Bleibt beim Abstandhalten, statt irgendwann auf dem letzten Loch zu pfeifen: Jürgen Mette

Bleibt beim Abstandhalten, statt irgendwann auf dem letzten Loch zu pfeifen: Jürgen Mette

Einmeterfünfzig! Das Maß aller Dinge?

Jürgen Mette empfiehlt weiterhin: Abstand halten. Und ein gutes Trinkgeld für Kuriere, ohne die er in der Pandemie aufgeschmissen wäre.

Seit knapp einem Jahr werden wir kollektiv auf Distanz getrimmt. Weil es notwendig ist! Kein Corona-Leugner oder Besserwisser konnte auf die Frage: „Was hättest Du als Verantwortlicher für unser Land anstelle der Bundeskanzlerin und des RKI getan?“ eine vernünftige Antwort geben. Wer keine Verantwortung trägt, der kann leicht meckern und stänkern.

Einmeterfünfzig. Das Maß aller Dinge. Alle wissen es, aber die meisten verschätzen sich. Beschlagene Brillengläser nerven, aber daran gewöhne ich mich inzwischen. Lieber eine beschlagene Brille auf der Nase statt einen vernagelten Geist zwischen den Ohren. Meine Frau bekommt immer einen ihrer legendären Lachanfälle, wenn sie meine verkrumpelten Ohren sieht, die mir die zu kurzen Haltegummis bereiten.

Da ich mein Haus seit Weihnachten nur noch zur Physiotherapie oder Arztbesuch oder zu einem Spaziergang mit meiner Frau verlasse, erwacht der uralte Öko-Reflex in mir, wildfremde Menschen oberlehrerhaft auf ihren ungenügenden oder gar nicht vorhandenen Mund- und Nasenschutz anzusprechen oder eine illegale Party in der Nachbarschaft aufzuspüren. Wenn ich mich vorbildlich auf die Distanz von zwei Metern expandiere, dann darf ich das auch von allen anderen erwarten, oder?

Fast alles, was ich sonst in Buch-, Bau-, und Elektromärkten kaufen würde, wird online bestellt. Heute bestellt, gestern geliefert. Buy one – get one free! Und ewig plagt mich mein Gewissen, dass ich mit jeder Online-Bestellung dem Hundert-Milliarden-Dollar-Vermögen von Jeff Bezos (Amazon) noch ein Schippchen drauf lege und der arme Paketfahrer nichts davon bekommt. In unserer Marburger Altstadt/Oberstadt mit ihren eng verwinkelten Straßen und Gassen gibt es keinen Verkehrsteilnehmer, der so zum Inbegriff des Parksünders, Straßenverstopfers, Spiegel-Abbrechers und zum CO2-Ignoranten gestempelt worden ist. Das sind neben dem ärztlichen und pflegerischen Personal die Helden dieses Lockdowns.

Auf dem letzten Loch pfeifen

Diese Knechte der Konsumgesellschaft, oft Migranten, verdienen unser Lob und ein gutes Trinkgeld – mit täglich länger werdenden Armen und Maske in einem verschlossenen Umschlag liebevoll und herzlich serviert. Solange keiner eine bessere Idee präsentiert, bleibe ich in dem Modus. Ich hoffe sehr, Sie auch.

Denn wenn einige auf die Regeln pfeifen, dann pfeifen bald immer mehr auf dem letzten Loch. Und wenn in diesem Luftloch noch ein Tubus steckt und er oder sie nicht mehr aus dem künstlichen Koma herauskommt, dann wird es furchtbar traurig. Getrennt von meiner Frau zu sterben und ohne mich von meinen Kindern verabschieden zu können, ist wohl die jämmerlichste Art, diese Welt zu verlassen.

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