interviewerin. Der Syrer antwortet: „Nein, wieso?” Der Horror ist so normal, dass er den Befragten nicht mal mehr stocken lässt.

Der islamisierte Hund

Was es für Geflüchtete wirklich bedeutet, in einem neuen Land anzukommen, machen Szenen deutlich, die Khaled im Flüchtlingsheim zeigen - rauchend, das Bett machend, Wäsche waschend, aber ohne Arbeit und Beschäftigung. Als er bereits untergetaucht ist, wird das Restaurant, in dem er arbeitet, vom Ordnungsamt kontrolliert. Khaled wird zusammen mit dem süßen kleinen Hund, der in der Küche wohnt, ins Klo gesperrt, damit ihn niemand findet. Der Restaurantbesitzer vergisst beide dort. Oder wie Khaled bereits im Interview mit den Behörden sagte: „Niemand will uns sehen.”

Das mag nach einer Menge Pathos klingen, tatsächlich ist das Besondere an der finnisch/deutschen Produktion aber der teils klamaukige Humor, der die eigentlich traurige Geschichte durchzieht. So sagt Khaled nach seiner Befreiung aus der Toilette über das Tier auf seinem Arm: „Ein sehr schlauer Hund. Ich habe ihm arabisch beigebracht. Und er hat sich dem Islam zugewandt.” Kaurismäki führt die Angst vor einer Islamisierung in dieser Szene ad absurdum.

Böse dreinschauende Pappfiguren

Ähnlich tut er es mit der Sorge vor einem wirtschaftlichen Niedergang durch wachsende Zuwanderung. Immer wieder ist die Angst vor der Zukunft Thema seiner finnischen Figuren. Geschäfte laufen schlecht, die hier und da zu hörenden Volkslieder erzählen von Armut und schlechter Ernte und ausnahmslose alle Darsteller schauen ernst drein. Ein Lachen können sich nur die zwei Rechtsradikalen abringen, die versuchen, Khaled anzuzünden. Am Ende ist seine Schwester die einzige, deren ernster Blick tatsächlich schwer wiegt und die nicht wirkt, wie eine böse dreinschauende Pappfigur.

„Die andere Seite der Hoffnung” ist einer der wenigen Wettbewerbsbeiträge in diesem Jahr, die sich direkt einem aktuellen politischen Thema widmen, bleibt dabei aber nüchtern und löst Schwere durch Humor auf. Das macht ihn zu einem echten Kunstwerk, auch wenn die Gags an sich Geschmackssache sind. (pro)

Von: al

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