In der TV-Serie „Game of Thrones“ (in Deutschland exklusiv auf Sky zu sehen) wird Daenerys Targaryan in ihrer Hochzeitsnacht von ihrem Mann zum Sex gezwungen

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Warum Christen keine Vergewaltigungsszenen anschauen sollten

Vergewaltigungen auf der Leinwand gab es schon lange vor „Game of Thrones“. Wenig bekannt ist, wie sehr sie Schauspielern schaden können. Christen sollten diese Szenen meiden. Von Katelyn Beaty, Christianity Today

Beim Thema Vergewaltigung lässt sich ein merkwürdiger Widerspruch feststellen: Auf der einen Seite schauen wir uns zahlreiche Filme und TV-Sendungen an, die Vergewaltigungen explizit darstellen. Beispiele: „The Handmaid’s Tale“, eine amerikanische Fernsehserie, „Tote Mädchen lügen nicht“ und natürlich „Game of Thrones“, außerdem die Filme „Precious – Das Leben ist kostbar“ und „Verblendung“. „The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit“ von 2016 zeigte sogar eine Gruppenvergewaltigung – und brachte den Regisseur und Autoren Nate Parker hinsichtlich seiner eigenen Geschichte mit sexuellen Übergriffen in Bedrängnis.

Auf der anderen Seite bleiben reale Vergewaltigungen, wie sie täglich geschehen, oft im Verborgenen, umhüllt von Schweigen und Scham. Viele Opfer sprechen niemals darüber, weil sie Angst haben, ihnen werde nicht geglaubt. Zahlreiche Vergewaltigungsfälle enden ohne eine Verurteilung, weil es schwierig ist, festzustellen, ob beiderseitiges Einvernehmen vorlag oder nicht. Besonders, wenn Alkohol im Spiel war. Und während viele Kirchen Christus-zentrierte Seelsorge für Vergewaltigungsopfer anbieten, sind Kirchen traurigerweise manchmal der Ort, in dem sexuelle Übergriffe geschehen.

„Vergewaltigungs-Choreografen“ verhelfen zur perfekten Szene

Kurz gesagt: Wir schauen uns zwar Vergewaltigungen am Bildschirm an, wissen aber nicht immer, wie wir mit echter Vergewaltigung umgehen sollen. Und innerhalb dieser Lücke zwischen Fiktion und schmerzhafter Realität hat sich ein Hollywood-Phänomen entwickelt, das so surreal ist, wie es klingt: der Vergewaltigungs-Choreograf.

Laut einem kürzlich erschienen Essay in der LA Weekly ist ein Vergewaltigungs-Choreograf eine Art Stunt-Koordinator, der Schauspielern und Regisseuren hilft, „gute“ Vergewaltigungsszenen zu drehen. Deven MacNair, um die es in dem Artikel geht, wollte eigentlich als Stunt-Double arbeiten, wurde dann aber als Choreograf eingestellt, nachdem ein männlicher Mentor keine Vergewaltigungsszenen mehr ertragen konnte und gekündigt hatte. MacNair zeigt Schauspielern, wie sie Vergewaltigungen am besten mimen können, und überwacht die Drehs, um sicherzustellen, dass jeder sich sicher fühlt.

Emilia Clarke (Daenerys) wird am Game-of-Thrones-Set geschminkt

Was wir mit unseren Körpern tun, prägt uns fundamental

Es mag sich seltsam anhören, wenn man Vergewaltigungs-Choreografen für eine feministische Errungenschaft hält. Aber MacNairs Arbeit zeigt, dass Hollywood Frauen besser behandelt als in den vergangenen Jahrzehnten. In den 1970er und 80er Jahren baten angesehene Regisseure Schauspielerinnen, Vergewaltigungsszenen zu filmen, die nicht geskriptet waren – in der Hoffnung, deren „Verwunderung“ würde zu mehr „Realismus“ auf der Leinwand beitragen. Viele Schauspielerinnen berichteten später, dass sie tatsächlich vergewaltigt oder auf andere Weise ausgenutzt wurden. In einer Industrie mit chronischen Problemen hinsichtlich Geschlechterfragen gibt ein Vergewaltigungs-Choreograf den Schauspielern immerhin ein Stück Sicherheit, wenn etwas am Set falsch läuft.

Aber auch wenn niemand „real“ vergewaltigt wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Und dies betrifft den Kern der Schauspielerei insgesamt: Was wir mit unseren Körpern tun, prägt uns fundamental, auch wenn unsere Körper nur die entsprechenden Bewegungen vollziehen.

Der Artikel im LA Weekly nennt mehrere Schauspieler, die durch ihre Beteiligung an Vergewaltigungsszenen nachhaltig erschüttert wurden. Nach einem mehrtägigen Dreh einer brutalen Gruppenvergewaltigung für „Angeklagt“ aus dem Jahr 1988, konnten mehrere Mitglieder der Filmcrew nicht mehr schlafen und nahmen ab. Jodie Foster, die das Opfer spielte, weinte während der Dreharbeiten so stark, dass Blutgefäße platzten. Ned Beatty spielt einen Mann in „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972), der von einem anderen Mann vergewaltigt wird. Diese Erfahrung beeinflusste ihn seelisch so stark, dass er sich fortan dafür einsetzte, dass das Thema sexuelle Belästigung mehr Aufmerksamkeit erfuhr.

Gabrielle Union, die eine Vergewaltigung überlebte, lehnte zunächst viele Rollen ab, weil sie Vergewaltigungen beinhalteten. Bei „The Birth of a Nation – Aufstand zur Freiheit“ spielte sie dann trotzdem mit, um auf den Horror der Sklaverei aufmerksam zu machen. Dafür holte sie sich therapeutischen Beistand – und kann sich heute nicht mehr an die Szene erinnern.

Unterstützen wir eine Industrie auf Kosten von Menschen?

Wir, das Publikum, loben Schauspieler oft dafür, wenn sie zwar abstoßende Rollen annehmen, diese aber herausragend spielen. Ihr psychischer und physischer Schmerz sind die Kollateralschäden, die wir zugunsten „wichtiger“ Geschichten oder schlicht zur Unterhaltung in Kauf nehmen. Schließlich wissen Schauspieler ja genau, worauf sie sich einlassen, außerdem bekommen sie dafür eine Menge Geld. Wenn Matthew McConaughey 25 Kilo abnimmt, um einen Aids-Kranken in „Dallas Buyers Club“ zu spielen – oder 25 Kilo zunimmt, um einen Goldschürfer in „Gold: Gier hat eine neue Farbe“ zu spielen –, dann bewundern wir seinen Einsatz und langen ins Popcorn.

Aber was, wenn wir sehenden Auges eine Industrie auf Kosten von Menschen unterstützen?

Wenn Christen sich mit Filmen auseinandersetzen, geht es oft darum, wie das Anschauen sündigen Verhaltens uns davon abhält, daran zu denken, „was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein…“, wie es in Philipper 4,8 heißt. Der Theologe John Piper zum Beispiel bietet in einem Aufsatz über „Game of Thrones“ zwölf Fragen an, die sich jeder stellen sollte, bevor er die blutige und brustzentrierte Sendung schaut. Zehn dieser zwölf Fragen haben damit zu tun, welchen Einfluss Nacktheit auf den Zuschauer hat. Piper selbst ist strikt gegen Nacktheit und fragt seine Mitchristen überzeugend, wie das Anschauen nackter Menschen auf der Leinwand jemals etwas zu deren Heiligung beitragen könnte.

Nacktheit ist nicht gleich Nacktheit

Quer durch die Kirchengeschichte interessierten sich Würdenträger dafür, wie das Theater die Schauspieler beeinflusst. Im dritten und vierten Jahrhundert zum Beispiel mussten frisch bekehrte Schauspieler ihren offenkundig heidnischen Beruf an den Nagel hängen, wenn sie getauft werden wollten. Schauspielerei ist eine besonders körperliche Form der Kunst. Allgemein herrschte die Auffassung, dass Christen ihren Körper zum Dienst an Anderen einsetzen sollten – und nicht um unmoralisches und selbstverletzendes Verhalten nachzuahmen.

Ich habe der Idee einer „No-Go“-Liste für Filme oder Filmausschnitte lange sehr kritisch gegenüber gestanden, die für alle Christen überall gelten sollte. Denn Nacktheit und Gewalt haben je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen. Natürlich hat jeder Mensch unterschiedliche Empfindungen, aber es sollte klar sein, dass Welten liegen zwischen den zahlreichen Nacktszenen in „Showgirls“, einem schlüpfrigen Film über die Geschichte einer Tänzerin, und „About Schmidt“ – in dem eine 54-jährige Kathy Bates kurz zu sehen ist, wie sie in einen Whirlpool steigt. Analog dazu gibt es zwar sowohl in einem blutrünstigen Splatterfilm als auch in einem historischen Kriegsdrama Gewalt – aber mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen und Motiven. Christliche Filmkritik sollte diese Bedeutungen und Motive klar herausstellen, damit unser kulturelles Engagement bei Filmen ein Hauch mehr ist, als bloß die Anzahl Schimpfwörter und nackter Körperteile zu dokumentieren.

Keine Prüderie

Die Darstellung von Vergewaltigung in Film und Fernsehen bringt mich dazu, eine rote Linie zu ziehen. Die offensichtlichen psychologischen Schäden für Schauspieler und andere Hollywood-Profis – in Verbindung mit der Einstellung mancher Regisseure, Vergewaltigung sei sexy – scheinen zu groß, als dass irgendein Interesse nach Unterhaltung oder Bildung sie rechtfertigen könnte. Meine Einstellung kommt nicht von einer prüden Furcht vor Körpern, sondern aus einem tiefen Respekt für sie: Was wir mit unseren Körpern tun, ist von Bedeutung. Ich muss mich also fragen: Welche Folgen hat mein Konsumverhalten darauf, was Schauspieler mit ihren Körpern tun müssen?

Über tatsächliche Vergewaltigung etwas zu lernen, hat einen Wert. Darüber, wie sie passiert, wie sie Opfer und Täter verändert, und wie man sie verhindern kann. Aber wir brauchen höchstwahrscheinlich keinen weiteren sensationsgeilen Film oder eine Serie, um darüber zu lernen. Viel eher sollten wir den Frauen und Männern zuhören, die wollen, dass wir ihnen ihre überaus realen Erfahrungen auch glauben. Lasst uns den Krach der effekthaschenden Vergewaltigung auf der Leinwand runterdrehen, damit wir diese Menschen wirklich verstehen – und so unseren Nächsten zu lieben. Auch den in Hollywood. (pro)

Von Katelyn Beaty. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Nicolai Franz.

Katelyn Beaty ist freie Mitarbeiterin des US-Magazins Christianity Today, wo sie zuvor als Redaktionsleiterin arbeitete. Dort erschien dieser Artikel zuerst. Außerdem schreibt sie für The Atlantic, die New York Times und die Washington Post, wo sie 2016 durch einen kritischen Text über Evangelikale, die Donald Trump unterstützten, eine breitere Öffentlichkeit erreichte.

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