Margarete Dieterich bei ihrer Verlobung mit Paul Schneider im Jahr 1922

Margarete Dieterich bei ihrer Verlobung mit Paul Schneider im Jahr 1922

Die Witwe des Märtyrers

Die Nationalsozialisten haben den Pfarrer Paul Schneider im Konzentrationslager Buchenwald drangsaliert und zu Tode geprügelt. Das Buch „Die Frau des Predigers von Buchenwald“ erzählt die Lebensgeschichte seiner Frau Margarete und ihr Mühen um Erinnerung und Versöhnung. Eine Rezension von Johannes Blöcher-Weil

Margarete Schneider war eine imponierende Frau. Dieser Eindruck festigt sich nach der Lektüre des Buches „Die Frau des Predigers von Buchenwald“, das im SCM-Verlag erschienen ist. Sie gehörte zu den Mutigen des Dritten Reiches. Schneider musste nicht nur den Tod ihres Mannes im Konzentrationslager verarbeiten, sondern auch nach 1945 einige Tiefschläge verkraften. Dabei half ihr das eigene Lebensmotto „Versöhnung“ enorm.

„Gretel“ kam 1904 zur Welt und wuchs als neuntes von zehn Kindern in einer Pfarrersfamilie in Baden-Württemberg auf. Sie erlebte eine unbeschwerte Kindheit. Zuhause wurden keine Unterschiede zwischen Arm und Reich gemacht. Das Mädchen war mittendrin im Gemeindegeschehen, mit einem Vater, der sich sozial und diakonisch engagierte und ein offenes Haus für die Gemeinde hatte. Getrübt wurde die Situation lediglich durch den Ersten Weltkrieg und die „Schande von Versailles“.

Aus dem Pfarrhaus wird ein Gasthaus

Paul Schneider begegnete die junge Frau das erste Mal, als der Theologiestudent Obdach im Pfarrhaus fand. Schneider verliebte sich „in das bildhübsche Mädchen“. Sie fühlte sich mit knapp 17 Jahren (noch) zu jung für eine Verlobung. Später heiratete sie den Mann, der in dieser Phase seine theologische Ausrichtung suchte. Paul Schneider übernahm nach dem Tod seines Vaters dessen Pfarrstelle im hessischen Hüttenberg. Er zweifelte da jedoch noch, ob dies der richtige Beruf für ihn sei.

Margarete Schneider musste in die Rolle der Pfarrersfrau schlüpfen. Sie nahm die Aufgabe an und hatte einen hohen Anspruch an sich. Nicht nur hier, auch später half sie ihrem Mann, die Gemeinde zu beleben, gestaltete Bibelkreise, half in der Kinder- und Jugendarbeit und machte das Pfarrhaus zu einer Art Gasthaus für viele Fremde. Vieles in ihrem Leben drehte sich um die Kinder, aber deren Existenz gab Margarete Kraft und Hoffnung.

Diener des Wortes Gottes

Es mag verwundern, dass sie und der spätere „Prediger von Buchenwald“ zunächst an Hitlers Bewegung hingen. Die sozialpolitischen Pläne Hitlers bewirkten bei Paul Schneider, dass er sich zunächst „mit ganzem Vertrauen innerlich hinter Hitler“ stellen konnte. Doch das Ehepaar merkte nach wenigen Monaten, dass Deutschland in die falsche Richtung steuerte. Schneider kritisierte von der Kanzel herab den Nationalsozialismus. Er wurde in den Hunsrück versetzt, blieb aber seiner klaren Linie als „Diener des Wortes Gottes“ treu. Gretel stärkte ihm den Rücken.

Paul Schneider wusste, dass er hier „um des Evangeliums willens“ standhaft bleiben musste. Beide fragten sich, wie weit sie bei ihrem Christusbekenntnis gehen sollten. Das Buch beschreibt eindrücklich, dass sie sehr weit gingen in ihrem Bekenntnis und Paul Schneider von der Kanzel klare Worte predigte. Dabei lagen die Nerven manchmal blank und beide empfanden die Ehe als sehr belastend. Margaretes Mann war kompromisslos, wenn er die gute Botschaft verkündete. Er kam in „Schutzhaft“ und Gretel bat ihn, in allem Tun an seine sechs Kinder zu denken.

In diesem Spagat stand die Familie, und das beschreibt das Buch gut: standhalten und Repressionen in Kauf nehmen. Das alles ging auch an Schneiders Frau nicht spurlos vorüber. Der Autor Paul Dieterich arbeitet aus den Quellen heraus, dass sie in dieser Zeit sehr lebensmüde gewesen sei. Sie konnte aber ihren Mann auch nicht von etwas zurückhalten, „wenn er es als seine Berufung ansieht“.

Eine Quelle des Trostes

Der klare und konsequente Widerstand brachte Paul Schneider ins Konzentrationslager nach Buchenwald. Die Arrestaufseher lebten ihre krankhaften und sadistischen Neigungen an den wehrlosen Häftlingen aus und verprügelten sie grundlos. Dies ließ seine Frau häufig verzagen. Ihren tiefsten Schmerz behielt sie für sich. Paul Schneider blieb in Glaubensfragen konsequent und, wie Zeitzeugen berichten, eine „Quelle des Trostes“. Seine Frau tat in ihren Briefen alles, ihn auf seinem Weg zu stärken.

Rückhalt erlebte Gretel in der eigenen Gemeinde. Vom Tod ihres Mannes erfuhr sie am 18. Juli 1939. Der Staat überführte seinen Leichnam und erlaubte eine kirchliche Beerdigung, die zu einer „eindrucksvollen Protestdemonstration der Bekennende Kirche“ wurde. Trotz dieser schweren Situation erschien Margarete Schneider als Frau, die anderen Menschen Mut und Kraft vermittelte. Auch an allen anderen Orten, an denen sie später noch wirkte, etwa im Hunsrück und in Wuppertal, setzte sie Akzente im Gemeindeleben: Frauenkreise, Bibelkreise und musikalische Gruppen trafen sich häufig bei ihr zu Hause.

Während des Krieges wusste sie sich in der Bekennenden Kirche geborgen. Der Neuanfang für die „Witwe des Märtyrers“ war jedoch schwer. Während der Zeit des Nationalsozialismus starb nicht nur ihr Mann, sondern auch weitere Familienmitglieder. Als alleinerziehende Mutter war das Leben mit der Erziehung der Kinder und durch die ehrenamtliche Arbeit ausgefüllt. Doch die tägliche Andacht durfte nicht fehlen. Zudem war das Haus ein wichtiger Anlaufpunkt für die große Verwandtschaft.

Lebensfreude bis ins hohe Alter bewahrt

Autor Paul Dieterich zeichnet die Biographie einer starken Frau, die nach außen hin wenig emotional erscheint. Sie schöpfte ihre Kraft aus der Bibel und öffnete sich den theologischen Fragen ihrer Kinder. Diese wollten vor allem wissen, warum sie und ihr Mann in ihrem Bekenntnis so weit gegangen waren – und machten es ihnen sogar zum Vorwurf. Stark musste Margarete Schneider auch sein, als zwei ihrer Söhne bei einem Autounfall starben. Sie versank dabei aber nicht in Trauer, sondern kümmerte sich um ihre Schwiegertöchter und die Enkel.

Ihre Lebensfreude bewahrte sie sich bis ins hohe Alter. Es ist ihr gelungen, ihren Mann nicht zum „Übermenschen“ zu stilisieren. Auch im hohen Alter reiste sie viel. Sie besuchte nicht nur ihre Kinder – ein Sohn lebte in Amerika –, sondern investierte auch Zeit, um anderen die Geschichte ihres Mannes zu erzählen. „Sie war kein Mensch, der in der Masse aufblüht“, schreibt der Biograph. Dass dieser gleichzeitig ihr Neffe ist, fällt in dem detailreichen Buch nicht auf. Er wahrt die Distanz zur Protagonistin.

Dem Staat gegenüber frei und mutig auftreten

Margarete Schneider selbst arbeitete in ihrem Buch „Der Prediger von Buchenwald“ noch einmal das Leben ihres Mannes auf. Wegen dessen Rolle im Nationalsozialismus und der von ihr erlebten deutschen Teilung setzte sie sich mit Vorträgen für das Thema Versöhnung ein. Praktisch ließ sie es werden, als sie das Gespräch mit dem Arrestaufseher Sommer aus Buchenwald suchte, der allerdings nicht zu einem Gespräch bereit war. Sie wollte Menschen ermutigen, auch ihrem Staat gegenüber freier und mutiger aufzutreten.

Für die Paul-Schneider-Gesellschaft, die das geistige Erbe ihres Mannes verwaltete, engagierte sie sich intensiv. Ihre zahlreichen Ehrungen hielt Schneider für „kropfunnötig“. Mit 99 Jahren starb sie 2002 und wurde auf dem Friedhof im rheinland-pfälzischen Dickenschied beerdigt. Margarete Schneider erscheint in dem Buch als eine Frau, die Gräben zwischen verfeindeten Lagern schließen wollte. Viele persönliche Rückschläge haben sie nicht davon abgehalten, Gottes Liebe zu vertrauen. Es war ein Leben mit dem Blick für die Mitmenschen in ihrer Umgebung.

Margarete Schneider konnte in aller Stille viel bewirken. Das macht das Buch deutlich. Die über 1.100 Fußnoten sind der Beweis für eine gründliche Recherche. Natürlich liegt ein Schwerpunkt auch auf der Geschichte ihres Mannes, aber das lenkt nicht von ihrer eigenen Geschichte ab, weil die beiden Biographien eng miteinander verwoben sind. Die über 500 Seiten sind eine interessante Geschichtseinheit.

Sie hat auch nach dem Tod ihres Mannes dessen Erbe weitergetragen: Margarete Schneider

Sie hat auch nach dem Tod ihres Mannes dessen Erbe weitergetragen: Margarete Schneider

„Margarete Schneider – Die Frau des Predigers von Buchenwald“, SCM Hänssler, 544 Seiten, 17,99 Euro, 9783775156462.

Von: Johannes Blöcher-Weil

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