Im Buch „Wo war Gott, als das Universum geschaffen wurde?“ unterhalten sich zwei Angestellte der Sternwarte des Vatikan in Rom
Im Buch „Wo war Gott, als das Universum geschaffen wurde?“ unterhalten sich zwei Angestellte der Sternwarte des Vatikan in Rom

„Würden Sie Außerirdische taufen?“

Zwei schlaue Menschen unterhalten sich über Gott und die Welt. So könnte man das Buch zusammenfassen, das zwei Jesuiten von der vatikanischen Sternwarte in Rom gemeinsam verfasst haben. Das unterhaltsame und lehrreiche Buch „Wo war Gott, als das Universum geschaffen wurde?“ klärt unter anderem die Frage, ob man Außerirdische taufen sollte. Eine Rezension von Jörn Schumacher

Guy Consolmagno und Paul Mueller sind Naturwissenschaftler und gläubige Katholiken. Consolmagno ist Spezialist für planetare Physik und Geologie und vor allem für Asteroiden und Meteoriten, er hat aber auch Philosophie studiert. Muellers Spezialgebiet ist die Geschichte und Philosophie der Naturwissenschaften, vor allem der Physik und Astronomie. Beide sind Jesuiten, also Mitglieder der größten Ordensgemeinschaft in der römisch-katholischen Kirche. Mueller ist zudem Priester. Ihr Buch „Wo war Gott, als das Universum geschaffen wurde?“ ist vor kurzem im Herder-Verlag erschienen und stellt einen Dialog der beiden Forscher dar, der sich hauptsächlich um die Vereinbarkeit von Glaube und Wissenschaft dreht.

Die amerikanische Originalausgabe von 2014 trägt einen weitaus originelleren Titel, nämlich „Would you Baptize an Extraterrestrial?“ (Würden Sie einen Außerirdischen taufen?). Dies ist eine der Fragen, die den Autoren bei ihrer Arbeit im Vatikanischen Observatorium gestellt wurde.

„Wir bekommen viele E-Mails“, sagt Mueller, der im Buch im ständigen Dialog mit seinem Kollegen steht. Der Leser lauscht den Gelehrten, wie sie die Fragen beantworten, die von Besuchern am häufigsten gestellt werden. „Sie stammen alle von Leuten, die Naturwissenschaft und Glauben ernst nehmen wollen.“ So handelt das Buch von der Frage nach möglichen Widersprüchen zwischen Genesis und Urknalltheorie, zwischen Bibel und Physikbuch, zwischen Naturgesetzen und Wundern.

„Viele Naturwissenschaftler sind religiös“

„Gott offenbart sich in den Dingen, die er gemacht hat“, ist sich Consolmagno sicher. Daraus werde deutlich, „dass nichts ‚einfach so‘ passiert. Das Handeln, das wir im Universum beobachten können, entspringt nicht der zufälligen Laune irgendeiner heidnischen Gottheit. Die erstaunliche Komplexität der physikalischen Welt ergibt sich aus logischen, vernünftigen Regeln, die im Grunde genommen ganz einfach sind“. Der Physiker erklärt: „Naturwissenschaft und Religion haben gemeinsame historische Wurzeln, der Krieg zwischen ihnen – wenn es ihn denn gibt – ist also keine Sache der Ewigkeit. Und zweitens: Viele Naturwissenschaftler sind religiös.“

Die beiden Wissenschaftler unterhalten sich zunächst einmal erstaunlich viel über Kunst. Das macht aber beim genaueren Hinsehen Sinn: Man kann ein Gemälde als eine Ansammlung von farbigen Punkten sehen, und diese dann für sich untersuchen. So wie die Physik die Atome und Quarks untersucht. Das große Ganze sieht man dann aber nicht. Somit bedarf es zum detaillierten Forschen am Kleinsten auch der Gesamtsicht auf das Universum. Wozu ist es überhaupt da? Mueller: „Aristoteles sagt, um etwas wirklich zu verstehen, muss man wissen, woraus es gemacht ist, was für ein Ding es ist, wer es gemacht hat, warum er es gemacht hat und welchen Wert, welche Bedeutung es besitzt. Solche Fragen machen für ihn die Wissenschaft aus.“ Es gibt also keinen Krieg zwischen Glauben und Wissenschaft, vielmehr ergänzen sie sich für einen forschenden Menschen. „Nur weil Fragen über Wert, Bedeutung oder Zweck in der modernen Naturwissenschaft nicht gestellt werden, heißt das nicht, dass diese Fragen nicht wichtig sind“, fügt Mueller hinzu.

Und immer wieder „Per Anhalter durch die Galaxis“

Der Leser erfährt manche interessante Details aus der Welt der Wissenschaft. So etwa die Tatsache, dass Georges Lemaître, der die Urknalltheorie entwickelte, nicht nur Astrophysiker war, sondern auch katholischer Priester. Dennoch bat er Papst Pius XII. damals, seine revolutionäre Erkenntnis vom Anfang des Universums auf keinen Fall als Beweis für die Genesis zu propagieren. „Und tatsächlich ließ der Papst das dann auch klugerweise sein. Wer kann schließlich wissen, wie die kosmologischen Theorien in tausend Jahren aussehen werden?“ Ob das Buch für die Frage „Was war der Stern von Bethlehem?“ ein ganzes Kapitel enthalten muss, oder für Pluto, der nun einmal nicht mehr „Planet“ genannt wird, sei dahingestellt.

Wer sich schon immer einmal mit zwei Astronomen der Sternwarte des Vatikans unterhalten und ihnen beim Galopp durch 2.500 Jahre Wissenschaftsgeschichte lauschen wollte und gerne zwischen Naturwissenschaft und Philosophie pendelt, dem sei das Buch empfohlen. Fans der wissenschaftlich-philosophischen Unterhaltungen des Astronomen Harald Lesch und des Philosophen Wilhelm Vossenkuhl (als Buch und TV-Sendung erschienen unter dem Titel „Denker des Abendlandes“ beziehungsweise „Die Großen Denker“) bekommen hier neuen Stoff zum Nach- und Mitdenken. Ebenso werden Freunde des Buches „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams auf ihre Kosten kommen – beide Jesuiten sind offenbar echte Kenner dieses surrealen philosophischen Kult-Romans, aus dem sie immer wieder zitieren.

Die titelgebende Frage „Würden Sie einen Außerirdischen taufen“ beantwortet Consolmagno übrigens so: „Nur wenn er darum bittet.“ Noch spannender sei aber die Frage: „Würden Sie sich von einem Außerirdischen taufen lassen?“ (pro)

Guy Consolmagno und Paul Mueller: „Wo war Gott, als das Universum geschaffen wurde?“, 256 Seiten, Herder, 19,99 Euro, ISBN 9783451342653

Von: js

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