Rund 17.000 Menschen demonstrierten laut Polizei am Samstag in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen

Rund 17.000 Menschen demonstrierten laut Polizei am Samstag in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen

„Alles Lüge“ ist kein Argument

Die Diskussion um die Teilnehmerzahl einer Corona-Demo in Berlin zeigt tiefes Misstrauen einiger Menschen in den Staat, die Behörden und die Medien. Bei aller nachvollziehbarer Kritik an Corona-Regeln: Mit dem Vorwurf der Lüge lässt sich keine Diskussion führen. Ein Kommentar von Jonathan Steinert

Die Corona-Demonstration am Samstag in Berlin wirbelte Staub auf, der sich auch nach Tagen nicht gelegt hat. Waren es um die 20.000 Teilnehmer oder gar hunderttausende oder mehr als eine Million? Die Berliner Polizei zählte rund 17.000 Demonstranten und noch dreitausend mehr bei der anschließenden Kundgebung. Es kursierten im Netz und schon während der Demonstration allerdings auch sehr viel höhere Zahlen. Vorwürfe wurden laut, die Polizei habe die Teilnehmerzahlen künstlich kleingerechnet, um die Macht des „Widerstandes“ gegen die Corona-Politik zu leugnen – ähnlich wie das in der DDR gewesen sei. Auf der Plattform journalistenwatch.de unterstellte ein Schreiber am 4. August, die Polizei verschweige etwas, da sie am 1. August, dem Tag der Demonstration, keinen Bericht auf der Website veröffentlichte. Der stand einen Tag später online, was dem Autor aber offenbar entgangen war. Noch Tage später erklärte sich die Polizei via Twitter.

Zahlreiche Medien wie die Welt, die Süddeutsche Zeitung, der öffentlich-rechtliche Rundfunk oder das Recherchenetzwerk Correctiv.org analysierten Zahlen und Bilder, stellten Berechnungen und Erklärungen an, warum die Polizei nicht völlig daneben lag mit ihrer Angabe. Und selbst ein Staats- und Medienskeptiker dürfte davon ausgehen, dass eine offizielle Angabe, die um das 65-fache zu niedrig ist, von Behördenleitern und Mainstreammedien nicht unkommentiert bliebe.

Das tiefe Misstrauen gegen Staat und Behörden kommt nicht nur im Streit um diese Zahl zum Ausdruck, sondern auch in der Demonstration selbst. Denn Thema der Veranstaltung waren ja die amtlichen Maßnahmen gegen das Coronavirus. Ohne Maske und Mindestabstand, weshalb die Polizei sie schließlich auflöste. Das ist kein Eingriff in die Meinungsfreiheit, sondern eine ganz logische Konsequenz: Wenn die Auflagen einer Versammlung trotz Ermahnungen nicht eingehalten werden, wird sie folgerichtig beendet. Wie aus demselben Grund im Übrigen auch andere Demos aus der linken Szene an dem Tag, bei denen es zum Teil sogar zu gewalttätigen Ausschreitungen kam, mit mehr als 40 verletzten Polizisten in der Folge.

Wenn die Meinung zur Wahrheit wird

Die Aufmerksamkeit der bundesweiten Berichterstattung lag jedoch fast ausschließlich auf der Corona-Demo und den empörten Reaktionen seitens einiger Politiker darauf. Das ist nicht weiter verwunderlich. Schließlich war diese Demo mit Abstand die größte – an den anderen nahmen nur wenige tausend Menschen teil (diese Zahlen wurden bisher nicht öffentlich infrage gestellt) – und drehte sich um ein höchst brisantes Thema, das gerade das ganze Land beschäftigt.

Die ZDF-Journalistin Dunja Hayali war mit einem Kamerateam vor Ort. Die Demo war an sich friedlich. Verbale Angriffe und die aggressive Stimmung einiger Teilnehmer, mit denen sie sprach, zwangen sie jedoch aus Sicherheitsgründen zum Abbruch des Drehs. In ihrer Sendung am Donnerstagabend wird sie darüber berichten, ungeschnittenes Material hat sie bereits auf YouTube veröffentlicht. Es sind sachliche Gespräche dabei, in denen Demonstranten auch Kritik an den Medien äußern. Aber eben auch das Gegenteil.

Eine der Demonstrantinnen fragt sie: „Warum berichten Sie nicht die Wahrheit?“ – „Was ist denn die Wahrheit?“ – „Es hat geheißen, es wären 15.000 Menschen hier. Wir sind 1,3 Millionen hier.“ Hayali versucht den daraus folgenden Wortwechsel zu deeskalieren und sagt: „Das ist Ihre Meinungsfreiheit, ich glaube das nicht.“

Zahlen haben natürlich sehr viel mehr mit Fakten als mit Meinung zu tun. Schwierig wird es dann, wenn Menschen die Meinungsfreiheit bemühen, um Tatsachen zu leugnen oder sich nicht mit Gegenargumenten beschäftigen zu müssen. Nach dem Motto: „Wenn ich es für richtig halte, keine Maske zu tragen, lügen diejenigen, die sagen, dass Masken schützen. Wenn ich in einer Studie gelesen habe, dass das Virus nur ein bisschen gefährlich ist, lügen alle, die etwas anderes behaupten. Medien lügen, wenn sie nicht meine Meinung bestätigen.“ Eine solche Haltung macht jede Diskussion unmöglich. Aber gerade die ist wichtig, um einen verantwortlichen Umgang mit dem Coronavirus zu finden. Wer Gehör finden will, sollte selbst zuhören können.

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