Auf eine anspruchsvolle Gedankenreise in die Grenzregion zwischen Physik und Religion nimmt der Physiker Markolf H. Niemz den Leser mit

Auf eine anspruchsvolle Gedankenreise in die Grenzregion zwischen Physik und Religion nimmt der Physiker Markolf H. Niemz den Leser mit

Auf einem Lichtstrahl in die Esoterik

Ein etwas verworrenes Buch präsentiert der Physiker Markolf H. Niemz unter dem eigentlich vielversprechenden Titel „Die Welt mit anderen Augen sehen. Ein Physiker ermutigt zu mehr Spiritualität“. Es geht um Licht, an dem er seine ganz eigene religiöse Weltvorstellung festmacht, um den freien Willen, chinesische Philosophie und den etwas esoterischen Zusammenhang zwischen Physik und Religion. Eine Rezension von Jörn Schumacher

Licht ist etwas Göttliches. So viel erfuhr der Leser bereits in den bisherigen Büchern von Markolf H. Niemz. In seinem Buch „Lucy im Licht: Dem Jenseits auf der Spur“ stellte er 2010 die Theorie auf, dass die Seele nach dem Tod auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt wird; dann, sagt Einstein, steht die Zeit für das Objekt still. Das könnte doch als Erklärung für die Ewigkeit dienen, fand Niemz. Und steht das nicht im Einklang mit den meisten Religionen dieser Welt, die dem Licht eine geistliche Bedeutung zusprechen?

Als Prof. Dr. Markolf H. Niemz wird der Autor vom Gütersloher Verlagshaus auf dem Buchrücken vorgestellt, Physiker mit einem Lehrstuhl für Medizintechnik an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Das neue Buch von Niemz handelt weniger von Nahtoderlebnissen, als vielmehr von dem Licht als Erklärung für ein religiöses Weltbild – ganz gleich, welcher Couleur diese Religion auch sein mag. Jede Religion hat etwas für sich, findet Niemz, ob Hinduismus, Buddhismus, Christentum, Judentum, Islam oder seien es die Naturwissenschaften, alles führe irgendwie zur Wahrheit.

In sechs Kapiteln versucht der Autor zu zeigen, dass erstens Licht viel mehr ist als das, was Physiker im Lehrbuch sonst darüber schreiben, und zweitens, dass es uns ganz viel über das Übernatürliche sagen kann. Niemz nimmt den Leser „auf eine Reise“, er spricht den Leser direkt an und stellt ihm Aufgaben. Die „Perspektive wechseln“ ist ihm wichtig. „Wir werden erkennen, dass kein Mensch von sich aus schlecht ist und dass es eine Gerechtigkeit gibt, die all unsere Vorstellungskraft übersteigt“, nimmt er den Leser zu Beginn an die Hand. Und lässt vielleicht den einen oder Christen besonders hellhörig werden. Kein Mensch ist von sich aus schlecht?

Alles ist jetzt, überall

Der Trip, den Niemz mit dem Leser unternimmt, führt wortwörtlich durch Raum und Zeit, zu Newton, Leibniz, Einstein und anderen großen Denkern. Wer sich durch die anspruchsvollen Erklärungen zu der wohl immer verwirrend bleibenden Relativitätstheorie Albert Einsteins gekämpft hat, dem soll klar werden: Raum, Zeit und Masse sind relativ, sie sind nur Adjektive ein und derselben Sache.

Dann wird es esoterischer: Mensch sein bedeute eigentlich Mensch werden, oder „menschend“ sein. Die Vergangenheit ist eigentlich gar nicht wirklich vergangen – es ist nur eine Frage des Ortes. Denn das Licht, das auf ein bestimmtes Ereignis in der Geschichte schien, breitet sich im Universum aus, unendlich und unaufhaltsam. Also ist es nur eine Frage, wo ich dieses Licht gerade auffange, und dort erscheint mir jenes Ereignis immer als aktuell. Ja, da kommen Fragen auf. Helmut Schmidt würde aus einem Raumschiff in 50 Lichtjahren Entfernung genau jetzt live Bundeskanzler sein können, so Niemz. Ein Fußballspiel, das ich im Stadion erlebe, ist eben auch schon mindestens einige Meter „alt“, und wenn ich einige Hundert Meter vom Stadion entfernt bin, ist das Spiel ebenfalls schon etwas älter. Was also ist schon „live“?

Niemz folgert: Es gibt unzählige Wirklichkeiten. Was alles verbindet, ist das Licht. Es ist für Niemz ein Transporter für Informationen quer durch den Kosmos, und ein Speicher für alles, was je geschehen ist. „Nichts – nicht einmal ein Lidschlag – geht verloren, weil das Licht in alles involviert ist, was geschieht.“ Frage: Und was, wenn ich mir eine Hand vor das Gesicht halte oder der Lidschlag im Dunkeln passiert? Dann gibt es doch kein Licht, das dieses Ereignis weitertransportiert? Und selbst wenn das Licht durchs All rast, das Ereignis selbst ist doch ein für allemal vorbei? Und selbst angenommen, das würde so funktionieren, der Schall würde ja spätestens in der Atmosphäre abebben und keineswegs ewig im All umherschwirren.

Niemz zieht aus seinem Gedankengang jedenfalls religiöse Schlüsse: „Licht ist uns immer einen Schritt voraus. Auch das ist eine mystische Erfahrung, die an religiöse Auffassungen von Gott erinnert.“ Und er zieht daraus moralische Lehren: „Was bedeutet es für unser Handeln, wenn das Licht ein Weltgedächtnis ist? Denken Sie lieber zweimal nach, bevor Sie jemandem ernsthaft wehtun! Alles, was wir uns gegenseitig an Leid zufügen, wird im Licht für immer mit unseren Namen verknüpft sein.“ Stellt die Definition auf: „Ewigkeit ist das Sein im Licht.“

Beten hilft nichts

Aber Licht breitet sich doch radial in alle Richtungen von einem Objekt nach außen hin aus – und wird somit schwächer, je nachdem von wo aus man das Objekt betrachtet? Und ein Ereignis findet doch nicht genau dort statt, wo lediglich sein Licht davon an mir vorbeifliegt? Wenn ich eine Supernova am Sternenhimmel sehe, dann fand diese nun einmal viele Millionen Kilometer entfernt statt – und doch nicht erst in dem Augenblick, wo das Licht davon bei mir ankommt? Wenn ich in die Hände klatsche, und der Schall wenig später bei einer Person ankommt, würde diese Person doch nicht behaupten, das In-die-Hände-Klatsche finde erst statt, wenn man den entsprechenden Schall hört?

Für Niemz geht es aber weiter: Gott ist für ihn ein unpersönlicher Beobachter der Welt, der nicht in die Welt eingreifen kann. Damit ist Niemz meilenweit – oder besser: Lichtjahre weit von den meisten Religionen entfernt, denen er sich anfangs doch noch so nah sah. In seiner Welt hilft Beten nichts. Hinzu kommt noch, dass für ihn auch die Kategorien „gut“ und „böse“ nicht existieren sollten. Für einen Kranken sei ein Antibakterium vielleicht „gut“, aber für das Bakterium selbst ist es doch schlecht. Alles eine Frage des Betrachtungswinkels.

Letztendlich will Niemz die „humanen Werte“ hochhalten, wie er auch in einem Gruß an seinen englischen Übersetzer mitten im Buch kundtut. Schöpfung oder Schöpfer? Beides dasselbe, so Niemz. Ein persönlicher Gott, der sich für den einzelnen Menschen interessiert – Fehlanzeige. Erst recht kein Gott, der in Christus Mensch wurde. Niemz hält es eher mit dem britischen Philosophen Alfred North Whitehead: Der, der die Welt erschaffen hat, ist die Welt selbst. Die Welt schafft Gott. Niemz fällt es „schwer, sich einem anderen Gott anzuvertrauen“ als diesem. Noch ein bisschen Daoismus und Yin und Yang. „Die Wahrheit ist niemals außerhalb, sondern stets mitten unter uns.“ Die „fernöstliche Philosophie“ wisse das schon lange. „Zwei Hähne streiten sich um eine Henne – sie sind eins. Ein Fuchs tötet ein Lamm – sie sind eins.“ Die Schöpfungsgeschichte der Bibel? Wegen der modernen Erkenntnisse der Evolutionsforschung längst überholt.

„Sie hatten eben eine spirituelle Erfahrung ...“

Irgendwann überholt sich Niemz in seiner lichtschnellen Argumentation irgendwie selbst. Der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach habe gesagt, man solle das denkende Ich abschaffen, und vielmehr sagen: „Ich fühle, also bin ich.“ Der Autor, ein studierter Physiker, der eben noch von der Strenge der naturwissenschaftlichen Urteilskraft schwärmte, redet nun davon, dass man vielleicht stattdessen besser fühlen sollte. Von einem „Ich“ zu sprechen, wenn man denkt, sei falsch. Wie wäre es, stattdessen mit dem französischen Dichter Arthur Rimbaud zu sagen: „Es denkt mich.“ Das, so Niemz, sei „ein kluger Schachzug“ gewesen, um das Subjekt „ich“ in das Objekt „mich“ „umzuwandeln“. Sprich: Es gibt kein ich, es gibt kein gut und böse, alles ist eins, und das ganze Universum ist ewig, weil aus Licht bestehend.

Der Stil des Buches, in dem der Leser permanent persönlich angesprochen und aufgefordert wird, dies oder jenes zu tun, mag bei manchem Leser gut ankommen. Hier wird nicht einfach gesagt, wie man die Welt sieht, man unternimmt eine „Reise“ mit dem Autor. Ein skeptischer Leser mag eher der Verdacht bekommen, irgendwie würde einem hier etwas verkauft werden, und dabei lägen die Karten nicht von Anfang an offen auf dem Tisch.

Sätze wie „In wenigen Augenblicken werden Sie die Antwort auf die wohl spannendste Frage in Händen halten“, „Sie haben bereits gelernt dass ...“ oder „Wenn Sie meinen Anweisungen gefolgt sind, hatten Sie eben eine spirituelle Erfahrung ...“ sollen dem Leser wohl auf die Schulter klopfen und ihm weismachen, alles sei bisher mit rechten Dingen zugegangen. Sie wirken aber auch anmaßend und verstärken die Skepsis nur noch. Wer sich dem Autoren nicht wie einem Bergführer anvertraut, der sich in dem unwegsamem Gelände schon auskennen wird, dessen Weltbild wird vielleicht enttäuschenderweise nicht „auf den Kopf“ gestellt, wie es der Verlag ankündigt. Aber vielleicht nimmt er ja doch die eine oder andere weise Erkenntnis aus diesem Buch mit.

Markolf H. Niemz: „Die Welt mit anderen Augen sehen. Ein Physiker ermutigt zu mehr Spiritualität“, Gütersloher Verlagshaus, 192 Seiten, 20 Euro, ISBN 9783579062129

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