Ungewollt geplant: "Die Hütte"-Autor William Paul Young im Interview

William Paul Young schrieb einen Roman über das Leid eines Menschen, der an Gott verzweifelte: "The Shack". Ab diesem Freitag ist das Buch unter dem Titel "Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott" in deutscher Übersetzung erhältlich. pro-Redakteur Andreas Dippel hat mit dem Erfolgsautor über die Geschichte von "The Shack" gesprochen.

pro: Bevor wir über den enormen Erfolg Ihres Buch sprechen: Warum haben Sie "The Shack" eigentlich geschrieben?

William Paul Young: Ich habe das Buch als ein Geschenk für meine sechs Kinder geschrieben, die zwischen 16 und 28 Jahren alt sind. Ich war zwar schon immer ein Schreiber, aber niemals ein Autor. Mit dem Buch wurde ich sozusagen völlig unbeabsichtigt zu einem Buchautor. Meine Frau sagte mir vor einigen Jahren: Paul, ich fände es großartig, wenn du eines Tages unseren Kindern einmal schreiben würdest, was du wirklich über Gott denkst. 2005 habe ich angefangen, es sollte ein Weihnachtsgeschenk werden. Das Manuskript wurde zwar vor Weihnachten fertig, aber ich hatte nicht genug Geld, um es  binden zu lassen. Erst nach Weihnachten konnte ich 15 Ausgaben in einem Copyshop drucken und binden lassen. Die habe ich meinen sechs Kindern geschenkt, andere davon haben meine Frau Kim, Verwandte und Freunde bekommen. Damals habe ich niemals daran gedacht, diese kopierten und gehefteten Blätter als Buch zu veröffentlichen. Jedenfalls haben meine Freunde 2006 das gebundene Manuskript weitergegeben, unter anderen an einen Bekannten in Kalifornien, der Filmproduzent ist. Er dachte daran, aus der Geschichte einen Film zu machen. Wir haben nach all den ersten Reaktionen mit Verlagen gesprochen und ihnen das Manuskript angeboten. Doch 26 Verlage haben damals gesagt: Nein, kein Interesse.

Kein Verlag wollte "The Shack" drucken?

Korrekt. Die religiösen Verlage haben uns gesagt: Wir haben nicht wirklich eine Nische für das Buch, es ist im Übrigen "grenzwertig". Und säkularen Verlagen kam in dem Buch einfach zu viel von Jesus vor. Wir standen plötzlich zwischen "grenzwertig" und Jesus – was eigentlich kein schlechter Ort ist (lacht). Ich habe mich damals schon gefragt, warum es eigentlich so schwer ist, ein Buch zu veröffentlichen. Und weil so viele Verlage mein Manuskript abgelehnt haben, haben zwei Freunde von mir, Wayne Jacobsen und Brad Cummings, einen neuen Verlag gegründet, Windblown Media, in dem "The Shack" verlegt wurde. Das war 2007. Wir haben all unser Geld zusammengekratzt und 10.000 Exemplare drucken lassen. Bekannte haben prophezeit, dass in zwei Jahren in der Garage in Brads Haus in Los Angeles, in der wir die Bücher lagerten, noch 8.000 Ausgaben liegen würden. Sie haben uns beinahe für verrückt erklärt. Jedenfalls haben wir einfach eine Website gestaltet und Bücher an Freunde verschickt. Was sich in den darauffolgenden Monaten entwickelte, kann ich nur mit einem Bild erklären: Es war, als ob sich überall kleine Leuchtfeuer entzündeten, und zwar bei Menschen, die "The Shack" gelesen hatten. Sie erzählten anderen von dem Buch und ihren Eindrücken, bestellten über die Website gleich dutzende Exemplare, um sie weiterzugeben. Diese Entwicklung ist für mich auch heute noch phänomenal – und das Abenteuer, das ich seit 2006 erlebe, zeigt mir: "Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt", wie es in 1. Korinther heißt.

300 Dollar für Werbung – Millionenfach verkauft

Wer ein neues Buch auf den Markt bringt, investiert normalerweise eine Menge Geld in Werbung und Marketing. Wie viel haben Sie damals investiert?

Wir haben weniger als 300 Dollar für Werbung ausgegeben, das war‘s. Trotzdem haben wir aus der Garage oder der lokalen Druckerei in Los Angeles zwischen Mai 2007 und Juni 2008 mehr als 1 Million Bücher verschickt. Diese 300 Dollar haben wir für eine Anzeige im Internet ausgegeben. Nach menschlichen Gesichtspunkten hätte "The Shack" niemals ein Bestseller werden können.

Und ein Bestseller ist das Buch tatsächlich: Seit Juni 2008 steht Ihr Buch auf Platz 1 der "New York Times"-Bestsellerliste und hält sich dort unangefochten. Was ist der wirkliche Grund für diesen Erfolg?

Die Geschichte von "The Shack" löst etwas in den Herzen von Menschen aus, das sie verändert. Leser haben den Wunsch, diese Erfahrung auch mit anderen Menschen zu teilen, die ihnen wichtig sind. Es geht bei der Geschichte um die existentiellen Fragen des Lebens: Warum kann Gott Leid zulassen? Was ist das für ein Gott, der trotz seiner Allmacht im Leben von Menschen schrecklichste Dinge nicht verhindert? Der Roman hilft Menschen, genau diese Fragen zu beantworten und das durch eine Sprache, die nicht religiös-theologisch daherkommt. Doch der Roman berührt die Menschen nicht nur in ihren grundlegenden Fragen, sondern auch in ihrem Schmerz, den wir alle in unserem Leben erfahren haben. Wir sehnen uns in Wirklichkeit nach einer tiefen persönlichen Beziehung zu Gott und wünschen uns, dass er uns von unseren Schmerzen und Enttäuschungen heilt.

Die Geschichte von "The Shack" ist durchaus faszinierend. Was hat Sie selbst zu diesen Dialogen, die so viele Leser bewegen, inspiriert?

Ich werde immer wieder gefragt, wie lange ich für das Schreiben des Buches gebraucht habe. Darauf gibt es zwei Antworten, die erste lautet: 50 Jahre, mein ganzes Leben lang. Und das Wochenende, das Mackenzie in der Hütte verbringt, entspricht eigentlich 11 Jahren meines Lebens, in denen ich großes Leid erfahren habe und in meinem Glauben und meiner Beziehung zu Gott verzweifelte. Die Hütte ist daher eine Metapher für den Menschen, seine Existenz, sein Herz, seine Seele. Das ist der Kern unseres Lebens, an dem wir selbst mit gebaut und den andere Menschen mit geprägt haben. Wer etwa Eltern hatte, die ihn in Liebe und Respekt aufgezogen und begleitet haben, hat schon dadurch ein gefestigtes Fundament seiner eigenen Persönlichkeit. Doch diese Erfahrung haben die wenigsten gemacht, auch ich nicht. Ich bin als Kind von Missionaren aufgewachsen und habe dennoch viel Leid erfahren. Die Hauptfigur in "The Shack", Mackenzie, hat ebenfalls einen Vater gehabt, der ihm Leid zugefügt hat. So etwas zerstört unsere Träume und Sehnsüchte schon im Kindesalter. Und all das sind Geheimnisse, die wir niemandem preisgeben wollen, die aber dennoch ganz tief in unseren Herzen verankert sind. Wir versuchen, schlimme Erfahrungen zu verdrängen, ihnen zu entfliehen. Wohin? In Abhängigkeiten, in Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst und anderen oder durch eine Fassade, die ich mir als Christ ebenfalls zugelegt habe. Nur diese Fassade sollen die Menschen sehen, aber niemals das, was mich wirklich geprägt hat, mich zu dem Menschen gemacht hat, der ich in Wirklichkeit bin.

Vorstellungen von Gott

Als Mackenzie die abgelegene Hütte betritt, trifft er auf eine afro-amerikanische Frau, die er "Papa" nennt, auf Jesus als nahöstlichen Zimmermann und den Heiligen Geist in Gestalt einer asiatischen Frau. Am Ende des Wochenendes begegnet Gott Mackenzie in Gestalt eines Mannes. Diese Schilderungen sind für viele Leser mit Sicherheit nicht leicht nachzuvollziehen, oder?

Das hängt entscheidend von der eigenen Lebensgeschichte und der eigenen religiösen Prägung ab. Für mich ist es sehr wichtig, dass Gott eine Beziehung zu uns Menschen pflegen will, dass er auch in sich in einer Beziehung steht. Gott ist zudem kein menschliches Wesen, einzig Jesus nahm die Gestalt eines Menschen an. Gott ist auch weder ein Mann noch eine Frau und er ist auch nicht zu 51 Prozent männlich und 49 Prozent weiblich. Auch die Bibel verwendet Beispiele, in denen sowohl die männlichen als auch die weiblichen Eigenschaften Gottes dargestellt werden. In dem Roman hat Mackenzie gerade in seiner Kindheit schlimmste Erfahrungen mit seinem Vater gemacht und hat daher größte Probleme, Gott als seinen "Vater" zu sehen. Doch es ist meine Überzeugung, dass Gott, der die Liebe ist, Wege findet, um zu uns zu gelangen, um uns in unserem Schmerz und Leid zu begegnen. Also tritt Gott in meinem Roman zunächst als afro-amerikanische Frau auf, die Mackenzie umsorgt wie eine Mutter, für ihn kocht und Kuchen backt. Natürlich ist diese Vorstellung auch für Mackenzie völlig außerhalb seiner Vorstellungskraft. Doch die liebevolle Beziehung, die Gott in Form dieser Frau zu ihm aufbaut, wird die Grundlage für seine Heilung. Erst später kann er Gott als seinem "Vater" ohne Vorbehalte begegnen. Im Übrigen ist Gott doch nicht irgendein Gandalf aus "Herr der Ringe", mit langem weißem Bart. Genauso wenig ist er eine afro-amerikanische Frau! Mir geht es bei der Schilderung darum zu zeigen: Gott begegnet uns in seiner grenzenlosen Liebe so, wie es für uns richtig ist. Es geht also um die Eigenschaften Gottes, nicht darum, ihm eine äußerliche Gestalt zuzuordnen.

Über die Kritik an "Die Hütte"

Einige Prominente wie der Theologe Eugene Peterson loben Ihr Buch in den höchsten Tönen: Es könne für unsere Generation das bedeuten, was John Bunyans "Pilgerreise" für dessen Generation bedeutete. Der Sänger Michael W. Smith berichtet, dass ihn Ihr Buch zu Tränen gerührt habe. Aber es gibt auch Leser, die Ihr Buch kritisch beurteilen. Was sind deren Kritikpunkte und wie gehen Sie damit um?

Die überwiegende Zahl der Leser reagiert sehr positiv auf das Buch. Es mag zwar so aussehen, aber so groß ist der Kreis der Kritiker nicht, auch unter Theologen. Ich halte Kritik generell für etwas sehr Gutes. Und dass "The Shack" Kritik auslöst, ist beinahe verständlich: Wir werden durch die Geschichte herausgefordert, uns mit der eigenen Vorstellung von Gott, unseren eigenen Glaubenstraditionen, zu befassen. Wenn also Kritiker ihre Anfragen an das Buch äußern, dann liegt das auch daran, dass sie sich selbst mit ihren Überzeugungen befasst haben. Ich meine, irgendetwas muss das Buch ja auslösen! Doch ich bin dankbar, dass die Geschichte bei den meisten Lesern eine Veränderung ihres Glaubens und ihrer Beziehung zu anderen Menschen und zu Gott bewirkt hat. Einer der Hauptkritikpunkte ist natürlich die Frage, ob man Gott, Jesus und den Heiligen Geist überhaupt so beschreiben kann, wie ich es in dem Roman getan habe. Kritisiert werden natürlich auch einzelne Aussagen im Buch, etwa die, wenn Jesus zu Mackenzie sagt: "Ich bin nicht gekommen, um Menschen zu Christen zu machen." Naja, ich glaube tatsächlich nicht, dass es Jesus einzig darum ging, eine eigene Religion aufzubauen, die von Regeln und Traditionen bestimmt ist. Was der Satz ausdrücken soll ist schlicht, dass Jesus in erster Linie sein Reich durch seine Beziehungen zu seinen Nachfolgern bauen will. Ich glaube, dass uns viele religiöse Traditionen die Schönheit der Beziehung zu Jesus nicht mehr sehen lassen. Jesus wollte kein religiöses System aufbauen. Und, glauben Sie mir, ich liebe Jesus! Ich bin der festen Überzeugung, dass er die einzige Hoffnung für diese Welt ist!
Ein anderer Satz aus dem Buch sorgt unter Kritikern ebenfalls für Irritationen: "Die meisten Wege führen ins Nichts. Aber ich gehe jeden Weg, um dich zu finden", sagt Jesus einmal zu Mackenzie. Einige meinen, ich sei ein Universalist, der alle Religionen gelten lässt und meint, wir kämen auf allen Wegen zu Jesus. Doch das will ich damit überhaupt nicht ausdrücken. Sondern, dass Gott alles daran setzt, um uns in den Tiefen unseres Lebens, in der Alkoholabhängigkeit, der Drogensucht, dem Atheismus oder verkrusteten religiösen Traditionen zu finden und zu heilen.

Wie unterschiedlich sind eigentlich die Reaktionen von Christen und Nichtchristen auf das Buch?

Ich habe von Nichtchristen gehört, die Christen das Buch geschenkt und ihnen gesagt haben: Das musst du unbedingt lesen! (lacht) Nichtchristen faszinieren die Einladung zu einer Beziehung zu Gott und die Wahrhaftigkeit, mit der ich versuche, Gottes Liebe zu beschreiben. Warum sollte uns das auch nicht überraschen, dass Gott uns unendlich liebt und wir bei ihm Zuflucht finden? Diese Botschaft fasziniert noch heute nicht nur Nichtchristen, sondern auch Christen – denen dafür bislang die Worte gefehlt haben.

Mr. Young, vielen Dank für das Gespräch!


William Paul Young, „Die Hütte - Ein Wochenende mit Gott“, erscheint am 12. Juni im Allegria Verlag (Ullstein), 304 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-7934-2166-5

Von: AD

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