Weiß die Kirche, womit sie es beim Islam zu tun hat? Diese Frage stellt der kürzlich verstorbene amerikanische Philosoph James V. Schall in seinem Buch „Der Islam“.

Weiß die Kirche, womit sie es beim Islam zu tun hat? Diese Frage stellt der kürzlich verstorbene amerikanische Philosoph James V. Schall in seinem Buch „Der Islam“.

Weiß die Kirche, was der Islam ist?

Die Kirche habe nie wirklich eine Antwort auf die Frage gefunden: Was ist der Islam? Dabei sei diese Frage doch über 1400 Jahre alt und angesichts des zunehmenden islamistischen Terrors brisanter denn je. Das schreibt der kürzlich verstorbene amerikanische Philosoph und Jesuiten-Priester James V. Schall in seinem Buch „Der Islam“, das auf Deutsch erschienen ist. Eine Rezension von Jörn Schumacher

Der amerikanische Jesuit James V. Schall, der bis zur seinem Ruhestand 2012 Professor für Politische Philosophie an der Universität Goergetown (USA) war, geht die Frage „Was ist der Islam“ – ganz seinem Berufe entsprechend – politisch-philosophisch an. Schall, der von 1977 bis 1982 Mitglied des „Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden“ in Rom war, verstarb im April 2019. Sein Buch „Der Islam. Friedensreligion oder Gefahr für die Welt?“ ist vor kurzem im katholischen Verlag „Media Maria“ erschienen.

Der politische Islam sei untrennbar mit dem religiösen Islam verbunden, lautet eine der wichtigsten Thesen Schalls. Dabei stehe der Islam auf zwei Standpunkten: Innerhalb der islamischen Welt gelten Frieden und gegenseitige Unterstützung; andererseits sollen alle Andersgläubigen bekämpft werden, bis die ganze Welt Allah unterworfen ist. Das mache den Islam einmalig.

„Böses ist mal gut, und Gutes mal böse“

Schon bei den alten muslimischen Philosophen habe ein Voluntarismus vorgeherrscht, also die Vorstellung, dass es keine rationale Ordnung in den Dingen oder in der menschlichen Natur gibt.

„Hinter der gesamten Wirklichkeit steht ein Wille, der immer auch anders sein könnte. Er ist an keinerlei Wahrheit gebunden.“ Eine Folge davon sei, dass Böses auch mal gut sein könne und Gutes auch mal böse.

Schall bezieht sich häufig auf den britischen Schriftsteller Hilaire Belloc (1870-1953), so auch bei der These: Sollte der Islam jemals wieder so mächtig werden wie einst, würde er auch dasselbe tun wie damals: im Namen Allahs expandieren. „Im Grunde denke ich, dass der Islam genau das ist, was er zu sein behauptet: eine Religion, die nach wie vor die Mission hat, alle Menschen der Herrschaft Allahs zu unterwerfen.“

Dabei habe die Kirche (die katholische, denn die meint Schall ausschließlich) eigentlich nie wirklich bedeutende Anstrengungen unternommen, den Islam zu definieren. Eigentlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass dem Islam ein Fünftel der Weltbevölkerung angehören und er die am schnellsten wachsende Religion auf der Welt ist, findet Schall. Er kommt zu dem Schluss: „Wir könnten eine wirklich aussagekräftige Enzyklika 'Über den Islam' gebrauchen.“

Selbstverständlich würdigt der Autor dennoch Papst Benedikts Bemühen, den Islam zu thematisieren und in einen akademischen Kontext zu behandeln. So verurteilte Benedikt 2005 bei der Audienz für die Vertreter einiger muslimischer Gemeinden in Köln islamistischen Terror. Außerdem hielt Benedikt seine „Regensburger Vorlesung“ 2006, für Schall „das erste bedeutende päpstlich Dokument der modernen Zeit, das sich im Licht der Geschichte mit der Frage 'Was ist der Islam?' auseinandersetzt“.

Ein Wendepunkt stellte für Schall persönlich neben dem 11. September 2001 die Nachricht von der brutalen Ermordung von Trappistenmönchen 1996 in einem abgelegenen Kloster in Algerien dar. (

Von diesen Geschehnissen handelt der Spielfilm „Von Menschen und Göttern“. Schall: „Ich bin keineswegs der Ansicht, dass die Geschichte des Islams ausschließlich blutig ist. Es ist nur so, dass das Blutvergieß0ebn ein Teil seiner Geschichte ist – ein Teil, der gerade jetzt, in unserer Zeit, weitergeschrieben wird und an Bedeutung gewinnt.“ Gepaart mit dem Rückgang des Christentums in der westlichen Welt stehe dem Islam einer „glänzenden Zukunft“ entgegen.

Alte Probleme – und dennoch aktuell

Es herrsche landläufig eine Meinung über den Islam vor, dass diese Religion friedlich sei, so Schall.

Er hält dem entgegen: „Die meisten Kriege oder Aufstände in unserer gegenwärtigen Welt haben eine muslimische Komponente.“ Zudem erinnert er daran, dass es muslimische Staaten gebe, die die staatenlosen Terroristen unterstützen, finanzieren und schützen. Für Schall steht fest: „Es gibt kein drängenderes Problem als das, eine exakte Antwort auf die Frage 'Wa ist der Islam?' zu finden.“

So wichtig das Thema auch ist, manches im Buch wirkt veraltet. Tatsächlich handelt es sich hier um eine Chronologie zum Thema politischer Islam, die Schall zwischen den Jahren 2002 und 2018 angelegt hat. Die meisten Bücher, auf sich der Autor beruft, stammen denn auch aus den Jahren vor 2010. Sein eigenes Kapitel über die Anschläge vom 11. September 2001 heißt „5 Jahre danach“ – und wirkt entsprechend veraltet. Oft stellt man sich als Leser die Frage: Ist nicht bereits alles gesagt zum Terror, der an diesem Tag Amerika überschattete?

Das Buch „Der Islam“ ist eine anspruchsvolle politische Einordnung des Islam und der Möglichkeiten, auf islamistischen Terror zu reagieren. Für die meisten, die sich bereits dem Thema befasst haben, dürfte das Buch nicht all zu viel Neues bieten. Dennoch kann diese „Chronik“ vielleicht wieder neu als Warnung vor den Gefahren des extremen politischen Islams dienen. Denn Manche Mahnungen Schalls sind so aktuell wie eh und je: „Die katholische Kirche – und die Christenheit insgesamt – hat der Tragweite dessen, was der Koran über sie sagt, nie wirklich ins Auge geblickt.“

 

 

James V. Schall SJ: „Der Islam. Friedensreligion oder Gefahr für die Welt?“, Media Maria, 272 Seiten, 18,95 Euro, ISBN: 978-3-9479310-2-6

Von: Jörn Schumacher

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