Der Pfarrer und Theologe Alexander Garth, Jahrgang 1958, lebt mit seiner Familie in Wittenberg und Berlin

Der Pfarrer und Theologe Alexander Garth, Jahrgang 1958, lebt mit seiner Familie in Wittenberg und Berlin

Die Landeskirche aus Liebe kritisieren

Europa ist eine säkulare Insel im Meer der Religion, schreibt der Pfarrer Alexander Garth. Warum daran auch die Kirche schuld hat, und wie Deutsche mit dem Evangelium erreicht werden können, erklärt er in seinem großartigen Buch „Gottloser Westen?“ Eine Rezension von Moritz Breckner

Als der Pfarrer Alexander Garth in Berlin mit dem Bus unterwegs ist, wird er eines Tages von einer afrikanisch aussehenden Frau auf Englisch angesprochen. Sie schenkt ihm ein deutschsprachiges Traktat und lädt ihn zum Gottesdienst in ihre afrikanische Gemeinde ein. Die kurze Begegnung, die Garth in seinem Buch „Gottloser Westen?“ schildert, steht sinnbildlich für die Rolle, die Religion und Glaube im globalisierten 21. Jahrhundert spielen.

Garth legt zunächst dar, dass die in der Sozial- und Geisteswissenschaft lange geltende These von der Säkularisierung heute nicht mehr haltbar ist. „Gerade Gesellschaften, die stark im Aufschwung sind und einen intensiven Modernisierungsprozess durchlaufen, öffnen sich dem christlichen Glauben“, erklärt der Theologe und nennt die Beispiele China und Südkorea. Religion sei global gesehen ein „Megatrend“.

Europa hingegen sei eine „Insel im religiösen Meer, die Ausnahme von der Regel“. Bezogen auf Deutschland erklärt Garth, warum dies so ist: Das konstantinische Kirchenmodell mit der großen Staatsnähe der Kirchen habe diese zweifellos beschädigt. Die Säkularisierung der Gesellschaft sei allerdings auch durch die Selbstsäkularisierung der Kirchen beschleunigt worden, und bis heute würden die Versuche evangelischer Kirchenvertreter, das Christentum den Entwicklungen unserer Zeit anzupassen, nicht ernstgenommen. „Die Forderung nach einer inhaltlichen Angleichung an die säkulare Moderne hat die Kirche ihrer Sprachfähigkeit in geistlichen Dingen beraubt“, schreibt Garth, „und sie inhaltlich auf eine materialistische Diesseitigkeit fixiert.“

Am atheistischsten Ort gründete Garth eine Kirche

Eine der Stärken des Buches ist, dass Garth nicht nur theoretisch lamentiert, sondern von seinen zahlreichen Erfahrungen mit postmoderner Spiritualität, Kirchengründung und Evangelisation berichtet. 1999 gründete der evangelische Pfarrer in einer Berliner Plattenbausiedlung die „Junge Kirche Berlin“, als missionarisches Projekt der Landeskirche, die ratlos vor der Gottlosigkeit der Bevölkerung stand. Atheisten wie Pfarrkollegen belächelten Garths Wunsch, glaubensferne Menschen zu erreichen. Doch sein Konzept ging auf: Aus einer Handvoll Gottesdienstbesuchern wurden 30, aus 30 dann 60 – und auch das war erst der Anfang.

Durch seine zahllosen Gespräche hat der Autor ein feines Gespür für die geistlichen Bedürfnisse, die Menschen in der Postmoderne haben – auch, wenn sie es gar nicht wissen. Individualisierung, Emanzipation und materielle Sorglosigkeit seien Gründe dafür, warum der Mensch heute nicht mehr nach der Meinung der Kirche zu seinem Leben frage. Wenn schon Glaube, dann undogmatisch und auf die Verbesserung des eigenen Lebens ausgerichtet. Erreichbar seien die Leute aber oftmals über persönliche Erfahrungen, wenn sie authentisch vermittelt werden.

Wer mit den Methoden von gestern die Gemeinde von morgen bauen will, scheitert, schreibt der Pfarrer, der nüchtern und ohne Polemik mit seiner Landeskirche ins Gericht geht. 200.000 Euro für ein Gender-Zentrum stellt er ebenso infrage wie die Demontage aller Glaubensinhalte, die sich dem rationalen Verstehen entziehen. Der Verzicht auf Mission ist für Garth „Verrat am Evangelium“. Dass Garth nicht nur kritisiert, sondern zahlreiche konkrete Vorschläge zur Modernisierung und Zukunftssicherung der Landeskirche macht, erhöht seine Glaubwürdigkeit.

Lehrreich und kurzweilig

Garth pocht immer wieder auf unveränderliche Glaubenswahrheiten wie der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, von denen sich die Kirche auch in Zukunft nicht trennen darf. Das ist wohltuend. Gleichwohl ist der Theologe dafür bekannt, sich etwa in sexualethischen Fragen liberal zu positionieren – manche in der Vergangenheit bezogene kontroverse Position Garths erscheint nicht ganz schlüssig im Lichte des vorliegenden Buches.

Das tut diesem aber keinen Abbruch: „Gottloser Westen?“ ist eine äußerst lehrreiche und unterhaltsame Lektüre, deren sozialwissenschaftlicher Zungenschlag dem akademischen Leser auf Augenhöhe begegnet. Garth kritisiert seine Landeskirche offensichtlich aus Liebe. Er lobt die Freikirchen und versucht nebenbei, Toleranz und Offenheit für die charismatische Spiritualität Afrikas und Südamerikas zu wecken. Das Buch ist unbedingt empfehlenswert. (pro)

Alexander Garth: „Gottloser Westen. Chancen für Glauben und Kirche in einer entchristlichten Welt.“ Evangelische Verlagsgesellschaft, 220 Seiten, 15 Euro. ISBN 9783374050260

Alexander Garth: „Gottloser Westen. Chancen für Glauben und Kirche in einer entchristlichten Welt.“ Evangelische Verlagsgesellschaft, 220 Seiten, 15 Euro. ISBN 9783374050260

Von: mb

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