Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Eine Gans muss es sein, eine Gans ganz allein!

Die Gänse auf der Wiese werden jeden Tag weniger. Eine nach der anderen wird schon vorbereitet, den Menschen als Weihnachtsbraten zu dienen. Das ist ihre Berufung. Mit dieser Kolumne wünscht Jürgen Mette freuden- und genussvolle Weihnachtstage.

Keinen Streckenabschnitt Deutschlands bin ich so oft abgefahren, wie die B 3 zwischen Marburg und Kassel. Zunächst auf dem Schoß meiner Eltern, wenn wir zu Glaubenskonferenzen ins Diakonissenhaus Hebron gefahren sind; später mit meinem Bruder auf einer Kreidler-Florett zum Pfingstjugendtreffen in der neu gebauten Evangeliumshalle und dann selbstfahrend im R 4 zum Zivildienst und später zur theologischen Ausbildung nach Tabor und bis heute zu unserem Wohnsitz in Marburg.

An dieser Strecke hat sich in den 60 Jahren meiner Erinnerung viel verwandelt. Mehrere Ortsumgehungen haben – zur Freude der lärmgeschädigten Anwohner – ihren behäbigen Charakter verloren und lassen dieses spezielle Flair von damals vermissen. Der ärmliche und doch irgendwie auch rustikale Imbisstand zwischen Gilserberg und Liescheid, wo immer noch der gleiche Budenbetreiber seine Bratwürste feilbietet. Die große Brotmanufaktur vom Schwälmer Bäcker in Gilserberg. Die beiden günstigsten Tankstellen in Kerstenhausen und der kurvenreiche Abschnitt am zum Diakoniewerk Hephata gehörenden Hofgut Richerode. Was sich dort über Jahrzehnte nicht verändert hat, ist die Gänseherde, die sich zum Christfest hin von Tag zu Tag reduziert. Die Vögel werden geköpft, gerupft, gekocht und gebraten, um von uns verzehrt und mit Zugabe eines Jägermeisters verdaulich gemacht zu werden.

Die Berufung der Gans klärt sich nach ihrem Tod

Es lebte einmal eine blöde Gans auf einer hessischen Bauernwiese an der B 3, umgeben von anderen weißgefederten Damen, bewacht durch den potenten Herrn Gänserich. Sie wurde fett und groß, aber Frau Gans würde nie auf die Idee kommen, sich selbst als Weihnachtsgans zu bezeichnen. Selbst wenn sie sich mit Lammetta behängen und eine rot-weiße Mütze aufsetzen würde, sie wäre keine Weihnachtsgans. Selbst wenn der Bauer im Nikolauskostüm mit dem Beil in der Hand sie beim Kragen packt, würde die Gans nicht auf die Idee kommen, sich für eine Weihnachtsgans zu halten. Sie ist eine sprichwörtlich blöde Gans. Und sie bleibt es, denn ihre Lebensberufung klärt sich erst nach ihrem Tode.

Die Gans wird erst zur Weihnachtsgans, indem sie in den nächsten Tagen auf Ihrem und meinem Teller landet und wir sie genüsslich verzehren. Nach Weihnachten aufgetaut und gebraten wäre sie wiederum nur eine blöde Gans. Ihre Lebensberufung ist eben nicht Gans-heitlich, sondern ganz (!) und gar (!) saisonal.

Irgendwie tragisch oder? Der Martinsgans geht es übrigens ebenso. Obwohl die Gans ein Leben lang in ihrer Ganzhaftigkeit nach der Maxime gelebt hat: Sei Gans sein oder lass es ganz sein!

Denken Sie daran, wenn Sie in den nächsten Tagen „Gänse-essen“ gehen. Und seien Sie dankbar, dass wir unsere Lebensberufung jetzt schon kennen und leben dürfen.

Gänslich ergänsungsbedürftig.

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