6. Januar 2021: Tränengas vor dem Kapitol in Washington, D.C.

6. Januar 2021: Tränengas vor dem Kapitol in Washington, D.C.

Für die Republikaner geht es ums moralische Überleben

Wenn die Republikaner im Amtsenthebungsverfahren Donald Trump nicht verurteilen, wird das nicht nur kurzfristige Auswirkungen haben. Ihre moralische Glaubwürdigkeit wäre auf Jahrzehnte verspielt. Ein Kommentar von Nicolai Franz

Der Sturm auf das US-Kapitol ist schon eine Woche her, doch die Bilder sind noch voll präsent: Horden bärtiger Krawallmacher, Trump-Fanatiker, Rechtsextremisten und QAnon-Anhänger drangen ins Herz der amerikanischen Demokratie vor, um eine aus haltlosen Wahlfälschungsvorwürfen gespeiste Agenda gewaltsam durchzusetzen. Verängstigte Abgeordnete kauerten unter Schreibtischen, Aufständische forderten den Tod von Vizepräsident Mike Pence. Szenen wie aus einer Bananenrepublik.

Natürlich war das ein Umsturzversuch, ein schamloser Angriff auf eine demokratische Institution, eine Pervertierung der Jahrhunderte alten Tradition des „peaceful transfer of power“, in der der Wahlverlierer seine Niederlage in Würde annimmt und seinem Nachfolger alles Gute wünscht. Nie stand dies so in Frage wie an jenem 6. Januar, einem Tag der Schande in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Es besteht kein Zweifel, dass Noch-Präsident Donald Trump einen erheblichen Anteil daran hatte. Kurz zuvor hatte er seine Anhänger unter dem Slogan „Save America“ zum Kapitol geschickt, „um Stärke zu zeigen“, und er mahnte: „Ihr werdet unser Land niemals mit Schwäche zurückgewinnen.“ Während der Mob wütete, rang sich Trump zwar zu einem halbherzigen Aufruf durch, friedlich nach Hause zu gehen. Doch statt die Aufständischen zu verurteilen, bekundete er sogar noch seine Sympathie: „Wir lieben euch, ihr seid sehr besondere Menschen.“

Zu Recht wird es einsam um den Präsidenten. Mehrere Regierungsmitglieder kehrten ihm den Rücken, wirtschaftliche Partner widerriefen ihre Verträge. Kaum jemand will noch etwas mit dem Mann zu tun haben, der in die Geschichte eingehen wird als erster Präsident, gegen den zweimal ein Amtsenthebungsverfahren eröffnet wurde (Anschuldigung des jetzigen: „Anstiftung zum Aufstand“). Umso schockierender ist es, dass es immer noch Republikaner, sogar prominente evangelikale Christen gibt, die weiterhin zu Trump halten.

Schluck aus dem Kelch der Macht

Nur zehn Republikaner haben am Mittwoch im Repräsentantenhaus für das Impeachment gestimmt, fast 200 dagegen. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass Trump vor Ende seiner Amtszeit nächste Woche des Amtes enthoben wird. Doch das Impeachment ist trotzdem sinnvoll, nämlich als Präzedenzfall: Kein Präsident soll glauben dürfen, dass er ungestraft demokratische Institutionen angreifen darf. Darum geht es: Wenn die Republikaner im Senat Trump nicht verurteilen, werden sie ihre moralische Glaubwürdigkeit auf Jahrzehnte verspielt haben.

Manche Konservative, darunter auch evangelikale Christen, konnten wegen Donald Trump einen großen Schluck aus dem Kelch der Macht trinken. Nun scheinen Manchen dadurch die Sinne vernebelt, wenn auch immer mehr Evangelikalen bewusst wird, mit wem sie sich eingelassen haben. Der ansonsten treue Trump-Unterstützer Franklin Graham distanzierte sich mehr oder weniger vom Präsidenten. Der Bonhoeffer-Biograph Eric Metaxas will davon hingegen nichts wissen und fabuliert weiter von einer „gestohlenen Wahl“. Er ist nicht alleine damit. Statt Selbstrechtfertigungsreflexen wäre etwas anderes angebracht: Buße, Demut und Umkehr.

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