Der TV-Journalist Constantin Schreiber hat für sein Buch „Inside Islam“ in verschiedenen Moscheen in Deutschland recherchiert

Der TV-Journalist Constantin Schreiber hat für sein Buch „Inside Islam“ in verschiedenen Moscheen in Deutschland recherchiert

Imame predigen gegen Integration

Der Journalist Constantin Schreiber hat sich Freitagsgebete in Moscheen angehört und darüber ein Buch geschrieben. „Inside Islam" polarisiert und steht nach einer Woche auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Eine Rezension von Norbert Schäfer

Constantin Schreiber moderiert in der ARD die Tagesschau und das Nachtmagazin. Für die Moderation der deutsch-arabischen Sendung „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ hatte der Journalist 2016 den Grimme-Preis erhalten. Ende März hat Schreiber, der in Syrien Arabisch gelernt hat, ein Buch über muslimische Freitagsgebete in Deutschland veröffentlicht. Für sein Buch „Inside Islam - Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird“ hat er sich im vergangenen Jahr 13 Freitagspredigten in Arabisch und Türkisch angehört. Schreiber besuchte dazu deutsche Moscheen vorwiegend in Berlin, aber auch in Hamburg, Leipzig, Magdeburg, Karlsruhe und Potsdam. Was er dort hörte, ließ er wenn nötig übersetzen, schrieb es auf und diskutierte anschließend darüber mit Islam-Kennern. In seinem Buch geht der Autor der Frage nach, ob Moscheen in Deutschland „Räume eines persönlichen Glaubens oder politische Zonen“ sind, was dort gepredigt wird und wie die Imame über Deutschland sprechen.

Das Buch steht nach kurzer Zeit auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Die dazugehörige Reportage veröffentlichte die ARD auch im Internet unter dem Titel „Der Moscheereport".

Nach rund acht Monaten Recherche kommt Schreiber zu dem nüchternen Ergebnis: „Die von mir besuchten Predigten waren mehrheitlich gegen die Integration von Muslimen in die deutsche Gesellschaft gerichtet.“ Der Autor sagt selbst, dass er keine repräsentative Umfrage, sondern eine Reportage vorlegen wollte. Schreiber kritisiert, dass viele der Predigten „die Warnung vor dem Leben in Deutschland“ wie ein „roter Faden“ durchzogen hat.

Keine belastbaren Zahlen

In einem einleitenden Kapitel beschreibt Schreiber kurz die Hauptströmungen innerhalb des Islam – angesichts der Komplexität der Materie könnte man ihm eine holzschnittartige Darstellung vorwerfen. Seine Rechercheergebnisse zu grundlegenden Informationen über den Islam in Deutschland sind ernüchternd. Das Statistische Bundesamt erklärt dem Journalisten auf Anfrage: „Es existieren keine wissenschaftlich belastbaren Zahlen zu Muslimen in Deutschland.“ Ähnliches gilt für die Zahl der Moscheen im Land. Nach Anfragen an die unterschiedlichen Ministerien, den Zentralverband der Muslime in Deutschland und das Statistische Bundesamt stellt der Journalist fest: Die Abgefragten „können nicht einmal annäherungsweise schätzen, wie viele Moscheen es bei uns aktuell gibt und wo sie sich befinden.“

Langatmig, aber authentisch

Danach dokumentiert Schreiber die Freitagspredigten in den verschiedenen Moscheen für den Leser. Dabei stellt er jeweils eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten politischen Ereignisse voran und schildert seine Eindrücke vom Ort der Recherche.

Anschließend diskutiert er persönliche Eindrücke und die Inhalte der Predigten mit Isalm-Kennern. Darunter sind der Islamwissenschaftler Abdelhakim Ourghi, die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, Susanne Schröter, der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze und die Orientalistin Verena Klemm. Ein Gespräch mit den Imamen kam nach Angaben des Autors nur in acht der 13 Moscheen zustande.

Kritik und Zuspruch

„Inside Islam" polarisiert. Kritik für sein Buch hat Schreiber unter anderem von der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor geerntet. Sie wirft dem Journalisten vor, dass in dem Buch kein einziger muslimischer Theologe zu Wort gekommen sei.

Die Tageszeitung (taz) bemängelt „fehlende Sorgfalt und Sachkenntnis" des Grimme-Preis-Trägers. Die Zeitung bezeichnet Schreiber gar als „Gesicht der Misstrauenskultur". Gegen die Kritik von Kaddor und der taz hat sich Schreiber in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit gewehrt. „Ich habe mir Rat eingeholt, welche Leute ich anfragen soll, die Mehrzahl von ihnen hat abgesagt oder sich nicht gemeldet“, erklärte Schreiber gegenüber der Zeitung. Alle, die zugesagt hätten, seien in dem Buch auch zu Wort gekommen. Rückendeckung und Verständnis bekommt Schreiber vom Islamkritiker Hamad Abdel-Samad: Er heißt Schreiber ironisch „im Kreis der bigotten, populistischen Islamophoben“ willkommen.

Die Dokumentation bietet dem Leser die Möglichkeit, selbst ein Urteil zu fällen. Das Lesen der Predigten ist aber anstrengend. Die Erläuterungen der Experten liefern Erhellendes, hätten aber deutlich umfangreicher sein dürfen. Schreiber dokumentiert und belehrt nicht. Obwohl der Autor mehrfach betont, dass seine Reportage nicht repräsentativ ist, verdichtet sich beim Lesen das Gefühl, dass in den besuchten Moscheen der Integration und dem kulturellen Miteinander wenig Bedeutung beigemessen wird. Das stimmt nachdenklich. Gesagt werden muss auch, dass der Autor „konkrete Aufrufe zur Gewalt oder Verherrlichung des Dschihad“ bei seinen Besuchen nicht erlebt hat. Schreiber ist bewusst nicht in „Vorzeige-Moscheen" gegangen. Das ist gut - beruhigend wirkt das allerdings nicht. Die dokumentarische Auseinandersetzung mit dem Islam in Deutschland ist lesenswert.

Constantin Schreiber: „Inside Islam - Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird", Econ, 256 Seiten, ISBN 9783430202183, 18 Euro

Von: nob

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