Kulturschock Fernsehen: Das Buch "Seichtgebiete" kennt kein Pardon mit seichter Unterhaltung.
Autor Michael Jürgs nimmt die TV-Welt auseinander. Der Journalist machte sich in der Vergangenheit vor allem beim "Stern" einen Namen.
"Seichtgebiete" will den kulturellen Verfall dokumentieren.

Michael Jürgs: Über Blöde und Blödmacher

Michael Jürgs dokumentiert in seinem Buch „Seichtgebiete – Warum wir hemmungslos verblöden“ satirisch den kulturellen Verfall, geistigen Niedergang und die medialen Sünden unserer Gesellschaft. Dabei geht der ehemalige Chefredakteur von "Stern" und "Tempo" alles andere als sanft vor. Ein paar Gegenvorschläge liefert er auch, um der "Verblödung" die Stirn zu bieten.

Marcel

Reich-Rancki weiß es und verkündete es 2008 lautstark auf der Verleihung des

Deutschen Fernsehpreises. Der Kulturjournalist Alexander Kissler weiß es ebenso

und schrieb darüber sein Buch "Dummgeglotzt". Und die

Landesmedienanstalt Saarland, die eigentlich etwas dagegen tun könnte, weiß es

und eröffnete vor fünf Jahren das Online-Beschwerdeportal "programmbeschwerde.de".

Im Grunde wissen es die meisten: Deutschlands TV-Landschaft liegt brach. Wer

Montag nachmittags um drei Uhr den Fernseher einschaltet, weiß manchmal nicht,

ob er lachen oder weinen soll. Das Angebot an Trash-TV, Pseudo-Dokus und

Reality-Shows nimmt stetig zu.

Was war nun zu erst da? Haben platte Sendeformate Schritt für Schritt ein anspruchsloses Publikum geprägt, das nach seichter Unterhaltung lechzt? Oder produzieren private und zunehmend auch öffentlich-rechtliche Sender genau das, was der Zuschauer ohnehin am liebsten sehen will? Ohne Schamgefühl, Moral und Anstand hätten die Fernsehmacher die Bedürfnisse ihrer Zielgruppe erkannt und bedient, meint Michael Jürgs. Reich-Ranicki schlägt den Mittelweg vor. Nach dem Fernsehpreis-Eklat sagte er in der Sondersendung "Aus gegebenem Anlass" zu Thomas Gottschalk: "Man kann reine Unterhaltungsprogramme liefern, die doch ein gewisses Niveau haben. Mann muss nicht Schwachsinn liefern." Damit sprach er wohl einigen aus dem Herzen. Andere wiesen alle Schuld von sich.

"Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens"

Auf den ersten Seiten seines Buchs wird bereits deutlich, welchen Ton Michael Jürgs anschlägt. "Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens", beginnt er seine Streitschrift gegen die "Seichtgebiete" unserer Gesellschaft. Er richtet sich gegen Verrohung und Unkultur in Medien und Politik, in den Schulen und auf der Straße. Bissig und zynisch prangert er an: Das Volk verblödet. Als Wurzel allen Übels nennt auch er die Medien, darunter diverse Fernsehformate, wie Doku-Soaps à la "Big Brother", "Bauer sucht Frau" oder "Das Dschungelcamp". Besonders negativ beurteilt er so manchen privaten Sender. Schockierend sei, dass RTL auf Platz eins bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 stehe. Jürgs verschont aber auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nicht und wettert offensiv gegen den ehemaligen ARD-Programmchef Günter Struve. In dessen Dienstjahren hätte sich das Programm im Ersten zunehmend dem der Privatsender angenähert. Das ZDF sähe seiner Zielgruppe entsprechend "verdammt alt aus". Der Grund: Mangel an innovativen Einfällen. Für "Quoten und Qualität" und zur Not auch nur für Qualität plädiert Jürgs und kritisiert damit die reine Jagd nach Zuschauern.

Die Gärtner der Seichtgebiete

Jürgs geht hart ins Gericht. Vor allem mit denen, die seiner Meinung nach Urheber der Misere sind. "Die Gärtner der Seichtgebiete" nennt er sie. Oder auch "Blödmacher". Damit meint er die Macher von Schrott-Formaten und die Verleger von "sprachloser" Literatur sowie manchen Politiker. Er spricht von einer "Gefährdung der demokratischen Gesellschaft durch Fernsehformate, aber auch bestimmte Bücher, Zeitschriften, Zeitungen". "Sprachlos" seien Werke wie die der Autorin Charlotte Roche oder der jüngst verfilmte Gruselkitsch einer Stephenie Meyer. Meyer ist die Autorin von Bestsellern wie "Bis(s) zum Morgengrauen". Wer ihm auch missfällt: "Kaiser Mario Barth an der Spitze der Unterschicht." Dessen Erfolg sei jedoch ein Beweis für die Güte Gottes, "der sich um alle Menschenkinder sorgt, also auch um Mario Barth", kommentiert der Journalist. Weiterhin kritisiert er die moralische, aber auch kulturelle Verwahrlosung der Gesellschaft und ihrer politischen Vertreter. Jeder Bundestagsabgeordnete solle alle zwei Monate ein weltliterarisches Werk lesen, fordert er. Er verlangt größere kulturelle Bildung und größeres Allgemeinwissen von Volksvertretern, an die andere Maßstäbe angelegt werden müssten. Eine lebendige Demokratie brauche lebendige Vorbilder.

Der Verblödung entgegentreten

Trotz des ganzen Gespötts schreibt sich Jürgs auf die Fahnen, nicht von oben herab auf die "Blöden" schimpfen zu wollen. "Nur eine Minderheit der Blöden ist bereits blöd auf die Welt gekommen", meint er. Jeder sei seines Glückes Schmied. Außerdem "sind wir doch alle mitunter mal blöde", so Jürgs. Er fragt sich: "Wie lassen sich Blöde am besten einfangen? Indem sie erst einmal ernst genommen werden, statt sie zu verhöhnen." Jürgs fordert keine Kulturrevolution. Sein Vorschlag: Das Beet voller Kraut und Rüben rücksichtsvoll kultivieren im Sinne der Didaktik. Die "Verführung Minderjähriger zum Lesen, Hören, Denken und Fragen" ist sein Ziel.

Ob Jürgs der Spagat zwischen Spott und konstruktiver Kritik immer gelingt, ist fraglich. Er ist wütend und frustriert und das merkt der Leser. Weite Teile des Buchs sind schlicht eine zynischen Streitschrift. Im letzten Kapitel scheint sich das Blatt zu wenden. Jürgs lenkt ein und plädiert für "eine von Vorurteilen freie Sympathie fürs Volk." Sein Ziel: "Die Blöden verblüffen, statt sie mit Hilfe der Guten zu überfallen." Er spricht sich gegen einen intellektuellen Kreuzzug und für behutsame Überzeugungsstrategien aus. Ein Friedensangebot also? Nicht ganz. Was Jürgs nun tatsächlich von "den Blöden" hält, bleibt zumindest teilweise schleierhaft. Friedfertig ist sein Buch sicherlich nicht. Wer bereit ist, sich auf Jürgs' spitze Zunge und unverblümte Sprache einzulassen, wird an diesem Buch Gefallen finden. Besser als ein Nachmittag vor dem Fernseher ist es allemal. (PRO)

Von: R. Stiefelhagen

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