Andreas Kalbitz könnte in Brandenburg die Landtagswahl gewinnen - dabei wirbt die AfD mit einem fragwürdigen Slogan

Andreas Kalbitz könnte in Brandenburg die Landtagswahl gewinnen - dabei wirbt die AfD mit einem fragwürdigen Slogan

AfD: Kein Respekt vor christlichen Bürgerrechtlern

Bei den Landtagswahlen am kommenden Sonntag hat die AfD in zwei Bundesländern gute Chancen, vorne mitzuspielen. Dabei demonstriert sie in Brandenburg eindrücklich ihre Geschichtsvergessenheit, tritt das Verdienst evangelischer Pfarrer zu Wendezeiten mit Füßen und will einen Mann zum Ministerpräsidenten machen, der sich mindestens 25 Jahre lang im extremen rechten Milieu bewegt hat. Ein Kommentar von Anna Lutz

Die AfD in Brandenburg will die Wende vollenden. So steht es auf ihren Wahlplakaten. Brandenburg ist auch meine Heimat. Und so muss auch ich damit leben, dass die Rechten um Landeschef Andreas Kalbitz das Erbe der vielen auch christlichen Bürgerrechtler mit Füßen treten. „Wer heute ‚anders‘ denkt, wird genauso unterdrückt, wie es einst die Stasi tat“, behauptet die AfD. Und: „Es ist Zeit zu vollenden, was 89 begonnen wurde.“

Evangelische Pfarrer und Bürgerrechtler wie Rainer Eppelmann oder Matthias Storck muss es bei solchen Worten schütteln. Deshalb haben sie ein öffentliches Schreiben unterzeichnet, in dem sie der AfD eine „Geschichtslüge“ vorwerfen. Storck mag sich daran erinnert haben, wie er selbst im Stasiknast saß, weil er sich gegen die SED stellte. Wie er in seiner Zelle mit Mitinsassen unerlaubt Abendmahl feierte. Wie ihn Seelsorger zu verraten versuchten. Davon berichtet er bis heute. Eppelmann mag sich an die Mordversuche durch die Stasi erinnern, zwei waren es mindestens. Der Pfarrer sollte bei einem fingierten Autounfall sterben. „Deutschland braucht keine Revolution 2.0, wir werden nicht unterdrückt, wie es die Staatssicherheit im Auftrag der SED praktizierte“, heißt es in besagtem Papier mit dem Titel „Nicht mit uns“. Wer auch nur einige der Geschichten der vielen Oppositionellen der DDR kennt, kann diesen Worten nur zustimmen.

Was hat Kalbitz mit der Wende zu tun?

Und wer ist es nun, der die erfundene neue deutsche Diktatur laut AfD bekämpfen soll? Spitzenkandidat Andreas Kalbitz. Ein Mann, der 25 Jahre seines Lebens am Rand oder auch mitten im rechtsradikalen Milieu verbracht hat, wie das Nachrichtenmagazin Der Spiegel jüngst zusammenfasste. Einer der mächtigsten Politiker der AfD. Kalbitz war Mitglied der Republikaner und des als rechtsextrem geltenden „Witikobundes“. Immer wieder publizierte er in Zeitschriften, die rechten Organisationen zugeordnet werden. Laut Spiegel erarbeitete er gemeinsam mit seinem Vater zwei Drehbücher – in einem der Filme geht es um Adolf Hitler, in dem anderen um eine Division im Zweiten Weltkrieg. Sie gelten als verherrlichend. Kalbitz war bis 2015 Vorsitzender des „Vereins für Kultur- und Zeitgeschichte – Archiv der Zeit“, gegründet von einem ehemaligen SS-Hauptsturmführer. Er nahm an einem Zeltlager der Heimattreuen Deutschen Jugend teil, Vorbild der Organisation war die Hitlerjugend, seit 2009 sind die Heimattreuen verboten.

Dass ein Mann wie Kalbitz von derzeit 21 Prozent der Brandenburger als künftiger Ministerpräsident gesehen wird, ist nur so zu erklären: Seine Vergangenheit ist immer noch nicht genug Menschen bekannt. Ich mag nicht glauben, dass jeder fünfte meiner Nachbarn am kommenden Sonntag bewusst einen Demagogen und Hitlerverharmloser wählen wird, der übrigens mit der Wende selbst so viel zu tun hatte wie der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro mit den Protesten von „Fridays for Future“. Kalbitz lebte damals in Bayern, er kam erst 2003 nach Brandenburg.

„Wir haben ein Land, in dem noch viel zu ändern und zu verbessern ist“, heißt es im Schreiben, das Eppelmann und Storck unterzeichnet haben. Und: „Dafür brauchen wir keine Spalterpartei wie die AfD. Spaltung hatten wir in Deutschland lange genug!“ Man möchte hinzufügen: Wer glaubt, die Wende im Sinne der AfD Brandenburg vollenden zu müssen, der mag keine Ahnung von Geschichte haben. Erst recht aber sollte er verstehen, dass er die Demokratie nicht verbessert, indem er jene wählt, die Verhältnisse verharmlosen, die es lange vor dem SED-Regime gab: 1933 bis 1945.

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