Als erster stimmte er öffentlich dafür, Donald Trump seines Amtes zu entheben: Der amerikanische Kongress-Abgeordnete Adam Kinzinger. Der prominent gewordene einstige Trump-Unterstützer begründet seine Abkehr mit seinem christlichen Glauben.

Als erster stimmte er öffentlich dafür, Donald Trump seines Amtes zu entheben: Der amerikanische Kongress-Abgeordnete Adam Kinzinger. Der prominent gewordene einstige Trump-Unterstützer begründet seine Abkehr mit seinem christlichen Glauben.

„Trumps Lügen halten Menschen davon ab, zum Glauben an Jesus zu kommen“

Am Dienstag hat das – wohl wenig aussichtsreiche – Amtsenthebungsverfahren gegen den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump begonnen. Nur zehn Republikaner votierten für das Verfahren, einer sticht dabei derzeit besonders hervor: Adam Kinzinger, Abgeordneter für den US-Bundesstaat Illinois und gläubiger Christ. Von Jörn Schumacher

Wenn das Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump nun angelaufen ist, der eigentlich gar kein Präsident mehr ist, geht es auch um die Frage, ob der Unternehmer irgendwann erneut ein politisches Amt in den USA ausüben darf, etwa die Präsidentschaft ab dem Jahr 2025. Der Senat, bestehend aus derzeit 50 Republikanern und 50 Demokraten, wird in den kommenden Wochen über eine rückwirkende Amtsenthebung Trumps abstimmen; der hatte mit seiner Behauptung, die Wahl seines Herausforderers Joe Biden sei gefälscht gewesen, und seiner Anstachelung zum Kampf gegen die Politiker im Kapitol maßgeblich dazu beigetragen, dass seine Anhänger am 6. Januar das Gebäude stürmten und dort die Ermordung von demokratischen Politikern forderten. Dass am Ende eine Zweidrittelmehrheit, also 67 Senatoren, für die Amtsenthebung Trumps votieren, gilt indes als sehr unwahrscheinlich.

Zuvor hatte das Repräsentantenhaus, die andere Kammer des US-Kongresses, für die Eröffnung des Amtsenthebungsverfahrens gestimmt. Am 13. Januar 2021 stimmten von den 222 Demokraten alle, von den 211 Republikanern nur zehn für das Amtsenthebungsverfahren. Der erste Republikaner, der dazu aufrief, Trump im Sinne des 25. Verfassungszusatzes wegen Unfähigkeit seines Amtes zu entheben, war Adam Kinzinger. Der frühere Unterstützer Trumps und konservative Politiker macht nun wegen seiner heftigen Kritik an Trump Schlagzeilen. Sogar eine eigene Initiative für eine Loslösung der Republikaner vom ehemaligen US-Präsidenten hat der 42-jährige Abgeordnete ins Leben gerufen. Kinzinger ist bekennender Christ, der sich aus Gewissensgründen von Trump abwendete, wie er sagt.

Neustart der Republikanischen Partei

Während die meisten Republikaner zusammen und weiter an Trump festhalten und viele seiner Anhänger immer noch der Lüge von der Wahlfälschung glauben, bekennt sich Kinzinger zu dem, was er für die Wahrheit hält. Der evangelikale Christ, der am 27. Februar 43 Jahre alt wird, wurde bereits mit 32 als Abgeordneter für den US-Bundesstaat Illinois ins Repräsentantenhaus gewählt. Er wuchs in einem christlichen Elternhaus auf, sein Vater leitete verschiedene christliche Hilfsorganisationen. Kinzinger studierte Politikwissenschaften und wurde dann Kampfpilot bei der US Air Force.

Kinzinger stand früher hinter Trump und stimmte gegen das erste Amtsenthebungsverfahren gegen ihn. Doch im Laufe der Amtszeit wurde seine Kritik gegenüber Trump immer stärker. Kinzinger konnte für die Verschwörungstheorie um „QAnon“ keine Begeisterung aufbringen, der viele Rechts-Konservative in der Partei anhängen; der Theorie zufolge gebe es einen Pädophilenring rund um die ehemalige Außenministerin und demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Kinzinger stellte sich zudem früh gegen die Behauptung Trumps, die Wahl 2020 sei „gestohlen“ worden. Einen Tag nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 sprach sich Kinzinger als der erste Republikaner dafür aus, Trump im Sinne des 25. Verfassungszusatzes des Amtes zu entheben, weil dieser nicht mehr in der Lage dazu sei. In einem Video sagte Kinzinger, dass Trump seinen Eid gebrochen habe, das amerikanische Volk und sein Haus zu schützen. Er rief den ehemaligen Vize-Präsidenten Mike Pence dazu auf, Trump als unfähig zum Ausüben seines Amtes zu erklären.

Vor kurzem rief Kinzinger die Bewegung „Country First PAC“ ins Leben, die eine Reform der Republikanischen Partei einläuten soll. Außerdem sollten sich die Republikaner von der Verschwörungstheorie um „QAnon“ distanzieren.

Der Held des Jahres

Kinzinger riskiert seine politische Karriere, und das sei ihm bewusst, wie er mitteilte. Die Republikanische Partei, die „Grand Old Party“, muss sich derzeit entscheiden, ob sie sich weiter an Trump bindet, weil dieser unter vielen Amerikanern weiterhin Rückhalt hat, oder einen neuen Kurs einschlägt, weg von Trump. Im Moment sieht es danach aus, als wolle sie weiter auf Trump setzen und mit dessen Beliebtheit auch auf die Wahlen 2024 zusteuern – eventuell dann mit Trumps Tochter Ivanka als Präsidentschaftskandidatin, mit einem anderen Kind Trumps oder mit Trump selbst. Entweder Kinzinger verschwindet also demnächst rasch im Dunst der amerikanischen Geschichte, oder er wird der Held in einer neuen GOP.

Ein sich aufopfernder Held war Kinzinger bereits einmal in seinem Leben, und das sogar offiziell. Im Jahr 2006 half er einer Frau auf der Straße in Milwaukee, Wisconsin, die von einem Mann mit einem Messer angegriffen wurde. Den Angreifer, der die Kehle der Frau durchgeschnitten hatte, konnte Kinzinger überwältigen und entwaffnen. Die Frau überlebte. Kinzinger wurde vom Roten Kreuz in Wisconsin mit der Auszeichnung „Held des Jahres“ geehrt. In einem Interview sagte Kinzinger, er habe damit gerechnet, bei der Attacke selbst erstochen zu werden; doch die Vorstellung, in Zukunft jeden Tag damit konfrontiert zu werden, nicht geholfen zu haben, sei noch schlimmer gewesen.

Wer Trump weiter unterstütze und seine Lügen billige, handele wider den christlichen Glauben, betonte Kinzinger zuletzt erneut in einem offenen Brief. Dieser Brief ist zugleich ein Appell an seine Kirche, und das amerikanische Magazin The Atlantic hält fest: Kinzinger ist bewusst, dass die konservative Masse seiner Partei nicht zu ihm stehen wird, „aber diese Entscheidung war für ihn dennoch leicht: Als jemand, der sich als wiedergeborenen Christen sieht, ist er überzeugt, die Wahrheit sagen zu müssen“.

Kinzinger wolle die Schmutzarbeit machen und sagen, was alle wissen, sich aber nicht trauen zu sagen aus Angst, die eigene Karriere zu gefährden: Dass Trumps Präsidentschaft eigentlich auf den Schutthaufen der Geschichte gehört, und dass er besonders in den letzten zwei Wochen dem Land noch mehr Schaden zugefügt hat, als selbst seine schärfsten Kritiker sich nicht vorzustellen wagten.

Ewigkeit bei Gott wichtiger als politische Ämter

Kinzinger schmerze es gerade besonders, dass viele evangelikale Christen, wie er einer ist, eher die Parteipolitik im Blick haben als den von ihrem Glauben geforderte Bindung an die Wahrheit. Gegenüber Reportern sagte Kinzinger vor ein paar Tagen: „Der beste Trick des Teufels ist es, die Kirche zu blamieren. Er hat damit derzeit Erfolg.“

Der Reporter von The Atlantic stellt fest: Kinzinger sei weder Pastor noch Theologe, und doch stehe er für das Evangelium in seiner Arbeit ein. „Wenn man tot ist, spielt es keine Rolle, wie viele Wahlen er gewonnen hat oder wie niedrig die Steuern in Amerika sind.“ Der Herr habe zu ihm über seine Rolle als Christ in der Politik gesprochen, sagt er, und wie er Menschen erreichen kann, die über das ewige Leben nachdenken.

Seine Kirche sei von den Verschwörungstheorien ebenso durchsetzt wie seine Partei. Und von „Lügen, die darin ihren Höhepunkt fanden, dass die Wahl angeblich gestohlen wurde“. Kinzinger bedauert: „Wir haben eine Menge an moralischer Autorität verloren.“ Er ist überzeugt: Wer in politischen Persönlichkeiten das Heil sucht statt in Jesus, begeht den schlimmsten Fehler, den ein Christ machen kann. Viele Amerikaner hätten den Wohlstand zu ihrem Gott gemacht, und viele hätten daher auch Donald Trump zu ihrem Gott gemacht, dem sie vertrauen.

Die Probleme, die zum 6. Januar 2021 geführt haben, seien nicht nur politischer, sondern kultureller Natur. Eine Studie der zu den Southern Baptist gehörenden Firma „LifeWay Research“ habe herausgefunden: Etwa die Hälfte der protestantischen Pastoren im Land berichteten, regelmäßig mit Verschwörungstheorien in ihrer Kirche konfrontiert zu werden. Christliche Leiter, besonders jene, die Verschwörungstheorien anhängen, stünden nun vor dem Problem, irgendwie wieder zurück zur Wahrheit finden zu müssen, twitterte Kinzinger am 12. Januar.

Kinzinger selbst wuchs in einer Baptistengemeinde auf. Für ihn folgt aus dem Christsein politisch gesehen eine Hinwendung zu konservativen Werten und damit zur Partei der Republikaner. Doch es störte ihn, dass viele Republikaner die Demokraten als „böse Feinde“ ansahen anstatt einfach als Menschen mit anderen Ansichten, die vielleicht sogar ebenfalls gläubig sind. Kinzinger: „Wir sind eingenommen von der Vorstellung, dass jeder kleine politische Sieg im Grunde ein Sieg für Gott und die Wahrheit ist.“

Irgendwann sei es in seiner Partei immer weniger um politische Ansichten gegangen, sondern viel mehr um die Frage: „Unterstützt Du Donald Trump oder nicht? Sprich: Willst Du die Linke besiegen oder nicht?“

Dass weiterhin so viele Evangelikale an Trump festhalten, ist schwer für ihn. Denn das halte viele jüngere Menschen, die weniger zu den Republikanern halten, davon ab, zum Glauben an Jesus zu kommen. Er habe in den vergangenen Wochen immer wieder mit anderen Christen im Kongress darüber gesprochen, was es heißt, ohne Angst zu handeln – etwa ohne Angst davor, Wahlen zu verlieren. Für ihn selbst ist klar: „Unsere Zeit auf der Erde ist nicht so lang im Vergleich zur Ewigkeit.“ Als am 6. Januar der Mob das Kapitol stürmte, habe er eine Dunkelheit über dem Gebäude gespürt, so Kinzinger. Ein Freund im Kongress habe etwas Ähnliches von Mitgliedern der Capitol Police gehört.

Sein Glaube ist Kinzinger nun wichtiger als die Anhängerschaft der Republikaner. Dass er seinen Posten als Kongressmitglied verlieren könnte, nimmt er damit in Kauf. Es ist ein bisschen so wie damals, als er sein eigenes Leben riskierte, um einer angegriffenen Frau auf der Straße zu helfen.

Vonn: Jörn Schumacher

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