Wer eine „Virtual Reality“-Brille trägt, taucht in eine virtuelle Realität ein – in eine Welt, die eine Software um den Brillenträger herum baut

Wer eine „Virtual Reality“-Brille trägt, taucht in eine virtuelle Realität ein – in eine Welt, die eine Software um den Brillenträger herum baut

Virtuelle Auferweckung von den Toten geht zu weit

In Korea haben Technik-Experten ein verstorbenes Kind wieder zum Leben erweckt – in der virtuellen Realität. So echt, dass seine Mutter es berühren und seine Stimme hören konnte. Ein makaberes Experiment, das die Endlichkeit des Lebens leugnet und den Trauernden nicht wirklich hilft. Ein Kommentar von Stefanie Ramsperger

Virtual Reality (VR) wird völlig normal im Fernsehen – das klingt nach einem sehr realistischen Zukunftsszenario. Gemeint ist damit, dass Menschen in Echtzeit in einer computergenerierten virtuellen Umgebung auch die physikalischen Eigenschaften des Dargestellten erleben, es also fühlen, riechen, mit allen Sinnen wahrnehmen können. Ein Beispiel aus Korea aus dieser Woche zeigt, wo den scheinbar grenzenlosen technischen Möglichkeiten Grenzen gesetzt werden sollten.

In der koreanischen TV-Show „Meeting You“ traf eine Frau ihre vor drei Jahren verstorbene Tochter wieder. Das Kind wurde dazu per 3D-Technik von den VR-Profis „gebaut“, die dafür Videos, Fotos und Tonaufnahmen von dem Mädchen verwendeten. Im TV „traf“ die Mutter dann mithilfe einer VR-Brille auf das 3D-Kind, sprach mit ihm, konnte es anfassen. „Wo warst du, Mami? Hast du an mich gedacht?“, ließen die VR-Experten das Kind sagen. Tränen bei der Mutter. „Mami, du kannst sehen, dass ich keine Schmerzen mehr habe.“ Mutter und virtuelle Tochter halten sich an den Händen. Die Sehnsucht der trauernden Mutter ist geradezu spürbar und zu respektieren.

Was aus technischer Sicht ein Erfolg ist und auch von der Mutter selbst als „wohltuende Erfahrung“ bezeichnet wurde, ist aus medienethischer Perspektive höchst fragwürdig. Warum? Schließlich gibt es massenweise Shows, in denen Menschen emotional zum Äußersten getrieben werden, um das Publikum zu unterhalten. Dennoch hebt sich dieses psychologische Experiment zum Zweck der TV-Unterhaltung ab von bisherigen Formaten: Thorsten Dietz, Professor an der Evangelischen Hochschule Tabor, sagt: „Virtuelle Realität wird da bedenklich, wo sie zur Flucht vor der Realität des leibhaften Lebens wird; und wo sie, wie in diesem Fall, nicht das Abschiednehmen unterstützt, sondern hinauszögert.“

Wer trauernde Menschen professionell begleitet, wird viele Ideen haben, den Prozess sinnvoller zu gestalten. Die technische Möglichkeit könnte das Bewusstsein dafür gefährden, dass der Abschied unwiderruflich ist, bietet womöglich sogar Suchtpotenzial nach der Begegnung mit der toten Person.

Dies wirft weitere kritische Fragen auf: Wer kontrolliert den Avatar? Das Potenzial zur Manipulation scheint nahezu unerschöpflich.

Und letztlich: Wer sorgt sich darum, dass die Rechte der Verstorbenen gewahrt bleiben?

Solange all diese Fragen ungeklärt sind, ist der Hyperrealismus nicht nur unheimlich, sondern auch ethisch höchst fragwürdig. Bei aller Wertschätzung für die Kunst, virtuelle Welten zu erschaffen: Wenn reale Verstorbene auf diese Weise „auferweckt“ werden und dadurch die Grenze von Fakt und Fiktion völlig aufgelöst wird, sollten verantwortliche Medienprofis innehalten und nicht alles, was machbar ist, tun – selbst wenn es eine gute Quote bringt.

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