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Krisenkinder: gehetzt, egoistisch, traditionell

Ein Abbild der Postmoderne zeichnet das aktuelle "Spiegel Special". Unter dem Titel "Was wird aus mir? Wir Krisenkinder: Das Selbstportrait einer Generation" beschreiben junge Journalisten, was ihre Generation ausmacht – Leistungsdruck, Individualismus und traditionelle Werte, wo man sie am wenigsten erwartet.

Von PRO

Foto: Fotolia-kristian sekulic

"Prekär leben, global denken, ständig vernetzt sein, das kennzeichnet die jungen Deutschen und unterscheidet sie von der Vorgeneration. Sie gehen nicht auf die Straße, haben keine Wortführer, bisher ertragen sie die große Krise, die sie trifft wie keine andere Altersgruppe, klaglos", heißt es im Editorial des Magazins. Es sind die 20- bis 35-Jährigen, die der "Spiegel" zu einer Altersgruppe zählt, die viele Namen hat: "Generation prekär", "Generation Chucks", "Generation Ritalin", "Generation iPod", "Generation Yoga-Matte". All diese Begriffe kennzeichnen eine Kohorte, wie es sie laut "Spiegel" so in Deutschland noch nie gegeben hat. Sie sind geprägt von Leistungsdruck (weshalb sie das Aufputschmittel Ritalin brauchen), von dem Wunsch nach Schönheit und modischem Schick (daher die Schuhmarke "Chuck Taylor"), von modernen Medien wie Internet oder iPod und von dem Wunsch nach Ausgeglichenheit und Frieden im stressigen Alltag, der kaum noch Ruhepole bietet (hier kommt die Yoga-Matte zum Einsatz).

 

Nichts prägt sie mehr, als Krisen

 

Der "Spiegel" nennt diese Generation auch "die Krisenkinder", weil nichts sie mehr prägt, als eben diese: 11. September, Bildungskrise, Globalisierungskrise, Umweltkrise, Finanzkrise, zählen die Autoren auf und beschreiben: "Sie sind aufgewachsen in der Sattheit und Sorglosigkeit der achtziger und neunziger Jahre und erlebten, als sie erwachsen wurden, die Bedrohung dieses Wohlstandskokons. Sie erlebten am Ausgang ihrer Jugend Arbeitslosenzahlen von über fünf Millionen, die Geburt von Hartz IV. Sie lernten, dass die Demografie ihre Rente auffrisst, dass das 21. Jahrhundert China gehört. Der 11. September 2001, der Tag, an dem der Welt die Sicherheit abhandenkam, war das historische Ereignis ihres Lebens. Dass Terroranschläge jederzeit möglich sind, wurde ihnen ebenso zur Normalität, wie der Klimawandel. Das Gefühl der Unsicherheit prägte ihr Erwachsenwerden."

 

Daraus resultiert laut "Spiegel", dass die jungen Deutschen nahezu alles tun, um ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Sie lassen sich unter Druck setzen, nehmen Umzüge in Kauf und wehren sich nicht – auch nicht gegen das System, wie frühere Generationen es taten. Die Generation "prekär" sei "unpolitisch" und "rastlos". Konstanten böten da nur zwei Faktoren: Zum einen seien es die modernen Medien, das Internet mit seinen zahlreichen E-Mail-Diensten und Sozialen Netzwerken, das den heimatlos Gewordenen ein Zu Hause gibt. Zum anderen sei es die Familie. Eine "Spiegel"-Umfrage ergab, dass 81 Prozent der 20- bis 35-Jährigen Treue "gut" finden. 70 Prozent wollen einmal heiraten, mehr als die Hälfte glaubt an eine lebenslange Beziehung. "Der einzige unbefristete Vertrag, den unsere Generation noch ohne Probleme bekommt, ist der Trauschein", schreibt der "Spiegel.

 

Vom Journalismus zum Telefonsex – von der Chefetage in die Psychiatrie

 

Im Heft gibt die Redaktion Antworten darauf, was "prekär" eigentlich bedeutet. In einem Portrait berichten die Journalisten etwa von der 27-jährigen Anna, die nach einem journalistischen Studium diverse Praktika absolvierte, aber niemals eine feste Arbeitsstelle finden konnte. Als das Einkommen immer knapper wird, entscheidet sie sich für eine Arbeit bei einer Telefonsex-Hotline. Oder sie zeichnen das Leben der 26-järhigen Eva nach. Im Gegensatz zu Anna machte sie Karriere – und scheiterte an ihr. Immer häufiger suchten sie Panikattacken heim. Der Arbeitsstress brachte sie letztendlich in die Psychiatrie.

 

Wie stressig und zugleich unergiebig das Leben der jungen Deutschen ist, zeigt auch die "Spiegel"-Umfrage. 61 Prozent der Befragten sind in ihrem Leben schon ein bis vier Mal umgezogen. 88 Prozent haben schon Praktika absolviert, 20 Prozent fünf oder mehr. 48 Prozent waren schon einmal arbeitslos. Die größte Gruppe der Teilnehmer, 28 Prozent, verdient 750 bis 1.500 Euro netto im Monat, bei weiteren 32 Prozent ist es weniger. 59 Prozent nutzen Moderne Medien, etwa um Kontakte zu Freunden aufrecht zu erhalten. Doch die postmoderne Generation ist auch erstaunlich familienfreundlich. Die meisten der Befragten, 44 Prozent, geben an, dass für sie die Familie das Wichtigste im Leben ist. 34 Prozent sind verheiratet, 31 Prozent Single. Im Durchschnitt wollen sie zwei Kinder. Auch Gott spielt im Leben vieler junger Menschen eine Rolle. 53 Prozent geben an, sie glaubten an Gott.

 

Familiensinn und Tradition – aber anders als früher

 

Doch auch wenn der Familiensinn die jungen Deutschen zunächst mit früheren Generationen zu vereinen scheint: Familie bedeutet für postmoderne Menschen nicht unbedingt dasselbe wie für junge Menschen vor dreißig Jahren, beschreibt der "Spiegel". Autorin Juan Moreno etwa ist selbst Mitte dreißig, Journalistin und Single und legt ihre Beobachtungen junger Mütter und Väter dar: "Eltern wollen nichts verpassen, keinen Trend, kein Erlebnis. Sie wollen zu den gleichen Konzerten gehen, die gleichen Klamotten tragen, die gleichen Urlaubsreisen machen. Im Grunde fragen sich viele junge Eltern dauernd, wie sie es schaffen, ihr Elternsein so zu leben, dass es sich vom Single-Sein nicht unterscheidet."

 

Ähnlich kompromisslos, so scheint es, leben junge Menschen ihre Beziehungen aus. 52 Prozent von ihnen geben an, schon einmal eine Fernbeziehung geführt zu haben. "Jeder entscheidet sich zunächst mal für sich, für die Ausbildung, die zu mir passt, die Arbeit, die zu mir passt, die Stadt, die zu mir passt, und die Liebe hat sich zu fügen", heißt es im "Spiegel". Letztendlich ist die Generation "Praktikum" auch eine Generation der Individualisten. Ob sie überhaupt als Generation zu bezeichnen ist, scheint laut "Spiegel" fraglich. Dort heißt es: "Wir sind eine Generation, aber als Generation fühlen wir uns nicht. Wir sind Einzelne, die sich gleichen. Wir sind nicht ‘wir’. Wir sind ich und ich und ich." (PRO)  

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