Astrid Dauster arbeitet schlimme Kindheitserfahrungen auf – darüber hat sie ein Buch geschrieben, das stellenweise unglaublich klingt

Astrid Dauster arbeitet schlimme Kindheitserfahrungen auf – darüber hat sie ein Buch geschrieben, das stellenweise unglaublich klingt

„Opferkind“: Licht ist stärker als die Dunkelheit

Astrid Dausters Geschichte klingt unvorstellbar: 13 Jahre wurde sie von ihrem Vater und Mitgliedern einer Satanisten-Loge auf grausame Weise gequält. Doch die Seele des Kindes findet Zuflucht bei Gott und begegnet „Josef, dem Schäfer“. Das hilft ihr, die Hölle zu ertragen. Über all das hat die 64-Jährige nun ein Buch geschrieben.

pro: Sie haben als Kind Furchtbares erlitten. Schon beim Lesen Ihres Buches darüber ist vieles kaum zu ertragen. Warum haben Sie sich entschieden, das zu beschreiben?

Astrid Dauster: Es geht ja um zwei Dinge: Zum einen um das Unvorstellbare, was einem an Bösem passieren kann. Zum anderen durfte ich die göttliche Hilfe erfahren. Hätte ich nur über Letzteres ein Buch geschrieben, würde das Gegenstück fehlen. Im Vergleich zu dem, was ich erlebt habe, ist das, was ich im Buch beschreibe, sehr minimalistisch. Doch diese Grausamkeiten wenigstens teilweise zu beschreiben war erforderlich, um die Gespräche mit dem Schäfer zu verstehen. All den Fragen, die ich ihm gestellt habe, ging ja immer etwas voraus.

Ihr Vater war der Kopf einer Satanistengruppe. Fast ein ganzes Dorf wusste über die Gräueltaten dieser Menschen Bescheid – und schwieg. Wie ist das nachzuvollziehen?

Es war ein kleines Dorf und die Loge war auch darüber hinaus perfekt organisiert. Ein solches Netzwerk wird Stück für Stück aufgebaut. Da spielen Erpressung, Drogen, Geld und Macht eine Rolle. Damals wie heute hat man die Leute damit verführt und so einen Hebel gehabt, um sie zu erpressen. Wer selbst kein Täter war, schwieg aus Angst.

Hatten Sie nach der Rückkehr Ihrer Erinnerung mit anderen Satanisten-Opfern zu tun?

Ende der 90er-Jahre hatte ich Kontakt zu einer jungen Frau, die aus der Satanistenszene aussteigen wollte. Ich habe viel mit ihr geredet und hörte exakt die Wiederholung dessen, was ich aus meiner Kindheit kannte. Bis hin zu Morddrohungen, die auch vollzogen werden, wenn jemand aussteigen will. Weil in diesen Kreisen alles vertreten ist von Arbeitern bis hin zu Ärzten, Anwälten, Polizisten, ist es so schwierig, dort auszusteigen. Diese Frau hat sich letztlich aus Angst gegen eine Anzeige entschieden.

Viele verharmlosen den Teufel oder ignorieren seine Existenz. Sie haben das Böse dagegen als real erlebt …

Mein Vater wollte mir einmal demonstrieren, wie mächtig sein Herr ist. Er las mir aus einem Buch entsprechende Texte vor und mir ist noch in Erinnerung, wie ehrfürchtig mein Vater in dieser Situation war. Ich nahm einfach nur wahr, dass es in diesem Zimmer dunkel wurde, obwohl eine Lichtquelle vorhanden war. Es wurde eiskalt und ich nahm nur schemenhaft irgendetwas wahr. Mit diesem Etwas hat sich mein Vater unterhalten und ein einziges Mal hat es mich am Hals berührt. Ich sage Ihnen: Das war eine Kälte, wie ich sie hier auf der Erde nicht kenne. Aber ich hatte keine Angst, vielleicht deshalb, weil ich wusste: Egal, was mir hier passiert, Licht ist immer stärker als Dunkelheit.

Warum erscheint Gott in Ihrem Buch als Schäfer?

Ich habe dem göttlichen Licht als Kind das Aussehen eines Schäfers mit einer Herde schneeweißer Schafe gegeben. Ich denke, man braucht als Kind ein Bild. So ist es ja heute noch mit den Menschen: Kein Mensch weiß, wie Gott aussieht, aber jeder gibt ihm für sich ein Aussehen. Als ich bei meinem Herzinfarkt vor acht Jahren 27 Minuten reanimiert wurde und erneut eine Nahtoderfahrung hatte, habe ich nicht mehr den Schäfer gesehen, aber seine liebevolle Stimme gehört.

Sie konnten die körperlichen und seelischen Grausamkeiten als Kind nur überleben, indem sich Ihre Seele zu diesem Schäfer geflüchtet hat. Was meinen Sie damit?

Bei einem der ersten Gespräche mit dem Schäfer sagte er mir: „Die Seele ist die Wohnstatt Gottes, sie ist das Unsterbliche eines jeden Menschen.“ Es gab Momente, in denen ich wusste: Es ist kein Mensch hier, der mir jetzt noch helfen kann. Dann habe ich mich innerlich meiner Seele zugewandt und geschrien: „Lieber Gott, hilf mir!“ Daraufhin ist meine Seele wie durch einen Tunnel geflüchtet und ich habe mich meistens auf einer Wiese befunden und Josef, der Schäfer, war an meiner Seite.

In diesen Momenten haben Sie sich nicht als körperhaft empfunden?

Ich habe mich selbst als ein Denken oder Empfinden gespürt, aber ohne den körperlichen Schmerz, aus dem ich geflüchtet bin. Es war ohne Raum und Zeit, ohne Erdenleid – ich habe mich einfach nur wohlgefühlt.

Nahtoderfahrungen helfen vielen Menschen, wenn ihnen der Tod Angst macht. Wie würden Sie diesen Zustand beschreiben?

Es war ein Sein in einer bedingungslosen Liebe, die einfach keinen Raum lässt für irgendwelche irdischen Gefühle oder Gedanken. Das ist nicht von dieser Welt, deshalb tue ich mich so schwer, es zu beschreiben. In unserer Sprache gibt es dafür keine Worte!

Im Buch „Opferkind“ beschreibt Astrid Dauster ihre Erlebnisse und schildert die Gespräch mit „Josef, dem Schäfer“. Erschienen bei SCM Hänssler, 416 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 9783775159517

Im Buch „Opferkind“ beschreibt Astrid Dauster ihre Erlebnisse und schildert die Gespräch mit „Josef, dem Schäfer“. Erschienen bei SCM Hänssler, 416 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 9783775159517

Als Ihr Vater starb, verdrängten Sie als Teenager mühsam, was Sie später in einem ebenso schmerzhaften Prozess verarbeiten mussten. Wie geht es Ihnen heute mit Ihrer Geschichte?

In einer persönlich schweren Phase nach dem Herzinfarkt kam der verzweifelte Gedanke in mir auf: Was soll ich noch hier? Da hörte ich wieder die Stimme des Schäfers aus der Kindheit: „Du sollst Zeugnis geben.“ Darauf sagte ich: „Das mache ich gerne, aber bitte hilf mir!“ Schon bald konnte ich anderen von meiner letzten Nahtoderfahrung erzählen und dann auch von meiner Kindheit. Für mich schließt sich da ein Kreis. Ich habe all das erlebt, um es weiterzugeben: Vor allem die vielen Schäfer-Gespräche, die die Essenz des Buches sind.

Was sind für Sie die wichtigsten Aussagen der Schäfer-Gespräche?

Im Grunde alle! Es ist ja so vielfältig, was mir als Kind erklärt wurde. Alle Worte sind gleich wichtig. Mir selbst hat sich bei der Arbeit am Buch immer wieder etwas Neues aufgetan.

Wie reagieren die Menschen in Ihren Vorträgen?

Ich habe schon vor vielen verschiedenen Menschen gesprochen. Je nachdem, wer anwesend ist, betone ich andere Aspekte. Immer aber geht es darum, dass mir Unvorstellbares angetan wurde, das ich nur mit göttlicher Hilfe überleben konnte. Im Raum ist es dann immer mucksmäuschenstill.

Ihr Buch ist noch mal ein großer Schritt in die Öffentlichkeit. Wie geht es Ihnen damit?

Im Prozess des Buches kam mir plötzlich der Gedanke: Wie werden die Menschen reagieren, die du kennst, wenn die das wissen? Ich oute mich total, ich werde öffentlich. Ich bin raus in die Natur, es war nur Chaos in meinem Kopf! Ich dachte sogar, ich stoppe jetzt das Buch. Dann hörte ich in diesem Gedankenchaos die wohlvertraute liebevolle Stimme: „Die Schäfer-Gespräche sind die Seele vom Buch und sie werden bleiben. Das, was du erleben musstest, ist nur der Körper des Buches.“ Da war plötzlich Ruhe in mir. Ich weiß nicht, was weiter geschieht, aber ich bin immer einen Weg gegangen und gehe auch jetzt einfach weiter.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Christina Bachmann.

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