Das neue Buch von Manfred Spitzer heißt „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“
Das neue Buch von Manfred Spitzer heißt „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“

Für Manfred Spitzer ist schon wieder Weltuntergang

Die Welt geht unter. Wieder einmal. Wie das bei Weltuntergangspropheten so ist, müssen sie, wenn die Welt doch nicht untergegangen ist, einige Jahre später erneut ein Buch schreiben, in dem sie beteuern: Jetzt geht sie aber wirklich unter! Der Hirnforscher Manfred Spitzer warnt in „Cyberkrank!“ erneut vor dem Gift der Digitalisierung, das uns alle tötet. Eine Rezension von Jörn Schumacher

Als es noch Telefone mit Wählscheiben gab, war alles besser. Doch als die Digitalisierung die Welt in den Griff nahm, begann das Übel. Die digitale Welt ist für den Hirnforscher Manfred Spitzer ein Horror, der unsere Gesellschaft ins Unglück, in Krankheit und Tod treibt.

Das hat der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm bereits 2005 in seinem Buch „Vorsicht Bildschirm“ geschrieben, im Jahr 2012 legte er nach mit dem Buch „Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“. Nun heißt das Buch „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“.

Spitzers Markenzeichen, das Warnen vor der Digitalisierung der Gesellschaft, ist zu einem einträglichen Geschäft geworden. Seine schlichte These „Fernsehen macht dick, dumm und aggressiv“ wurde bekannt. Der Gehirnexperte Prof. Dr. Dr. Spitzer liefert den unangreifbaren, weil hoch wissenschaftlichen Absolutheitsanspruch in seinem neuen Buch gleich mit: „Wer behauptet, dass dies nicht der Fall sei, der leugnet wissenschaftliche Tatsachen – etwa wie jemand, der behauptet, die Erde sei eine Scheibe, um die sich die Sonne dreht.“ Für manchen Wissenschaftler läuten bei derartigen Aussagen die Alarmglocken, lautet die Übersetzung doch nichts anderes als: Ich bin Neurowissenschaftler, alles, was ich sage, stimmt.

Wegen Smartphones: „Müll in den Köpfen“

Spitzers Thesen in „Cyberkrank“ haben sich im Laufe der Jahre wenig geändert. Diesmal ist es vor allem das um sich greifende Smartphone, welches als Gift identifiziert wurde und verbannt werden muss. Rigoros warnt der Autor vor „Müll in den Köpfen“. Einen selbstverantwortlichen Umgang mit der digitalen Technik traut er niemandem zu. In einer Analogie stellt er zum Beispiel fest: „Bei der Frage ‚Esse ich jetzt Vanilleeis oder lebe ich lieber einen Tag länger?‘ entscheiden sich nahezu alle Menschen für das Eis.“ Das ist erstmal schlimm. Aber müsste sich ein Mediziner wie Spitzer nicht auch gleichzeitig fragen: Vielleicht ist es ja unser Gehirn – um im Bild zu bleiben – , das uns das Signal gibt, Vanilleeis zu essen, einfach weil es mal wieder Zeit wird, dem Körper Eiweiß, Zucker und Fett zuzuführen? Und überhaupt: Was nützt es eigentlich, länger zu leben, wenn dieses Leben aus Verzicht besteht?

Spitzers Buch wirft viele Fragen auf. Was ist so schlimm daran, wenn uns nicht mehr ein Wecker mit großen Zeigern und großen Glocken weckt, sondern ein Smartphone? Was ist schlecht an großen Computerbildschirmen? Sollten wir denn lieber wieder vor kleineren Bildschirmen sitzen? Was ist schlecht an scharfen HDTV-Monitoren oder an anderen Innovationen in der Digitaltechnik? Für Spitzer sind die Kausalketten ganz klar definiert, etwa so: Wir sehen Werbung für ungesunde Produkte, wir kaufen sie und ernähren uns ungesund. Aber es gibt doch genauso Werbung für Fitness-Studios und -Trainer?

Wie absurd Spitzers generelle Verurteilung der digitalen Helferlein ist, wird deutlich, wenn man aus ihr eine konkrete Handlungsanweisung macht: Schaltet Eure Geräte ab, geht nicht ins Internet, benutzt keine Computer! Niemand wird glauben können, dass Spitzer die Recherche für sein Buch nicht im Internet durchgeführt hat, sondern sich in eine Bibliothek begeben hat, oder dass er sein Buch nicht mit einem Schreibprogramm, sondern einer Schreibmaschine geschrieben hat.

Wo Spitzer Recht hat

Völlig wirr wird Spitzers Argumentation, wenn es um Computerspielsucht geht. So wie die Sucht nach Kokain, die er zunächst ausführlich beschreibt, könne auch das Spielen am Spielautomaten und der Gewinn von Münzen zur Sucht werden, erklärt er. Doch nun steht er vor einem Problem: Warum spielen so viele Menschen Computerspiele, wenn man dadurch doch gar kein Geld bekommt? Die Antwort kann nur lauten: Die Computerspiele wurden deswegen programmiert, um die Menschen süchtig zu machen. Die Frage drängt sich auf: Wurde denn auch Fußball erfunden, um die Menschen süchtig zu machen? Wie steht es mit Brettspielen? Spitzers Antwort: Bei den Spielen aus der guten alten Zeit vor den Einsen und Nullen lernt man etwas. Bei Computerspielen schließt er das kategorisch aus. Da lernt man nur, „fremde Wesen zu töten, Leute mit dem Auto zu überfahren oder im Krieg Feinde zu bekämpfen“. Wer viel Computerspiele spielt, ist nicht erfolgreich im Leben, konstatiert Spitzer. Aber: „Wer leidenschaftlich und geradezu suchtartig Klavier oder Geige spielt, turnt, reitet oder im Hobbyraum mit seiner Modelleisenbahn spielt (und auf diese Weise acht Stunden täglich verbringt), kann im Leben sehr erfolgreich sein.“

Bei all dem Wirrwarr übersieht der Leser leider leicht die vielen guten Aspekte, die sein Buch ebenso enthält. Selbstverständlich ist es für den Körper gesünder, sich zu bewegen, als vor dem Fernseher rumzuhängen. Und wer bis spät in die Nacht auf den Bildschirm schaut und spielt oder im Internet surft, aber am nächsten Morgen früh aufstehen muss, bekommt weniger Schlaf. Das ist aber ein Problem der Disziplin, das auf alle Hobbys zutrifft und nicht direkt etwas mit einer digitalen Welt zu tun hat.

Glaubhaft ist zudem der Bericht einer Lehrerin, die von Konzentrationsschwächen ihrer Schüler berichtet, die auf dem Weg zur Schule und in der Pause zum Smartphone greifen, anstatt sich mit den Schulkameraden zu unterhalten. Auch was Spitzer über „Big Data“ schreibt und dass der normale Bürger sich zunehmend machtlos fühlt angesichts der Datenkrake, die unsere privaten Informationen ausschlachtet für den Profit (Markt) oder für mehr Kontrolle (Politik), ist wertvoll. Sicher sind diese Betrachtungen schon an anderer Stelle und schon früher gemacht worden, dennoch könnten sie für viele Spitzer-Fans neu sein.

Bücher gut, E-Books schlecht

Cybermobbing und Cyberkriminalität stellen in der Tat Probleme dar. Aber sie sind eine logische Folge einer Gesellschaft, die zunehmend digitalisiert ist. Wenn das Leben sich verlagert in eine digitale Welt, verlagert sich dorthin auch die Kriminalität, und fiese Kinder sind nun eben online fies, und nicht mehr auf dem Schulhof. Wer meint, sich alle zwei Minuten bei Facebook einzuloggen oder seine E-Mails checken zu müssen und dann unter Stress leidet, hat ein Problem mit seinem Zeitmanagement, sein Handy hat damit nichts zu tun. Und wer ist Manfred Spitzer, der darüber richten will, wer was mit seinem Gehirn anstellt?

Es gibt bei Spitzer wie gewohnt keinen Grau-Bereich, sondern nur Schwarz oder Weiß. E-Books sind schlecht, gedruckte Bücher sind gut. Da gibt es kein Abwägen, ob vielleicht die eine Technik in einer bestimmten Situation geeigneter sein könnte als die andere. Übrigens konnte sich Spitzer offenbar nicht dagegen wehren, dass sein eigenes Buch vom Verlag auch als E-Book verkauft wird. Es ist sogar drei Euro billiger.

Zivilisation war eigentlich schon immer schlecht, doziert Spitzer. Als der Mensch begann, sesshaft zu werden und mehr Fleisch zu essen, bekam er Karies, litt unter Vitamin- Eiweiß- und Calciummangel. Es wäre wohl sinnlos, all die Vorteile aufzulisten, die die Digitalisierung, das Internet, ja: die Zivilisation mit sich gebracht hat. Es würde am Bestseller-Autor Spitzer einfach abprallen. (pro)

Manfred Spitzer: „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“, Droemer HC, 432 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 9783426276082

Von: js

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