Erik Flügge schildert seine Thesen für einen mutigen Protestantismus

Erik Flügge schildert seine Thesen für einen mutigen Protestantismus

Autor fordert: Gottesdienste abschaffen, Bibel erweitern

Gottesdienste abschaffen, die Bibel weiterschreiben, einen weltweiten Oberrepräsentanten bestimmen – so will Autor Erik Flügge den siechenden Protestantismus retten. Seine Thesen provozieren, gehen aber weit an der Realität vorbei. Eine Rezension von Nicolai Franz

Erik Flügge ist bekannt für steile Thesen. „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“, klagte der Berater und Autor 2015 – und traf damit einen Nerv. Geistliche sollten über den Glauben so reden wie andere beim Bier über ihre Hobbys, natürlich und ungezwungen.

Mit seinem neuen Buch „Nicht heulen, sondern handeln“ richtet sich Flügge explizit an die Evangelische Kirche. Die sieche dahin, und der Katholik Flügge will sie mit einem provokanten Dreiklang retten: Gottesdienste abschaffen, Bibel weiterschreiben, einen weltweiten Oberrepräsentanten bestimmen.

Das sind natürlich radikale Schritte, wie es sie noch nie seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden gegeben hat. Doch nur mit radikalen Veränderungen habe der Protestantismus eine Zukunft, findet Flügge. Apple sei deshalb eine so erfolgreiche Marke, weil sie „ständig protestantisch denkt: marktwirtschaftlich, puristisch, neu“. Das ist eine sehr eigene Interpretation des evangelischen Glaubens, und es ist längst nicht die einzige auf den 96 Seiten dieses dünnen und sehr luftig bedruckten Buchs. Die Kirche brauche den „Steve Jobs des Protestantismus, der nicht immerfort das Alte bewahrt, sondern sich erlaubt, schlicht anders zu denken“.

Evangelikale kommen vor – als Negativbeispiele

Diese Ansätze gibt es zwar auch in der Realität bereits, sie haben es aber nicht in Flügges Buch geschafft. An keiner Stelle erfährt der Leser etwa von den vielversprechenden Ideen von „FreshX“, das neue Kirchenformen entwickelt, nichts von den vielen kreativen Gemeinden, die längst ohne altes Sakralgemäuer auskommen, sondern sich in Cafés und Kulturzentren treffen. Kreativ und erfolgreich sind auch die zahlreichen Gemeindegründungen von Freikirchen in Großstädten, die nach der Trial-and-Error-Methode Neues ausprobieren – und das Gute behalten. Evangelikale kommen im Buch zwar vor, allerdings ausschließlich als Negativbeispiele für „Fundamentalisten“ und „Kreationisten“, mit denen zu diskutieren unmöglich sei. Dabei sind es häufig gerade die Evangelikalen in Landes- und Freikirchen, die neue Gemeindeformen vorantreiben, und zwar oft genug gegen die Entscheidungs- und Bedenkenträger, die Flügge zu Recht kritisiert, weil sie viele Themen zu Tode differenzieren würden.

Weil diese Argumente fehlen, wirkt es geradezu logisch, dass Flügge ungeniert fordert, Gottesdienste doch einfach ganz abzuschaffen, wenn doch, wie der Autor gleich viermal erwähnt, nur noch drei Prozent der Protestanten sonntags zur Kirche gingen. „Tot“ sei der Gottesdienst daher. Anders als in der Katholischen Kirche sieht Flügge in der Evangelischen keine „theologische Notwendigkeit“ für einen Gottesdienst, vermutlich wegen des unterschiedlichen Sakramentsverständnisses. Dabei waren Gottesdienste seit frühesten Kirchentagen und in der Reformation sowieso immer das Herzstück des kirchlichen Lebens. Selbst die verfolgten Christen aus unfreien Gesellschaften treffen sich trotz staatlicher Repressionen in ihren Häusern, um gemeinsam zu beten, Gott zu loben und auf biblische Auslegungen zu hören.

Predigten hält Flügge für überflüssig, weil die Menschen aus seiner Sicht heutzutage sehr viel gebildeter seien als früher und daher auch ohne die „Behelfskonstruktion zur Instruktion“, wie er Gottesdienste nennt, eine eigenständige Spiritualität entwickeln könnten. Das stimmt natürlich, ist aber kein Novum des 21. Jahrhunderts. Ein flüchtiger Blick in die neutestamentlichen Briefe genügt, um zu erkennen, wie Menschen schon immer in der Lage waren, „eigene“ Theologien bis hin zu Irrlehren zu entwickeln.

Martin Luther war „bei Weitem nicht so gebildet“

Martin Luther sei „bei Weitem nicht so gebildet“ gewesen, wie es heute viele in seiner Kirche sind, schreibt Flügge. „Er hatte nicht viel mehr als seine Bibel und seinen Glauben und eine innere Haltung, die es ihm erlaubte, sich selbst zu entfesseln.“ Wie es solche Sätze durch die Korrektur geschafft haben, ist schwer erklärbar. Denn natürlich war Luther auch für heutige Verhältnisse hoch gebildet. Er beherrschte die biblischen Ursprachen sowie Latein. Er rezipierte die Literatur der Kirchen- und Philosophiegeschichte, entwickelte reflektierte und tiefgründige Verständnisse in allen möglichen Bereichen der Theologie, war ein exzellenter Rhetoriker, argumentierte auf hohem Niveau im intellektuellen Diskurs mit seinen theologischen Gegnern. Und er hinterließ neben dem sprachlichen und theologischen Meisterwerk der Bibelübersetzung einen reichen schriftlichen philosophisch-theologischen Fundus, an dem sich noch 500 Jahre später Heerscharen an Doktoranden die Zähne ausbeißen.

Es zeugt von einem fragwürdigen Bildungsverständnis, wenn Flügge meint, wir seien heute theologisch reflektierter, weil wir Smartphones benutzen und das Physikabitur bestanden haben. Umso mehr irritiert es, dass der Autor einige Buchseiten später – ausgerechnet – die mangelnde Bildung bei Protestanten beklagt. Vorwurf: Viele von ihnen würden den Papst für ihr Kirchenoberhaupt halten.

Einen Papst für die Protestanten fordert der Katholik zwar nicht, wohl aber einen weltweit gewählten Oberprotestanten, der für eine begrenzte Amtszeit und mit Mut zu frischen, zur Not auch unreflektierten Thesen die Gesellschaft aufmischt. Eine Art Luther 2.0 also – eine gar nicht so schlechte, wenn auch in der Praxis natürlich kaum umsetzbare Idee. Schließlich gibt es ja gar nicht „die Protestanten“, wie es „die Katholiken“ gibt. Zigtausende Denominationen bilden mit ihren Mitgliedern den weltweiten Protestantismus.

Wenige Pfarrer glauben an Auferstehung

In bundesdeutschen Grenzen wäre es schon einfacher. Flügge nennt Margot Käßmann. Sie sei das perfekte Beispiel eines „frei entfesselt sprechenden“ Protestanten, der ohne Zwänge von Amt und Synode das sagen könne, was er wolle. Erst eine Alkoholfahrt habe sie „hervorgebracht“. Dabei war Käßmann zu dem Zeitpunkt als Hannoversche Bischöfin bereits Chefin der größten Landeskirche und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche. Und schon damals war sie bekannt für frische, manchmal überspitzte Thesen. Laut dem Analyseunternehmen Media Tenor lag die Evangelische Kirche in ihrer Amtszeit, gemessen an ihrer Präsenz in den Medien, noch über der „Wahrnehmungsschwelle“, danach verlor sie zunehmend an Aufmerksamkeit. Trotzdem hat Flügge mit seiner These recht: Die Kirche braucht Führungsfiguren, die Menschen mit der christlichen Botschaft erreichen, denen man gerne zuhört, nicht weil sie ein Amt bekleiden, sondern weil sie etwas zu sagen haben.

Das führt zu einem in der Tat gewichtigen Problem: Kaum ein Pfarrer glaube noch an die Auferstehung, berichtet Flügge aus Begegnungen und Vorträgen in Kirchenkreisen. Unter Auferstehung versteht Flügge vermutlich, wie die meisten Menschen auch, die körperliche Auferstehung von Jesus Christus. Dieser Auferstehungsglaube sei doch das Fundament der Kirche – und das bröckle nun gewaltig.

Vielleicht ist das eher ein Hinweis darauf, warum so viele Protestanten die Gottesdienste meiden: Weil die evangelische Theologie, zumindest in Teilen, die Kernbotschaft des neutestamentlichen Glaubens vernachlässigt hat. Die Wirtschaft spricht vom „unique selling point“, dem Alleinstellungsmerkmal einer Marke. Zusammenhalt gibt es auch im Fußballverein, Musik gibt es auf Konzerten, Politik gibt es in Parteien. Aber geistliche Gemeinschaft durch den Glauben an den dreieinigen Gott gibt es eben nur unter Christen. Das ist die Standardkritik aus theologisch konservativen Kreisen am Mainstream-Protestantismus.

Wenn die Menschen etwas interessiert, investieren sie gerne Zeit dafür. Millionen sehen YouTube-Videos mit „TED-Talks“, um dazuzulernen. Sie laden sich Hörbücher und Podcasts, übrigens auch Predigten, auf ihr Smartphone. Sachbücher und Lebensratgeber finden nach wie vor reißenden Absatz. Natürlich gibt es dort auch einen Platz für Gottesdienste und Predigten, wenn sie die Lebenswirklichkeit der Zuhörer treffen und die christliche Botschaft in das digitalisierte und scheinbar satte Deutschland des Jahres 2019 übersetzen. Leider kommt dieser wichtige Punkt, wenn überhaupt, nur am Rande des Buchs vor.

Fortgeschriebene Bibel würde die Kirche spalten

Stattdessen fordert Flügge, die Protestanten sollten ihre Bibel fortschreiben, also erweitern. Zu sehr habe sich die Welt vom Umfeld der Heiligen Schrift wegentwickelt, zu fremd seien die Inhalte der Bibel geworden: „Reicht denn der Text aus, wenn aus einer Gesellschaft der Landwirtschaft längst eine komplexe Dienstleistungsgesellschaft wurde?“ Die Bibel sei „weit weniger heilig“, als es die ersten Übersetzer gedacht hätten. Dadurch werde es immer schwerer, die Brücke zu den Zuhörern zu schlagen.

Je weiter man Flügges Vorschlag denkt, desto deutlicher wird, wie absurd er ist. Abgesehen von gravierenden theologischen Schwierigkeiten würden solche Bestrebungen wieder einmal am Wesen des Protestantismus scheitern. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten aller christlichen Kirchen weltweit ist das Bekenntnis zu den 66 Büchern der Bibel. Die Protestanten, die im Gegensatz zu den Katholiken kein Machtzentrum haben, würden es allein organisatorisch weltweit niemals fertig bringen, etwa eine Luther- oder eine Bonhoefferschrift zu kanonisieren. Wer würde darüber entscheiden? Selbst wenn das auch nur in Deutschland gelänge, wäre eine Kirchenspaltung die Folge. Und eine deutsche Kirche mit Sonderlehren.

Für Flügge lässt der Protestantismus „den Menschen in jeder Inspiration die Göttlichkeit entdecken“. Die Kirche solle „inspirieren“, statt zu enttäuschen. Wenn es um die konkrete Umsetzung dieser doch sehr vagen Definition geht, wird es eher dünn. Die Kirchen sollten ihre Räume für Konzerte nutzen (was längst geschieht), sie solle „die Türen aufreißen“, wenn drinnen jemand Orgel spielt (was ebenfalls längst geschieht). Statt bemüht Gottesdienste zu organisieren, solle der Kirchenraum immer dann seine Türen öffnen, „wenn er bereitet ist, die nächste Inspiration zu geben“ – was auch immer das bedeutet. Es sei auch nicht schlimm, wenn es dadurch keine geistliche Gemeinschaft mehr gäbe, um Gott zu erfahren, denn die bräuchte ohnehin nur noch ein kleiner Rest. Irgendwann würden die Menschen automatisch kommen, um jemandem um ein Gebet zu bitten. Doch gibt es dann überhaupt noch eine Kirche? Nach der Innovationskraft eines Steve Jobs klingt das nicht.

Sicher: Die Kirche braucht frische Ansätze, wie sie sie in ihrer Geschichte schon immer gebraucht hat. Flügge hat völlig recht damit, dass die Überreflektiertheit protestantischer Geistlicher oft genug mutige Ideen verhindert. Vielleicht versucht er es deswegen mit einem radikalen Kontrapunkt, bei dem beim Lesen die Frage aufpoppt, ob Flügge die Thesen in seinem am 1. April erschienenen Buch wirklich ernst meint. Im besten Fall löst es das aus, was es wohl bezwecken soll: eine Diskussion. Mehr Substanz hätte dem Buch trotzdem gutgetan.

Erik Flügge: „Nicht heulen, sondern handeln: Thesen für einen mutigen Protestantismus der Zukunft“, Kösel, 96 Seiten, 12 Euro, ISBN: 9783466372386

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