Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Bleib mir weg mit Fasching

Alle Jahre wieder sucht im Februar die fünfte Jahreszeit das Land heim. pro-Kolumnist Jürgen Mette kann mit der ganzen Narretei nichts anfangen.

Ich bin ein notorischer Non-Fasching-Aktivist, ein Ultra-Karneval-Verweigerer, eingefleischter Fastnachts-Veganer und ein Influencer wider diese gottlose und zugleich irgendwie doch katholische Narretei. Schon immer. Von Kindheit an. In unserem nordhessischen Dorf gab es keine Jecken, keine biegsamen Spagat-Mariechen mit strohblonden Perücken. Meine Eltern hatten immer Freude am Leben, und das nicht nur, wenn in den katholischen Nachbarorten Naumburg und Fritzlar Ende Februar die Freude verordnet wurde.

Wie ich heute Ende Februar einen großen Bogen um Mainz und Köln mache, so hielt ich damals immer genügend Abstand zu den Maskierten, die überschwänglich von prächtig dekorierten Fahrzeugen huldreich herunterschauten, lauthals „Hellau“ schrien und billige Bonbons in die Menge schmissen. Mittags um halb eins warnen die meisten bereits so angesoffen, dass am Rande der Umzugsroute Vorgärten und Nischen gelb gesprenkelt waren.

Und die Witze und Späße waren meistens auf unterirdischem Niveau. Und dann immer ein Tusch der Blaskapelle: Dädää, dädää, dädää! Rums!

Da kann es stürmen, schiffen, schnein, einer geht noch immer rein! Prösterchen!

Ich halte mich lieber zu dem Dichter Wilhelm Busch (1832–1908): „Ein jeder Narr tut, was er will. Na, meinetwegen. Ich schweig still!“

Nüchterne Köpfe unter den Narren

Aber es gibt eine Ausnahme. Das bayerische Fernsehen überträgt jedes Jahr die fränkische Fastnacht aus dem unterfränkischen Veichtshöchheim am Main: die einzige Veranstaltung zur Faschingszeit, wo die politische Prominenz des Freistaats so richtig lecker durch den Kakao gezogen wird. Zwei sind immer dabei – der eine in den verrücktesten Kostümen, der andere immer in schlichter Dienstkleidung. Der eine war wohl nach dem Thüringer Thomas Kemmerich der Ministerpräsident mit der kürzesten Verweildauer im Amt, nämlich einem knappen Jahr (2007–2008), der andere ist seit 2011 Bischof der Evangelischen Kirche in Bayern und seit 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der eine ist evangelisch und noch dazu ein Franke, ein Freund des CVJM und der Pietisten, beliebter Referent bei der christlichen Seefahrt. Der andere wurde von der evangelikalen Presse oft geprüft und manchmal gelobt und öfters geschimpft.

Was beide verbindet, ist – neben der evangelischen Kirche – die Treue zur Veichtshöchheimer Fastnacht. Heinrich Bedford-Strohm, immer im schwarzen Bischofsoutfit, minimale Dekoration in Form von ein paar bunten Papierstreifen um den Hals, Günther Beckstein immer in ziemlich verrückten Kostümen, die er mit sichtbaren Unbehagen trägt und darin immer „a weng“ verlegen ausschaut. Der Bischof, von Hause aus ein Geigenvirtuose und Feingeist, lacht herzlich und scheint sich sichtlich wohlzufühlen. Er ist hauptsächlich mit Mineralwasser zugange. Bei der dort vorgetragenen Musik braucht er sicher eine hohe Toleranzschwelle. Und als voriges Jahr die Altneuhäuser Feuerwehrkapelle aus der Oberpfalz mit einem frauenverachtenden Beitrag über Madame Macron ausgepfiffen wurde, da ist auch dem Bischof das sympathische Lächeln vergangen.

Es ist gut, wenn immer einige nüchterne Leute dabei sind, die noch über all die Späße urteilsfähig sind. Vor allem, wenn man bedenkt, was „Narrenfreiheit“ im Mittelalter bedeutete: Narren waren an den Königshöfen diejenigen, die dem Herrscher die ungeschminkte Wahrheit sagen und den Spiegel vorhalten durften. Wenn es dem nicht gefiel, konnte er es als unterhaltsame Narretei abtun.

Damit will ich meine Leser keinesfalls zum Fasching einladen. Aber der Karneval scheint heute auch ein Ventil für Angestautes zu sein. Ich jedenfalls gehe nicht hin – nicht weil ich die Akteure nicht leiden kann, sondern weil es mir schlicht zu laut ist und auch die Musik nicht meiner Vorliebe entspricht.

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