Heiner Koch macht in seinem neuen Buch eine Bestandsaufnahme zur Situation der Kirche in einer säkularen Gesellschaft

Heiner Koch macht in seinem neuen Buch eine Bestandsaufnahme zur Situation der Kirche in einer säkularen Gesellschaft

Kirche soll Brücken zu „religiös Unterernährten“ bauen

Heiner Koch ist ein fröhlicher Mensch. Dem Erzbischof von Berlin ist es wichtig, dass Kirche nah an den Menschen agiert. Dass Christen sprachfähig im Glauben sind, ist ein weiteres Anliegen seines Buches „Zu Gott ums Eck – Wie Kirche zu den Menschen kommt“. Eine Rezension von Johannes Blöcher-Weil

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch wünscht sich von Christen ein profiliertes Bekenntnis ihres Glaubens. Gerade in der säkularen Gesellschaft soll die biblische Botschaft eine ansteckende Wirkung haben. „Das sind wir den Menschen in unserer Gesellschaft schuldig“, fordert Koch in seinem neuen Buch „Zu Gott ums Eck – Wie Kirche zu den Menschen kommt“.

Viele Menschen hätten Schwierigkeiten, öffentlich über ihren Glauben zu reden. Weltweit müssten 200 Millionen sogar um ihr Leben fürchten, wenn sie zu ihrem Glauben stünden. Koch sieht die Dinge realistisch. Leere Kirchenbänke sonntags seien Normalität. In „seinem“ Bistum Berlin seien viele durch die Kindheit im DDR-Regime geprägt und hätten Gottlosigkeit gelernt: „Für den Durchschnitts-Berliner spricht weit mehr für die Nicht-Existenz als für die Existenz Gottes.“

„Menschen dürfen erfahren, was unsere Motivation ist“

Koch möchte Menschen aktivieren, Kirche einladend zu gestalten, um „religiös Unterernährte“ zu erreichen. Christen müssten Brücken zu konfessionslosen Menschen bauen, auch wenn sie dafür oft eine Abfuhr erhielten. Und in kirchlichen Schulen, Krankenhäusern und Kindergärten dürften die Menschen erfahren, „was unsere Motivation ist“. Manchmal springe gerade dort der Funke des Glaubens über. Gott werde durch die Liebe der Menschen für andere greifbar.

Der Autor ermutigt dazu, die Hoffnung des Glaubens nicht aufzugeben. Er hat dabei auch das Leid der Welt im Blick, bei dem die eigene Stimme versage. Aber gerade dann ist dem Theologen wichtig, den Blick auf das Kreuz und den Gekreuzigten zu richten. Ihm ist auch hier wichtig, dass Christen fähig sind über ihren Glauben Auskunft zu geben – mit all den eigenen unbeantworteten Fragen.

An Kochs Buch gefällt, dass er auch die gesellschaftlichen Debatten im Blick hat. Gerade die Würde des Menschen braucht aus seiner Sicht den besonderen Schutz, „weil die Prägung und Geschichte des Einzelnen nicht wiederholbar ist“. Wenn über §219 diskutiert wird, vermisst er, dass das Lebensrecht des ungeborenen Kindes erwähnt wird. „Die Machtvollen legen fest, wer beschützt wird und wer nicht“, klagt Koch.

Langer Atem notwendig

Die zunehmende Säkularisierung sorge bei manchen Christen für eine „depressive resignative Gesamtatmosphäre“. Deswegen müsse die eigene Kirche glaubwürdig und klar sein, sowohl bei der Verwaltung ihrer Finanzen als auch in den konkreten Taten. Dafür brauche es oft einen langen Atem. Auch er wünsche sich in der Verkündigung oft raschere Erfolge. Gerade deswegen müssten Christen beharrlich sein.

„Durch das eigene Pfarrhaus bekomme ich Leben ungefiltert mit“, schreibt Koch. Die Gesellschaft habe weit auseinander gehende Wertvorstellungen und Herausforderungen. In Berlin nehme er vor allem Armut und Einsamkeit als Herausforderung wahr. Weil es hier Gestaltungsräume gebe, rät Koch den Kirchen, sich in das politische und gesellschaftliche Leben einzubringen.

Auch Mission hält er nicht für antiquiert. Koch ist aber dagegen, nur „hochgestylte Modelle“ zu präsentieren, sondern spricht sich dafür aus, auch die kleinen, bescheidenen Schritte der Mission darzustellen. Mission sei nun einmal der christliche Grundauftrag. Christen sollten das Zeugnis vom Glauben in Wort und Tat nicht nur predigen, sondern auch leben. Koch wünscht sich einen Glauben, der profiliert ist und andere ansteckt.

Gastfreundschaft kann ein Türöffner sein, um Gott zu erkennen

Koch möchte Kirche gastfreundlich gestalten. Vorbild für ihn sind die ersten Christen. Sie hätten sich in Häusern getroffen. Deren Leben als Gemeinschaft sei abhängig von der Gastfreundschaft gewesen. „Gastfreundschaft war auch in vielen biblischen Geschichten ein Türöffner, um Gott zu erkennen.“ Kirche müsse Heimat bieten für Fremde und Menschen ohne Hoffnung – und das ohne Hintergedanken.

Kirche biete Gemeinschaft, Halt und Sinn an. Danach suchten unzählige Menschen. Sympathisch an Kochs Buch ist aber auch, dass er an dieser Stelle die Punkte nicht verschweigt, mit der die Kirche negativ in den Schlagzeilen war. Wichtig ist für ihn vor allem, dass Menschen immer wieder aufstehen und ihr Leben nach Gott ausrichten.

Das Buch ist eine interessante Bestandsaufnahme Deutschlands Hauptstadt. Koch zeigt auf, wo und mit wem sich Kirche in Konkurrenz befindet und was dabei helfen kann, sich zu profilieren. Der Autor hat keine Skrupel anzusprechen, dass Kirche ohne Mission nicht funktioniert, aber er hat auch einen Blick dafür, mit welchen Herausforderungen das verbunden ist. Koch wünscht sich Christen, die weder zu sehr im Diesseits noch im Jenseits verhaftet sind, aber eine klare Perspektive über das Leben auf dieser Welt hinaus haben. Es ist ein sympathisches und kurzweiliges Buch: mitten aus dem Leben und mitten für das Leben, aus dem jeder etwas mitnehmen kann.

Heiner Koch: „Zu Gott ums Eck - Wie Kirche zu den Menschen kommt“, Gütersloher Verlagshaus, 192 Seiten, 18 Euro, ISBN: 978-3-579-01467-8.

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