Ulrich Eggers (rechts) ist Erster Vorsitzender von Willow Creek Deutschland und Geschäftsführer der SCM-Verlagsgruppe

Ulrich Eggers (rechts) ist Erster Vorsitzender von Willow Creek Deutschland und Geschäftsführer der SCM-Verlagsgruppe

Das große C hält

Der Willow-Creek-Leitungskongress Ende Februar in Karlsruhe war eine der ersten großen Veranstaltungen in Deutschland, die dem Coronavirus zum Opfer fiel: Ein Referent war erkrankt, der Kongress vorzeitig abgebrochen worden. Der Verleger und Vorsitzende von Willow Creek Deutschland Ulrich Eggers, schildert in einem neuen Buch, wie er das erlebte, wie er selbst krank und der Glaube zu einem Kampf wurde. pro veröffentlicht einen Auszug daraus.

Die Szenen sind wie eingebrannt: Der schwierige Auftakt vom Willow-Creek-Kongress – erstmals ohne Bill Hybels. Große Spannung bei mir, aber die Eröffnung gelingt. Erleichterung – und die Kongress-übliche Action, VIP-Empfang, Pressekonferenz, Interviews, Absprachen. Mitten in der sechsten Einheit kommt Ben Lechner vom Management-Team nach vorne in unseren Veranstalter-Block und fordert uns mit ernstem Blick auf, mitzukommen. Wir marschieren durch die Menge nach hinten, sehen fragende Blicke. Im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes der Messe erfahren wir, was los ist: Einer unserer Sprecher, mit dem wir uns vor dem Start getroffen hatten, liegt mit hohem Fieber im Krankenhaus. Gerade war das positive Testergebnis da: Corona!

Gemeinsam mit gut 20 anderen Leitungsleuten und Referenten, die mit beim Vortreffen waren, sitzen wir in einem Quarantäne-Raum. Und müssen jetzt nicht nur rasch entscheiden, ob der Kongress abgebrochen wird, sondern müssen auch sofort nach Hause in Quarantäne. Es ist schwer, aber klar: Wir brechen ab. Die Bilder aus diesem Raum sitzen tief: Schweigen, Schock, Trauer, Fragen, Witze, Entsetzen, Tränen, Gebetsrunden. Ein langer Blick zwischen mir und meiner Frau Christel, in dem alles gesagt ist ... Das kleine Mädchen auf dem Flur, das hilflos weint und vergeblich getröstet wird. Hektische Entscheidungsrunden, Presse-Statements vorbereiten, welche Argumente zählen, mit wem darf ich gerade noch reden? Völlig konsterniert bereitet sich Jörg Ahlbrecht, der Willow-Producer, auf die Absage von der Bühne vor – er ist der einzige Leitende, der „unberührt“ blieb und noch in den Saal darf. Dann der Strom der Besucher, die ruhig das Gelände verlassen. Schließlich dürfen auch wir gehen – unsere örtlichen Gesundheitsämter werden parallel informiert.

Wir entscheiden uns, unseren Freund und Sprecher Gordon MacDonald mit nach Haus zu nehmen – er darf nicht zurück in die USA und kann ad hoc nirgendwo betreut werden. Dann die lange Fahrt durch die Nacht, der Anruf einer unserer Töchter, die in Bremen bei der Übertragung den Abbruch mitbekommen hatte – und die sorgenvollen Blicke ihrer Gruppe. Wir trösten, geben eine erste Einkaufsliste durch, freuen uns über Liebe und Zusammenhalt. Kommen schließlich weit nach Mitternacht in das stille Haus. Lahmgelegt.

Zwischen Mut und Endzeitstimmung

Die folgenden 13 Tage aber sind nicht still, sondern voller Stress! Organisation rund um den Kongress-Abbruch und die SCM-Verlagsarbeit – eine Video-Sitzung jagt die andere. Ständig Entscheidungen, Telefonate, Apps und Mails. Und Gordon im Haus, der die ganze Aufregung mit seinen 80 Jahren nicht so leicht wegsteckt, schwer hört (aus Sorge um die Batterien deaktiviert er gleich am Anfang sein Hörgerät, was uns unendlich Nerven kostet und erst am Ende der Zeit klar wird). Tägliche Selbstbeobachtung, Temperatur und Symptome eintragen in Listen des Gesundheitsamtes. Ich organisiere eine tägliche Mail an die Quarantäne-Leute, um einander zu ermutigen.

Dann Halskratzen, erstes Fieber, Druck in der Brust – mit meiner angeschlagenen Lunge gehöre ich zur Risikogruppe, wir wissen das. Schon bald merke ich, dass ich nur wenige Stunden arbeiten kann, dann geht es mir schlechter. Ständig horche ich in mich hinein: Bin ich positiv? Oder ist es nur der Stress draußen und im Haus? Gordons Tunnelblick und verklausulierte Fragen, die Sorge um Frau und Familie in den USA. Wir schwanken zwischen Mut und Endzeitstimmung, sind stark für Gordon und werden leise miteinander. Schließlich der Test bei mir und das positive Ergebnis – ich höre es abends und nutze die Nacht, um alles vorzubereiten: Info an Familie, Freunde, Firma, Willow-Mitstreiter, Quarantäne-Gruppe für den Morgen vorbereiten, vorsichtige Andeutungen an Gordons Familie – und am nächsten Morgen Gordon selbst: Nun ist eingetreten, was wir vor seiner Entscheidung für unser Haus bedacht hatten: „Wenn wir positiv getestet werden, bist du bei uns im Gefängnis, Gordon!“

Er trägt es mit Fassung – und wir ziehen uns noch mehr voneinander zurück. Schutzmasken, die meine Frau rechtzeitig besorgt hat, aufgeteilte Bereiche im Haus, wir schleichen mit Abstand aneinander vorbei. Gordon und Christel werden negativ getestet, meine Symptome bleiben mit viel Inhalieren und Ruhe beherrschbar wie meine übliche Winter-Bronchitis. Das Schlimmste ist die Psyche, die Vorstellungen und Ängste. Aber Christel bekommt Fieber: Ist es der Versorgungs-Stress wegen Gordon? Mit Stefan Bieber vom Willow-Büro reorganisieren wir Gordons Rückflug. Das Gesundheitsamt zeigt viel Verständnis und stellt rasch Bescheinigungen aus für etwaige Grenz-Probleme. Nervöse Stimmung im Haus: Schafft er es noch zurück, bevor die USA dichtmachen? Müssen wir ihn weitere Wochen in unserem angeschlagenen Zustand versorgen?

Die Macht der Bilder

Genau am letzten Tag vor der Schließung der US-Flughäfen schafft er es. Eine Last fällt ab, wir sind wieder frei für uns. Aber jetzt geht es meiner Frau immer schlechter, hohes Fieber – trotz mittlerweile zweimal negativem Test. Und immer wieder verfolgen uns die Bilder in den Medien, die Särge, das Leid auf den Krankenstationen, die Ohnmacht. Das Corona-Wort hat Macht, produziert Bilder.

Die Infektion verläuft in Wellen. Man denkt, es geht wieder besser, aber dann wird es deutlich schlechter – und man kassiert alles positive Denken und die leichten Worte von gestern schnell wieder ein. Sorge und Angst übernehmen erneut – wo genau wird das enden? Haben wir wirklich dieses Corona, das wir da in der Tagesschau sehen? Was macht dieses große unheimliche C mit uns? Als mich das Gesundheitsamt schließlich wieder gesundschreibt und ich endlich wieder das Haus verlassen darf, muss ich meine Frau Christel ins Krankenhaus bringen – der dritte Test und ein Lungen-CT bringen Gewissheit: Doch positiv, wohl schon länger. Und deswegen dazu jetzt eine virale Lungenentzündung, die man nur begleitend behandeln kann. Sie bekommt ein Malaria-Mittel zum Unterdrücken der Viren und Antibiotika – und erneut zieht die Angst ein bei uns. (...)

Was hilft in der Krise?

Man wird hellhörig in Krisensituationen. Man hört und liest so viel gut Gemeintes. Und spürt heraus, was davon unter der Last eigener Erfahrung gesagt wird und was nur an-empfindend, in guter Absicht – aber ohne tieferes Verstehen. Manch frommen Spruch empfinde ich als aufgesetzt und billig. Weit weg von der realen Not. Bei manch zitiertem Bibelvers riecht man den pädagogischen Impetus – was aber nützt es mir, wenn ich höre, dass Gott uns keinen Geist der Furcht gegeben hat (vgl. 2. Timotheus 1,7) – ich aber gerade mitten in Angst und Sorge lebe? So war das schon damals, als unsere erste Tochter starb. Ja, alles kann uns zum Besten dienen, was uns passiert (vgl. Römer 8,28), aber deswegen ist noch lange nicht alles gut! (...)

Leben und Glaube sind komplizierter, ambivalenter, geheimnisvoller als wir es gerne hätten. Gott und mein Glaube sind keine Anti-Schmerz- und Leid-Versicherung, das Gebet kein Verhinderungsautomat für alles Ungute. Wenn Sturm kommt – stürmt es auch bei Christen. Und genau das blenden wir so gerne aus. Denn darin begegnen wir der Unverfügbarkeit Gottes und der Ambivalenz von Leben und Tod. Der uns das Leben gab – kann es auch wieder nehmen. Kann zulassen oder wegschauen, wenn Leben bedroht ist – oder genommen wird. Warum Gott das zulässt, ist eine der bohrenden Fragen des Glaubens. Die Quelle immerwährender Zweifel. Eine fest eingebaute Ohnmacht vor dem Geheimnis Gottes – oder, ehrlicher: vor unserem Nichtverstehen Gottes. Wir können an ihn glauben, wir können ihn suchen, uns an ihn halten, den Glauben an ihn nicht aufgeben – aber wir können ihn nicht verstehen, in den Griff bekommen, unsere Ohnmacht in unangefochtene Fraglosigkeit verwandeln.

Kämpfen in der Krise

Und das macht Glaube anspruchsvoll – gerade in Krisen. Denn es ist ja gerade das Wesen der Krise, dass wir sie eben nicht im Griff haben. Sondern dass sie uns im Griff hat. (…) Kein Leben ohne Krisen-Erfahrung. Kein Glaube – ohne dass wir den Kampf aufnehmen, auch in Krisen zu glauben. Denn es ist ein Kampf. Weil dieser allmächtige Gott doch all das mit einem Fingerschnipsen wegnehmen könnte, was er da gerade in meinem – oder im Leben eines geliebten Menschen – zulässt ... es aber nicht tut! Und das als guter Vater und als unendliche Liebe, wie die Bibel sein Wesen beschreibt. Zu dem ich „Papa“ sagen darf und mich kindlich vertrauend flüchten soll. Der mich kennt und geschaffen hat und bejaht. Der aber trotz all seiner Liebe, Güte und Allmacht ganz offensichtlich zulässt, dass mir oder anderen dies oder das passiert. Wie soll ich da glauben? Wie soll ich da mein Vertrauen bewahren? Wer ist dieser geheimnisvolle, unverständliche, liebende Gott, wenn es so wehtut und lebensgefährlich wird?

Glaube in der Krise ist ein Kampf. Ein Kampf, ob auch jetzt, wo der Himmel dunkel ist und meine Angst und Verzweiflung groß – stimmt und wirksam bleiben soll, wozu ich mich entschlossen habe: Ich will glauben! Denn das ist meine Einsicht: Ich muss und will den Kampf aufnehmen! Ich will festhalten an dem, der mir das Leben gegeben hat. Ich lasse ihn nicht los, auch wenn ich ihn gerade nicht verstehe. Ich halte die Hand fest, die mich doch gerade zu schlagen scheint. Ich habe mich entschieden dafür – und habe es in guten Tagen eingeübt, was jetzt in schlechten Tagen gelten soll: Gott ist Gott. Und ich bin sein Kind. Und er ist meine Zuflucht, auch wenn ich ihn gerade nicht verstehe.

In einer ähnlichen Krise und großer Angst habe ich mal im Schlaf einen Bibelvers geträumt oder unbewusst wahrgenommen, der mich zum Wesentlichen gerufen und an das erinnert hat, was ich leben will. Ich empfinde darin Gottes Aufruf, Mahnung und Zuspruch – und er fasst zusammen, was mir wichtig ist: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, wir sind des Herrn.“ (Römer 14,8 nach Luther) Darum geht es! Allerdings, nein, Augenblick – das ist keine Formel! Kein frommer Spruch. Das ist ein Leben in Beziehung, voll Auf und Ab und Kampf und Wüstenstrecken und sonnig-grüner Wiese. Das habe ich nicht sicher in der Tasche, sondern es will gelebt, ausgesprochen, gewagt, getan werden. „Danke, Jesus!“ Das ist die Summe meines Glaubens. Das große C hält.

Das Buch „Gott suchen in der Krise. Glaube und Corona“ vereint Texte von mehreren Autoren, die aus verschiedenen Perspektiven und zum Teil mit persönlichen Erfahrungen auf Fragen des Glaubens in Krisenzeiten eingehen. Ab 13. Mai bei SCM R. Brockhaus erhältlich. 160 Seiten, 12,99 Euro, 9783417269437

Das Buch „Gott suchen in der Krise. Glaube und Corona“ vereint Texte von mehreren Autoren, die aus verschiedenen Perspektiven und zum Teil mit persönlichen Erfahrungen auf Fragen des Glaubens in Krisenzeiten eingehen. Ab 13. Mai bei SCM R. Brockhaus erhältlich. 160 Seiten, 12,99 Euro, 9783417269437

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