„Wir alle suchen nach etwas Echtem“, heißt es im aktuellen Science Fiction-Blockbuster „Blade Runner 2049“. Oder suchen wir nicht doch nur die gut gefälschte Story?

„Wir alle suchen nach etwas Echtem“, heißt es im aktuellen Science Fiction-Blockbuster „Blade Runner 2049“. Oder suchen wir nicht doch nur die gut gefälschte Story?

Lügen in der Presse

Grobschlächtige Amerikaner, die Mexikaner an der Grenze mit Waffen auflauern, um sie wieder zu vertreiben. Christliche Abtreibungsgegner, die genau so sind, wie es sich ein durchschnittlicher Spiegel-Leser vorstellt, ein Guantanamo-Insasse, dem der Journalist Worte in den Mund legt. Wer nur ein bisschen die Amerika-Berichterstattung des Spiegel verfolgt, wird wenig überrascht sein, dass ein Lügenbaron wie Claas Relotius im deutschen Journalismus ein ganz Großer werden konnte. Warum lieben wir die gute Story mehr als die wahre Story? Das neue Buch des Journalisten Juan Moreno betrifft Fragen nach der Echtheit im Journalismus. Ein Kommentar von Jörn Schumacher

Den Kampfbegriff „Fake News“ kennt mittlerweile jeder. US-Präsident Donald Trump benutzt ihn ständig, prägte ihn. In Deutschland sind es Pegida und die AfD, die gerne darüber schwadronieren, dass „die Medien“ nur ihre eigene politische Agenda durchdrücken wollen, und keineswegs nur die Wahrheit dem Leser präsentieren wollen. Ausgerechnet in selben Jahr, in dem das Wort „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres gewählt wurde, wurde der journalistische Trickbetrüger Claas Relotius aus Tötensen bei Hamburg von CNN zum Journalisten des Jahres gewählt. Der 33-Jährige habe über vierzig Journalistenpreise gewonnen und war noch öfter für Preise nominiert, schreibt Juan Moreno in seinem aufklärerischen Buch „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“, das in diesen Tagen herausgekommen ist. Claas Relotius gehörte „zu den erfolgreichsten Reportern, die jemals diesen Beruf ausgeübt haben“.

Vermeintliche „Antwort auf die Lügenpresse-Vorwürfe“

Ausgerechnet dieser Star-Journalist ist nun jener Schwarze Peter, auf dem alle herumhacken, der den Spiegel in die größte denkbare Katastrophe manövriert hat. Wie konnte das passieren? Dabei war ausgerechnet jener Relotius als jemand festgemacht worden, der allen zeigen kann: Journalismus ist wichtig, er sagt, was ist (das Motto von Spiegel-Gründer Rudolf Augstein). Bei ihrer Laudatio sagte die Chefredakteurin der Deutschen Welle, Ines Pohl, damals über den preisgekrönten Artikel von Claas Relotius, er stelle die „Antwort der Branche auf die Fake-News-Debatte“ dar. Er sei die „Antwort auf die Lügenpresse-Vorwürfe“.

„Der Journalismus ist ein anderer geworden nach Relotius“, schreibt Moreno, der den Skandal aufdeckte, in seinem Buch. Und er gibt unumwunden zu: „Die Leichtigkeit, mit der ich früher Lügenpresse-Krakeeler belächelt habe, ist dahin.“ Man könne Fake News aus zwei Gründen veröffentlichen, überlegt er: Um hohe Klickzahlen zu bekommen, oder um Meinungsmache zu betreiben, weil man eine bestimmte Agenda verfolgt. Relotius selbst habe keine politische Agenda verfolgt, ist sich Moreno sicher. „Ich denke, dass Relotius seine Leser, die Redaktion und die Jurys nur von einer einzigen Sache überzeugen wollte: von sich.“

Ist die bessere Geschichte auch die wahre?

Seinen dritten Reportagepreis bekam Relotius für das Stück „Nummer 440“. Es handelt von einem jungen Jemeniten, der als Unschuldiger nach Guantanamo kam und dort gefoltert wurde.

„Relotius log nicht, weil er damit Amerikas Niedertracht zeigen wollte. Er log, weil das einfach die bessere Geschichte war. Er log, weil das insgeheim Erwartungen erfüllte (...).“ Und das trifft nun ja genau jene Erwartungen, die viele Journalisten heutzutage erfüllen sollen. „Niemandem in der Branche ist entgangen, dass die ‚Zeit‘ mit einem empathischen, emotionalen, erzählerischen Ansatz die Auflage über Jahre mehr oder weniger stabil halten konnte“, analysiert Moreno. „Alle anderen verloren massiv. Die harten Nachrichten sind nicht das Kerngeschäft der Hamburger. Das Blatt vermittelt mehr so ein Gefühl, eine intellektuelle Wohligkeit.“ Das sei ausdrücklich keine Kritik, fügt er hinzu, aber immerhin seine Feststellung. „Es ist kein Fehler, sich an den Bedürfnissen der Leser zu orientieren.“

Was an dem Buch von Juan Moreno – neben der eigentlichen Story – ansonsten so fasziniert, ist, wie er fast seinen Job, seine Karriere verliert und trotzdem den Weg weitergeht, die Wahrheit ans Licht bringen will. Da ist sie wieder: die klassische Helden-Geschichte. Die Affäre Relotius wäre fast nicht ans Licht gekommen, denn Relotius stand vor der Enttarnung kurz davor, vom Spiegel zum Ressortleiter befördert zu werden. Er hätte nie mehr einen Text schreiben müssen, und über seine alten – gefälschten – Texte wäre Gras gewachsen. Moreno hat Frau und Kind, und ihm war sofort bewusst, dass seine Zukunft auf dem Spiel stand, als er anmerkte, dass sein Kollege Relotius an vielen Stellen ihres gemeinsamen Textes gelogen hatte. Doch selbst trotz vieler handfester Beweise wollten die Verantwortlichen beim Spiegel bis zum Schluss lieber ihrem strahlenden, aber lügenden Star-Autoren Relotius glauben. Moreno war kurz davor, alles zu verlieren, heute ist er ein gefeierter Held. Sein Buch ist jetzt schon eine Sensation, jede Tagung, jede Hochschule will ihn als Redner oder Dozent haben, und natürlich: jede Zeitung. Biblisch könnte man anmerken: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Johannes 12, 24)

Das Dopamin im Journalismus

Das Erfolgsrezept von Claas Relotius war es, die Erwartung, die Sehnsucht nach einer spannenden Geschichte beim Leser zu erfüllen. Es gibt klare Rollen: Gut gegen Böse, es gibt nur Schwarz oder Weiß, analysiert Moreno das System Relotius. Das „Storytelling“ ist im Journalismus zur festen Größe geworden, ein Genre, das jeder Journalist beherzigen sollte, wenn er den Leser packen will. Moreno: „Der sicherste Weg, die Aufmerksamkeit eines Menschen zu erhalten, ist folgender Satz: ‚Pass auf, ich erzähl dir eine Geschichte.‘ Ganz gleich, wie viele Geschichten dieser Mensch schon gehört hat, wie beschäftigt er ist, er wird zuhören. Er kann nicht widerstehen.“ Es gebe sogar Studien, die zeigen, dass in uns Glückshormone wie Dopamin, Oxytocin und Endorphine ausgeschüttet werden, wenn wir eine gut aufgeschriebene Reportage lesen. „Wir fühlen uns wacher, menschlicher, besser. Bei reiner Informationsverarbeitung, beim Lesen einer nüchternen Nachricht, passiert das nicht.“

Ironischerweise funktioniert übrigens auch Morenos Buch nach diesem Prinzip. Man ist fasziniert vom Storytelling. Nicht umsonst hat sich sofort ein Produzent gefunden, der den Stoff verfilmen will. Der kaum beachtete freie Autor des Spiegel gegen eine unfassbar erfolgreiche Glanzfigur der Medienlandschaft. Der „Underdog“ Moreno, der Sohn ungebildeter spanischer Einwanderer, der gegen die nüchterne, stets freundliche, aber nordisch-unterkühlte Text-Maschine Relotius zu Felde zieht. Wer gewinnt?

Die Frage danach, was sich am Ende besser verkauft: die Nachricht mit den nackten Fakten oder die emotional Geschichte vom Helden und dem Bösewicht, ist längst beantwortet. „Der Spiegel wurde groß, weil er eben nicht nur ‚Fakten, Fakten, Fakten‘ präsentierte“, schreibt Moreno. „Er schrieb Geschichten, deutete, interpretierte, ergriff Partei (...)“. Tatsächlich steht in den Statuten des Spiegel: „Nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch. Darum sollten alle Spiegel-Geschichten einen hohen menschlichen Bezug haben.“ Es „menschelt“ also an vielen Stellen des deutschen Journalismus. Der Leser solle, so steht es ebenfalls in den Statuten des Spiegel, Neuigkeiten immer in Form einer „Story“ vermittelt bekommen, so dass er am Ende das Gefühl hat, „selbst bei dem Geschehen dabei“ zu sein. Und ja, es gibt offenbar sogar einen Journalistik-Professor, ein ehemaliger Spiegel-Redakteur, der in einem Lehrbuch schreibt, man könne in seinen Texten auch schon mal „Kunstfiguren“ erschaffen, um die Richtung seines Textes zu verfolgen. Also Protagonisten, denen man Sätze in den Mund legt. Moreno hält dagegen: „Wer Figuren erfinden will, kann das tun. Er ist dann Schriftsteller.“

In der Bibel ist der größte Verlierer der größte Sieger

Moreno, der Underdog, erfährt eine enorme Ungerechtigkeit, muss dafür leiden und alles aufs Spiel setzen. So fühlen wir uns auch oft. Die Ungerechtigkeit im Alltag, gegen die man, allein auf weiter Flur, kämpfen muss. Auch der christliche Glaube fußt im Kern auf eben jener Geschichte vom Verlierer, der erst ganz am Schluss den wahren Triumph davonträgt. Die christliche Botschaft vermittelt genau das: Was in der Welt Erfolg bedeutet, ist bei Gott nichtig; die Welt kann uns keine wahre Gerechtigkeit geben. Die wahre, ewige Gerechtigkeit für alle Leidenden kommt erst am Schluss, durch den, der die Gerechtigkeit in Person ist. Die Bergpredigt Jesu ist voll von dieser Botschaft. Was das angeht, kann die Geschichte von Moreno, der – fast ohne Chancen – gegen die Großen des Spiegel kämpft und gegen den erfolgreichsten Journalisten unserer Tage, an diesen christlichen Aspekt erinnern.

Wie wichtig ist uns als Leser der Wahrheitsgehalt einer Geschichte? Kauft der Leser den Spiegel, weil er bestätigt bekommen will, was er ohnehin schon über die Welt weiß, oder ist er jedes Mal aufs Neue bereit, überrascht zu werden? Von Underdogs, die plötzlich Gewinner sind, von seltsamen Amerikanern, die vielleicht gar nicht so böse sind, von gläubigen Christen, die auf eine nachvollziehbare Art und Weise vielleicht ihnen wichtige Werte verteidigen?

Ist die Geschichte wahr? Der Science Fiction-Film „Blade Runner 2049“, der vor zwei Jahren in die Kinos kam, stellt die Frage in den Mittelpunkt: Was ist echt? Und was Fake? „Wir alle suchen nach etwas Echtem“, sagt eine der Protagonistinnen des Films. Und stellt damit genau die Frage, die sich jeder stellen muss, der die Zeitung liest oder von Jesus Christus hört: Ist es nur eine nette Geschichte, oder ist sie wahr? Im Zeitalter von Fake News und einem System Relotius kann die Antwort nur lauten: Das muss jeder kritisch für sich selbst beantworten.

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