Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Wie wörtlich ist „bibeltreu“?

Manche Christen rühmen sich, „bibeltreu“ zu sein. Offenbar ist das kein grundsätzliches Wesensmerkmal von Christen, sonst müsste man das nicht betonen. Aber was ist damit gemeint? Wer definiert das? Und: Kann man einem Buch überhaupt treu sein? Eine Kolumne von Jürgen Mette

„Sind Sie auch bibeltreu?“ So wurde ich von einem Gemeindeleiter gefragt, der mich zu einem Vortrag einladen wollte. Ich gab die Frage zurück. „Sind Sie denn selbst bibeltreu?“ Pause. „Ja, schon.“ Und was heißt das nun konkret? „Dass ich die Bibel wörtlich nehme.“ Ich: „Echt? Jedes Wort wörtlich?“ Ich hätte ihn zu gern getestet, aber dann tat er mir doch leid.

Wer bestimmt eigentlich, was „bibeltreu“ ist? Es gibt keine verbindliche theologische Definition, das Adjektiv kommt in der Theologie auch gar nicht vor. Geht es um Christen, die in großer Treue täglich ihre Bibel lesen? Schon da falle ich durch die Prüfung. Geht es um den Umgang mit der Bibel, wie wir sie lesen sollen? Ich kann die Bibel nur unterscheidend lesen, dass ich mir die Texte vom ursprünglichen Setting und Genre her vergegenwärtige.

Das Wort „treu“ beschreibt eine personale Beziehungsqualität. Ich habe meiner Frau Treue versprochen. „Gott ist treu, er wird mich stärken und bewahren vor dem Bösen.“ (2. Thessalonicher 3,3). Diesen Bibelvers hat mir mein Vater vor 55 Jahren zu meiner Ordination in Holz geschnitzt. Ich habe das Paulus-Zitat immer vor Augen. Aber Treue zu einem Buch ist mir nicht ganz geheuer. Selbst wenn es von Gott selbst inspiriert wurde.

Wovon haben denn die ersten Gemeinden nach der Himmelfahrt Jesu bis zur Fertigstellung des Kanons um 350 nach Christus gelebt? Vom Alten Testament und von der mündlichen Überlieferung der Jesusgeschichten. Und von den Paulusbriefen, die abgeschrieben und weitergereicht wurden. Sie hatten keine Bibel. Und sie haben überlebt, sonst gäbe es uns gar nicht.

Scheinheiligkeit im Verzug

Der uns so vertraute Begriff „bibeltreu“ ist für kritische Zeitgenossen ein Synonym von „fundamentalistisch“. Und fundamentalistisch riecht nicht gut. In diesem Zusammenhang befindet sich auch das Schlagwort „modern“: Das steht in den Augen des „bibeltreuen“ Lagers für gefährlich und verwerflich. Alle neueren exegetischen Zugänge zu den biblischen Texten, werden prinzipiell als gefährlich klassifiziert, so als würde allein die Kenntnisnahme diverser Zugänge zum Text ansteckende Auswirkungen haben.

Die zwei Begriffe „biblisch“ und „Bibelkritik“ sind inzwischen derart ideologisch aufgeladen, dass sie für die dringend notwendigen Klärungen ausscheiden. Sie befeuern die Debatte emotional, statt sie vernünftig und sachlich herunterzukühlen. Auch das Schlagwort „liberale“ Theologie wird beliebig definiert. Kritiker meinen damit eine entfesselte Theologie, die sich ungläubig und ehrfurchtslos über die Bibel hermacht. Tatsächlich bezeichnet der Begriff aber eine Theologie, die einzig aufgrund von humanistischen und geisteswissenschaftlichen Grundlagen betrieben wird.

Eigentlich heißt „liberal“ Freiheit in Forschung und Lehre, ohne Denkverbote, ohne Lehrzucht von Rom. Im konservativen evangelikalen Kontext geht man jedoch davon aus, dass die Ergebnisse einer liberalen Theologie prinzipiell schlecht und gefährlich sind und dass man nichts davon lernen kann. Es werden nur systemimmanente Zugänge zur Schrift und Gläubige aus dem eigenen Milieu erlaubt. Dahinter steckt vermutlich eine gewisse Angst, die Bibel könnte sich in den Händen eines liberalen Theologen in Nichts auflösen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Bibel wurde im Stahlbad der Aufklärung gehärtet.

In diesem Zusammenhang lese ich in empörten Leserbriefen und Facebook-Einträgen, schlimmer noch auf den Kommentarplattformen christlicher Nachrichtendienste, auf denen man sich unter einem Pseudonym verbal duellieren kann, immer wieder diese Phrase: „Kennt Herr X seine Bibel nicht? Da steht es doch ganz eindeutig, dass ...!“

Wenn Sie diese Formel hören, liebe Leser, dann gehen Sie lieber in Deckung, denn dann ist Scheinheiligkeit im Verzug.

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