Der türkische Präsident Erdogan macht die Hagia Sophia wieder zur Moschee

Der türkische Präsident Erdogan macht die Hagia Sophia wieder zur Moschee

Erdogan sagt dem Westen den Kampf an

Der türkische Präsident wird außenpolitisch immer aggressiver. Mit seiner jüngsten Aktion, der muslimischen Annexion der Hagia Sophia, will er den Westen offen brüskieren. Ein Gastkommentar von Wolfram Weimer

Es ist eine kulturelle Kriegserklärung. Die demonstrative Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee hat ein politisch erklärtes Ziel: Es geht Erdogan um die Erniedrigung des Westens. Die Kirche ist ein kulturelles Monument der Christenheit, für fast ein Jahrtausend diente sie als christliches Gotteshaus, 89 Kaiser wurden hier gekrönt und 125 Patriarchen prägten die Geschichte des christlichen Byzanz. Von Athen bis Moskau ist daher das Entsetzen gewaltig. Doch Erdogan feixt von einer islamischen „Auferstehung“. Tatsächlich aber folgt der Hagia-Sophia-Handstreich einer systematisch-aggressiven Machtpolitik, die Europa offen bedroht.

Während des Gedenkens an die Eroberung Konstantinopels am 29. Mai wurde in der Hagia Sophia die 48. Sure des Korans („Die Eroberung“) gelesen. Am selben Tag kündigte Erdogan Bohrungen im griechischen Meeresgebiet an. Eins der Schiffe der Operation heißt Fatih („der Eroberer“). Erdogan greift militärisch massiv in Syrien und Libyen ein, unterläuft das europäische Waffenembargo und provoziert in Nordafrika militärisch gezielt Frankreich. Obendrein erpresst er Europa mit der „Migrationswaffe“, wie Brüsseler Diplomaten warnen. Ist die EU nicht gefügig, schickt er abermals hunderttausende Flüchtlinge nach Europa. Die zynische Rolle des Türstehers der EU lässt er sich mit Milliarden bezahlen.

Europa im Visier

Für Erdogan geht das Kalkül auf. Seine symbolpolitische Aggression macht weltpolitische Schlagzeilen, und er kann sich als Erbe des Eroberers von Konstantinopel, Sultan Mehmet II., als Triumphator über das Christentum und als Schutzherr der Muslime inszenieren. Erdogan will mit der Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee Spannungen zwischen den Religionen bewusst schüren. Erdogan strebt erklärtermaßen die revisionistische Wiederherstellung eines islamistischen Osmanischen Reiches an. „Wir haben unsere Grenzen nicht freiwillig akzeptiert“, droht der türkische Präsident seit Jahren, und schwadroniert ebenso lange über eine baldige Expansion der Türkei. Europa hat die osmanischen Großmachtträume bislang als bizarre Kraftmeierei abgetan. Ab sofort ist das anders.

Denn die Religionsbehörde Diyanet, die die Islamisierung der Hagia Sophia vorantreibt, hilft Erdogans Expansionsdrang auch im Ausland mit Missionseifer. Europa soll vom Balkan bis Deutschland islamisiert werden. Offen proklamierte Eroberungsgelüste sind festes Element seiner Parteipropaganda. Eroberungen heiße auch, „die Tore bis Wien zu öffnen für unsere Leute“. In muslimisch dominierten Balkanstaaten wie Albanien, Bosnien und dem Kosovo betreibt Erdogan daher osmanische Imperialpolitik mit weichen Mitteln: Investitionen, Finanzhilfen, Kulturarbeit und Religionsförderung. Erdogans Losung dazu lautet: „Die Geschichte ist nicht nur Vergangenheit einer Nation, sondern auch deren Wegweiser für die Zukunft.“ Die Umwandlung der Hagia Sophia ist darum ein gezieltes historisches Fanal.

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