Der Autor Arnd Henze (2.v.r.) mit Andreas Nachama von der Stiftung „Topographie des Terrors“ (l.), Pfarrerin Marion Gardei und Christian Stäblein, dem designierten Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, bei der Vorstellung seines Buches

Der Autor Arnd Henze (2.v.r.) mit Andreas Nachama von der Stiftung „Topographie des Terrors“ (l.), Pfarrerin Marion Gardei und Christian Stäblein, dem designierten Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, bei der Vorstellung seines Buches

„Kirche muss mehr vom Gelingen erzählen“

In seinem Buch „Kann Kirche Demokratie?“ fragt der Journalist und Theologe Arnd Henze, was die Kirche für die Demokratie tun könne. Bei der Buchvorstellung sparte er nicht mit Kritik und machte deutlich: Miteinander reden hilft – aber nicht nur über Dinge, die scheitern.

Wie steht es um die Demokratie in der Kirche? Diese Frage habe ihn angesichts des wachsenden Populismus umgetrieben, sagte Arnd Henze, TV-Journalist und studierter Theologe, bei der Vorstellung seines Buches „Kann Kirche Demokratie? Wir Protestanten im Stresstest“. Vor einem kleinen Publikum – knapp zwei Dutzend Besucherinnen und Besucher – erklärte er, wie sein Buch entstand. Er sei über die Dörfer gefahren, habe abgehängte Regionen besucht und gelernt, dass Reden hilft. Streiten, Diskutieren, Miteinander-ins-Gespräch-kommen – das Elixier der Demokratie.

Den „Stresstest Demokratie“ empfiehlt er auch anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen, Gewerkschaften, Parteien. Jede Organisation müsse sich fragen: Wo sind wir Teil des Problems, wo Teil der Lösung. Seine Erfahrungen hat Henze in seinem Buch zusammengefasst. Bei der Vorstellung am Dienstag diskutierten Christian Stäblein, ab November Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), und Andreas Nachama von der Stiftung „Topographie des Terrors“ über das Thema.

Arnd Henze: „Kann Kirche Demokratie? Wir Protestanten im Stresstest“, Herder, 176 Seiten, 18 Euro, ISBN 9783451379796

Arnd Henze: „Kann Kirche Demokratie? Wir Protestanten im Stresstest“, Herder, 176 Seiten, 18 Euro, ISBN 9783451379796

Dass Henzes Buch ausgerechnet zum 70. Jahrestag des Grundgesetzes erscheint, war nicht geplant, erzählte der Autor, das Zusammentreffen sei aber ein schöner Zufall. Moderatorin Marion Gardei fragte zunächst nach einer möglichen persönlichen Beziehung zum Grundgesetz. Für Nachama ist wichtig, dass die Verfassung Religionsfreiheit und Menschenrechte garantiert sowie die Unantastbarkeit der Person und unabhängige Gerichte. „Weil genau das in der NS-Zeit nicht gegeben war“, sagte er.

Stäblein, von Gardei als innovativer Theologe eingeführt, der sich für die „Ehe für Alle“ sowie für den christlich-jüdischen Dialog einsetze, war unter anderem Direktor des Predigerseminars in Loccum. Über die Predigtanalysen, die Henze am Ende des Bandes versammelt, freue er sich daher besonders, auch wenn die Kritik manchmal schmerzhaft sei, etwa wenn Henze falsche Gefühle oder die Über-Ästhetisierung in Predigten anprangere. Stäbleins persönliche Grundgesetz-Beziehung ist Artikel 4: „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden“. Aus einem westdeutschen Pfarrhaus stammend, das Kriegsdienstverweigerer begleitete, musste sich Stäblein später, während seines einjährigen Studienaufenthaltes in Israel, mit einer völlig neuen Sinnhaftigkeit von Wehrdienst auseinandersetzen. Das habe ihm gut getan, Demokratie sei immer dynamisch, nie statisch.

Demokratisches Vertrauen zerstört

Doch gegenwärtig würden antidemokratische Einstellungen immer populärer, beklagt Henze. Mit großer Sorge sehe er die Bindekraft demokratischer Institutionen schwinden. Seine Analyse der Ursachen für die veränderte politische Grundstimmung der letzten Jahre: Das Schwinden des demokratischen Vertrauens aufgrund der Weltfinanzkrise 2008. Untersuchungen hätten ergeben, dass die Anfälligkeit für autoritäre Lösungen zwischen 2008 und 2012 am höchsten war. Mit der Flüchtlingskrise 2015 seien die Defizite, die schon vorher bestanden, lediglich sichtbar geworden. Stellenabbau und Haushaltskürzungen etwa in den Bereichen Bildung, innere Sicherheit, Infrastruktur hätten über Jahre Versäumnisse angehäuft.

Erst als die Flüchtlinge kamen, sei das ganze Ausmaß deutlich geworden. Also nicht die Flüchtlingskrise, sondern der Umgang mit ihr habe demokratisches Vertrauen zerstört. Nachama ergänzte die Beobachtungen von Henze um die Berliner Perspektive. In der Hauptstadt sei es vor allem der Senat unter Thilo Sarrazin, damals Finanzsenator, gewesen, der die Stadt kaputtgespart habe. Und eklatante Fehler bei der Wiedervereinigung wirkten bis heute nach. Der designierte Bischof Stäblein gab zu bedenken, dass die Ostdeutschen die Demokratie erst seit 30 Jahren hätten. Und: „Wir sind kein Mutterland der Demokratie.“ Er erinnerte daran, wie abwehrend die Kirchen nach dem Krieg der Demokratisierung gegenüberstanden.

Keine Erinnerungskultur

Die Nachkriegsjahre zwischen 1945 und 1960 seien geprägt gewesen von der Schlussstrich-Debatte. Die Konfrontation mit der NS-Vergangenheit habe in der Kirche so wenig stattgefunden wie in der übrigen Gesellschaft, kritisierte Henze. Wenn heute Angriffe von rechts kämen, könne man nicht adäquat reagieren, weil man sich mit dem Erbe der Nachkriegszeit nicht auseinandergesetzt habe. Weil es keine Erinnerungskultur gebe. „Keiner der heutigen Kirchenführer hat Verwandtschaft mit denen, aber das Erbe ist da. Und das Erbe ist toxisch“, beklagte Henze.

Nachama unterstützte die Argumentation. Die Träger der NS-Zeit hätten bis in die siebziger Jahre gelebt. Als 1987 der Gedenkort „Topographie des Terrors“ gegründet wurde, war die Generation der Täter gestorben. Heute stehe man allerdings an einem anderen Punkt, es gebe eine aktive Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe.

Und die Allianz zwischen Populisten und Christen? „Eigentlich sollten wir meinen, dass sich das von unserer Religion her verbietet“, sagte Moderatorin Gardei. Nachama warb jedoch für Gelassenheit im Umgang mit Populisten. Er erinnerte an die Hugenotten, die protestantischen Glaubensflüchtlinge aus Frankreich. Die waren um 1700 so zahlreich, dass jeder fünfte Berliner ein Hugenotte war. Erst allmählich wurde aus der anfänglichen Ablehnung der Migranten eine Erfolgsgeschichte. Migration sei immer schwierig. „Weil wir als Juden und Christen das wissen, sollten wir steuernd eingreifen“, meinte Nachama. Die friedliche Koexistenz zwischen Synagoge und Kirche gebe es erst seit sechzig, siebzig Jahren. Die Aufgabe heute für Synagoge und Kirche sei es, eine „liebevolle Lösung“ für die Herausforderungen zu finden.

Kirche für Andere, nicht mit Anderen

Besonders viele Kirchenmitglieder hätten sich in der Flüchtlingskrise engagiert. Und dennoch bleibe, so Henze, die zentrale Frage: „Warum hat das ganze Engagement für Geflüchtete die Kirchen so wenig verändert?“ Warum sei es nicht gelungen, die Flüchtlinge mit hineinzunehmen in die Gemeinden? Die protestantische Kirche sei – trotz der historischen Chance – Kirche für Andere geblieben. Nicht Kirche mit ihnen. Stäblein widersprach: In Brandenburg habe er die Erfahrung gemacht, dass die Flüchtlinge aufgenommen worden seien in den Gemeinden. Gleichwohl blieb er selbstkritisch: Man sei in der Tat „selbstabschließend“, obwohl man offen sein wolle. Vielleicht weil leidenschaftliche Vorbilder fehlten für ein demokratisches, liberales, offenes Christentum. Ein Christentum mit klarer Position, ohne Angst vor offener Auseinandersetzung und Meinungsstreit. Mit Leidenschaft für den demokratischen Diskurs in der Kirche.

Wertschätzung muss erzählt werden, so Henze. „Die Erzählung des Scheiterns jeden Tag neu zu bedienen – das ist einfach. Aber Europa als Narrativ des Gelingens zu erzählen, die Demokratie – daran müssen wir arbeiten.“ Er mahnte zudem mehr Offenheit für bi-kulturelle und bi-religiöse Partnerschaften an. Er selbst ist mit einer Alevitin verheiratet. Als seine Schwägerin Taufpatin werden wollte, gab man ihr zu verstehen, dass sie keine vollwertige Patin werden könne. Henze empfand das als Ausgrenzung. Er warb für größere Toleranz und Offenheit.

Doch auch wenn er sich als leidenschaftlicher Verfechter für einen demokratischen Diskurs positionierte, wollte er diese Spielregeln für die AfD nicht gelten lassen. Er finde es richtig, sagte er zum Schluss, dass der Evangelische Kirchentag die AfD nicht eingeladen habe. Mit Verächtern der Demokratie müsse man nicht reden.

Von: Marie Wildermann

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