Lobt den Kanzleramtschef für dessen ruhige Art: Jürgen Mette

Lobt den Kanzleramtschef für dessen ruhige Art: Jürgen Mette

Wer etwas zu sagen hat, muss nicht schreien

In aufgeregten Pademiezeiten braucht es ruhige, besonnene Stimmen, findet Jürgen Mette.

Am Sonntagabend beim ARD-Sesseltalk mit Anne Will. Das Schwergewicht in der Runde ist die inkarnierte Gelassenheit. Der Fels in der Brandung aufgeregter Debatten. Ich staune einmal mehr über Helge Braun, seit drei Jahren Kanzleramtsminister und rechte Hand von Angela Merkel. Dieser Mann bringt jede gewiefte TV-Moderatorin an die Grenzen ihrer Argumentation. Man kann ihn kaum provozieren, er bleibt stets gelassen, demütig und freundlich. Man kann sich nicht an ihm abarbeiten. Er empört sich nie, bedient sich nicht des Stilmittels der Wutbürger, der Agitation.

In Zeiten einer Pandemie einen promovierten Mediziner und Honorar-Professor im politischen Krisenmanagement zu haben, ist für die Bundesregierung ein Glücksfall. Der Mann ruht in sich selbst, obwohl er rastlos und zugleich völlig unaufgeregt tagsüber das politische Krisenmanagement mit organisatorischer und medizinischer Kompetenz betreibt. Und abends ist er in den Talkshows mit seiner Expertise und seiner Vertrauen weckenden und stets gelassenen und feinen Art, manche provozierend vorgetragenen Fragen von Anne Will und anderen eloquenten Medienschaffenden pariert er souverän. Und wenn die nette Maybritt Illner mit den Wimpern klimpert und den Kopf schräg legt, dann liefert Braun Fakten. Er ist einer der wenigen Politiker, der leise redet.

Wer etwas zu sagen hat, muss nicht schreien. Jede noch so bissige Frage nimmt er gelassen auf, hört zu und nimmt den Druck aus der Debatte, um dann in der Sache klipp und klar und im Ton weder angriffig noch übergriffig, sondern zuvorkommend und in nicht gespielter, sondern echter Freundlichkeit. Helge Braun, der Mann leiser Töne mitten im Geschrei der zornigen und empörten Lautsprecher der Politik. Sicher, auch er ist nicht perfekt. Doch solange solche Charakterköpfe den Menschen dienen, solange ist Corona zwar immer noch nicht überwunden, aber wir nehmen die Institute und die zuständigen Politiker wieder mehr ernst.

Der alttestamentliche Prophet Micha („Schwerter zu Pflugscharen“) fragt sein Volk im Auftrag Gottes: „Warum schreist du denn so laut? Hast Du denn keinen König bei Dir? Sind denn die Ratsherren umgekommen, dass Dich die Wehen so gepackt haben wie eine Gebärende?“ (Micha 5,9)

Die am lautesten aufschreien, haben am wenigsten zu sagen. Das gilt auch für die mit Schaum vor dem Mund heraus gehauene Phrase: „Wo bleibt der Aufschrei?“

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