3. Oktober 1990: Um die schwarz-rot-goldene Fahne gruppieren sich vor dem Reichstagsgebäude in Berlin die Fahnen aller Bundesländer

3. Oktober 1990: Um die schwarz-rot-goldene Fahne gruppieren sich vor dem Reichstagsgebäude in Berlin die Fahnen aller Bundesländer

Es gehören mindestens zwei dazu

30 Jahre nach der Wiedervereinigung sind rund zwei Drittel der Deutschen der Meinung, die Einheit ist noch nicht vollendet. In Ost und West wünschen sich Menschen mehr Anerkennung für ihre Leistung zur Wiedervereinigung. Das Jubiläum könnte ein Anlass sein, das Ereignis und den Weg dorthin mal aus der Perspektive des anderen zu sehen. Ein Kommentar von Jonathan Steinert

Am Samstag, dem 3. Oktober 2020, wird es die DDR seit 30 Jahren nicht mehr geben, stattdessen ein wiedervereinigtes Deutschland. Jubiläen wie diese sind ein willkommener Anlass, um zurückzuschauen, sich zu erinnern und auch eine Bilanz zu ziehen. Verschiedene Umfragen, die in diesen Tagen und Wochen dazu veröffentlicht werden, lesen sich teilweise wie ein Zeugnis größerer Desillusion.

Zwei von drei Westdeutschen und mehr als drei von vier Ostdeutschen sind der Meinung, dass die beiden Teile des Landes noch nicht zusammengewachsen sind. Das ergab eine Studie, die infratest dimap für den NDR durchführte. Diese Werte sind im Vergleich zum vorigen Jahr gestiegen – die Wahrnehmung „Wir sind ein Volk“ hat sich offenbar weiter eingetrübt. Ähnliche Zahlen ermittelte auch eine YouGov-Umfrage: Derzufolge finden knapp zwei Drittel der Deutschen, dass die Lebensverhältnisse noch zu unterschiedlich sind, um von einem abgeschlossenen Zusammenwachsen zu sprechen.

Eine detaillierte Erhebung der Bertelsmann-Stiftung stellte fest, dass im Osten eine andere Erzählung vom Einheitsprozess vorherrscht als im Westen: Die einen sehen vor allem die Leistung der DDR-Bürger mit den Demonstrationen und der Friedlichen Revolution, die schließlich zur „Wende“ führte; die anderen sehen den Zusammenbruch der DDR zuerst darin, dass der sozialistische Staat an seinen „wirtschaftlichen und politischen Unzulänglichkeiten“ scheiterte und schließlich das überlegenere System auch im Osten Einzug gehalten habe. Und so finden 71 Prozent der Ostdeutschen, ihnen gebühre mehr Anerkennung für ihren Beitrag zur Wiedervereinigung. Und auch etwas mehr als die Hälfte der Westdeutschen meint, dass ihnen mehr Dankbarkeit zustehe für ihre vor allem finanzielle Leistung bei der Deutschen Einheit.

Ein immenses Räderwerk brachte die Einheit zum Rollen

Immerhin werden diese Unterschiede nicht mehr als zentrale Trennlinie in der deutschen Gesellschaft wahrgenommen, heißt es in der Bertelsmann-Studie. Und: Je jünger die Menschen, desto weniger spielen Teilung und Wiedervereinigung für sie eine Rolle.

Es ist nun mal so wie in einer Beziehung: Es gehören zwei dazu – genaugenommen gehören hinsichtlich der Deutschen Einheit sogar noch sehr viel mehr dazu, ist sie doch auch ein Ergebnis weltpolitischer Prozesse. Sehr vielen Akteuren, namhaften und unbekannten, gebührt Anerkennung und Dank für ihren ganz eigenen Beitrag zur Wiedervereinigung. Das Jubiläum könnte ein Anlass sein, bewusst einmal aus der Perspektive eines anderen auf die Einheit und den Weg dorthin zu schauen. Das würde sicher helfen, den gefühlten Mangel an Wertschätzung etwas auszugleichen und vielleicht auch das eine oder andere noch herrschende Vorurteil abzubauen.

Es könnte sichtbarer werden, wie unzählige große und kleine Bausteine – Entscheidungen, Entwicklungen, Stimmungen oder Zeitfenster – letztlich die Einheit ermöglichten. Und gerade das – dieses immense Räderwerk, das zur Wiedervereinigung und zu einer völligen Neuordnung ganz Europas führte – kann umso dankbarer dafür machen, dass es überhaupt und noch dazu auf friedliche Weise dazu gekommen ist. Und am Ende könnte auch die Perspektive lohnen, dass die Deutschen eben ein bunter Haufen sind, die Städter anders als die auf dem Land, die im Gebirge anders als die am Meer, die im Osten ebenso anders wie die im Westen, Süden oder Norden. Als gebürtiger Erzgebirgler kann ich da nur sagen: Glückauf! Mein Kollege aus Mittelhessen übrigens auch.

Sie können sich über Disqus, facebook, Twitter oder Google anmelden um zu kommentieren. Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine E-Mail-Adresse ein. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Um Missbrauch zu vermeiden, werden wir Ihren Kommentar erst nach Prüfung auf unserer Seite freischalten. Wir behalten uns vor, nur sachliche und argumentativ wertvolle Kommentare online zu stellen. Bitte achten Sie auch darauf, dass wir Beiträge mit mehr als 1600 Zeichen nicht veröffentlichen. Mit Abgabe des Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Datenschutz
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Moderation
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei der Christlichen Medieninitiative pro e.V. Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in den Nutzungsbedingungen.

comments powered by Disqus