Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Für pro schreibt er eine regelmäßige Kolumne.

Warum diese Pauschalkritik am Kirchentag?

Dass nicht jeder den Kirchentag gut fand, ist bei einer Großveranstaltung dieses Formats kein Wunder. Dennoch wundert sich pro-Kolumnist Jürgen Mette über manche notorische Kritiker und hält es lieber mit Paulus.

Natürlich darf der Kirchentag kritisiert werden. Auch von christlichen Medien, dann aber freundlich im Ton und in der Sache durchaus kritisch. Die Verantwortlichen des Kirchentags hatten sicher nicht Typen wie mich vor Augen, als sie das Programm designt haben. Mir muss es nicht gefallen. Aber was sich da an Häme und Gehässigkeit in einem entfesselten Shitstorm der Onlinemedien über den Kirchentag und seine Referenten und Befürworter ergossen hat, und das meistens anonym, das lässt auf eine völlige Verrohung der Sitten schließen.

Ich ärgere mich auch darüber, dass messianischen Juden auf dem Kirchentag kein Podium gegeben wird, aber ich trage das an den zuständigen Stellen und bei den Entscheidern vor. Noch mehr ärgert mich, dass „LKA“ nicht Landeskirchenamt heißt, sondern Lange keine Antwort. Und der AfD generell die Podien zu verwehren, das wird die zu Recht umstrittene Partei weiter demütigen und damit letztlich stärken. Das sind doch nicht alles bekloppte Neonazis, die die Bühne für ihre Agitation missbraucht hätten.

Welchen Kirchentag wollt ihr?

Zwei Themen waren es, die konservative und auch unsere evangelikalen Medien erzürnt haben: Der Kirchentag sei politisch zu sehr grün-rot gefärbt gewesen; und die beiden Workshops „Vulven malen“ und „Schöner kommen“, die sich an die Damen gerichtet haben, aber von Männern etwa in der Bild-Zeitung und der Welt begierig aufgenommen wurden, um daran frivol den Niedergang der Volkskirche festzumachen. An zwei von 2.000 Veranstaltungen!

Mal ehrlich, liebe Kritiker des Kirchentages, wollt ihr tatsächlich für die Zukunft einen anderen Kirchentag? Einer, an dem mehr konservative Repräsentanten zum Zuge kommen? Männer und Frauen, Pietisten und Charismatiker, Landes- und Freikirchler, wissenschaftsskeptische und wissenschaftsbegeisterte Referenten, Kreationisten und Evolutionsvertreter. Und Vertreter der AfD und der Linken. Wer soll die prüfen und aussuchen? Ist es das, was ihr wollt? Ich hörte von einem Unternehmer, der dem Kirchentag kostenlos Hallen zur Verfügung stellen wollte, aber zu dem Preis, dass nur seine Idole dort predigen dürfen. Die Kirchentagsleitung hat diesen Ball nicht aufgenommen. Und das war gut so.

Der Evangelische Kirchentag ist eine eigenständige Körperschaft, die nicht der Evangelischen Kirche in Deutschland untersteht. Der Kirchentag wird von Fulda aus vorbereitet und durchgeführt, nicht von Hannover. Diese Großveranstaltung hat eigene Strukturen und eine eigene Toleranzschwelle. Das Angebot ist zuerst breit, dann erst tief. Er bietet auch vielen Menschen aus anderen Ländern eine Plattform, wo sie ihren Glauben vorstellen können, ihre Freude und Nöte kommunizieren.

Prüfen und das Gute behalten

Würden wir einen Ideenwettbewerb ausschreiben, wie denn ein Kirchentag nach unserem Geschmack aussehen müsste, wir würden aus den weit auseinanderlaufenden Erwartungen zwischen Fahnenschwenken, die Bibel biblisch auslegen, Homosexuellen geistliche Heimat bieten und Judenmission kein Programm auf die Beine bringen, das unter den konservativen Christen konsensfähig wäre. Und wer würde dazu einladen? Etwa die Deutsche Evangelische Allianz?

Nein, wir bleiben lieber auf Distanz, empören uns von den Emporen und begnügen uns mit der kleinen Herde, die immer kleiner und immer reiner wird.

Aber es muss auch nicht immer die ganz große Nummer sein. Wir machen doch gute Erfahrungen mit dezentralen Christustagen, viele wachsende evangelikale Gemeinden setzen bewusst nicht mehr auf Großveranstaltungen, die nur mit extremer theologischer Toleranz zustande kommen. Und mit ProChrist haben wir ein ideales Werkzeug der Evangelisation. Dafür brauchen wir vor Ort Mehrheiten, die nicht an notorischer Kirchentagsphobie leiden, sondern an der Liebe Christi erkennbar sind.

Die Predigt von Sandra Bils zum Abschluss des Kirchentags wird mir lange in Erinnerung bleiben.

Prüft alles und das Gute behaltet.

Schöne Grüße von Paulus.

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