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Kretschmann: Mit Veränderungen immer unten anfangen

Isolde Karle ist Professorin für Praktische Theologie an der Universität Bochum, Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident in Deutschland. Im Interview mit dem evangelischen Magazin chrismon reden die Protestantin und der gläubige Katholik darüber, wie politisch Kirche sein sollte und warum Rituale auch in der modernen Gesellschaft noch sinnvoll sind.
Von PRO

Foto: www.winfried-kretschmann.de

Ihre geistliche Heimat haben beide in der örtlichen Kirchengemeinde. Vor allem dem Grünen-Politiker ist es wichtig, dass „man immer unten anfängt, mit allem, was man gesellschaftlich, politisch oder kirchlich bewirken will“. Auch die Pfarrfrau Isolde Karle sieht den engsten Bezug für die Sorgen und Nöte an der Basis. Dazu gehöre auch die Begleitung der Menschen in ihrem Lebenszyklus, etwa bei Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen.

Gefühl von Heimat

Als positiv bewertet Kretschmann, dass die unterschiedlichen Meinungen und Haltungen in der Kirche zu „Engagement, Interesse und Identität“ führten. Bei ihm entstehe dann ein Gefühl, in der Kirche „zu Hause“ zu sein. Karle dagegen geben Zeichen und Rituale vor allem Stabilität. Ohne diese existierten nur noch Schweigen und Sprachlosigkeit: „Bekannte Texte wie Psalm 23 lassen uns eintauchen in einen Glauben, den schon sehr viele Menschen vor uns geteilt haben und den noch viele Menschen nach uns zum Ausdruck bringen werden. Das entlastet und vermittelt zugleich Halt und Geborgenheit“, erklärt sie.

Ein Gottesdienst dürfe die ritualisierte Sprache zwar pflegen, aber nicht darin  erstarren, sagt Karle. Kretschmann schränkt ein, dass Rituale, die man erst erklären muss, „kaputt sind“. Kritisch sieht er das Engagement der jungen Generation in den sozialen Netzwerken und der Facebook-Gemeinde. Die friedliche Revolution 1989 sei durch Menschen mit Kerzen und „ohne den Schlamm von Facebook geschehen“, in dem viele wateten.

Nicht besserwisserisch auftreten

Einig sind sich die Interviewten darin, dass Kirche politisch sein könne. Dies dürfe allerdings nicht „in einem besserwisserischen Ton“ in der Abwertung des Gegenübers geschehen, meint Karle. Theologen dürften einen Standpunkt haben und ihn zur Diskussion stellen, allerdings gebe es viele ethische Fragen wie bei der Sterbehilfe oder der Pränataldiagnostik, die nicht klar mit Ja oder Nein zu beantworten seien. Kretschmann sieht in der Religion eine Art Sinnstiftung: „Sie soll die Menschen dazu motivieren, sich zu engagieren.“

Überrascht war Karle von der Heftigkeit der Debatte über das Familienpapier der EKD. Die Kirche habe Mut bewiesen, die gesellschaftliche Entwicklung ernst zu nehmen. Gerade was die Formen des Zusammenlebens betreffe, müsse die Gesellschaft aus Karles Sicht toleranter werden. Es gebe viele komplizierte Situationen im Leben, in denen Ehe nicht gelinge, und „dann kann ich das nicht diskriminieren. Alleinerziehende bringen oft ihre Kinder nicht zur Taufe, weil sie meinen, keine vollständige Familie zu haben. Ihnen will die Familiendenkschrift Anerkennung verschaffen“.

Kirche dürfe sich zu allem äußern, müsse es aber nicht zwangsläufig, erklärt der Grünen-Politiker. Er sieht eine Gefahr darin, dass zwar die Familien mit Kindern oder die Alten gestärkt werden, aber nicht die Ehe als Institution. Der 65-Jährige warnt sogar davor, dass junge Menschen, die Ehe überfrachteten „und alle Sehnsüchte, die es gibt, da hinein projizieren, das kann nicht gutgehen“. (pro)

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