„Die Erschaffung Adams“ des Malers Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle gilt als ein Sinnbild, jeden Menschen als ein Ebenbild Gottes zu sehen

„Die Erschaffung Adams“ des Malers Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle gilt als ein Sinnbild, jeden Menschen als ein Ebenbild Gottes zu sehen

Abgelehnte Asylbewerber sind Ebenbilder Gottes

„Anti-Abschiebe-Industrie“ ist das „Unwort des Jahres“ 2018. Der Begriff offenbart viel über seinen Schöpfer. Im Kommentar appelliert Norbert Schäfer für mehr Achtsamkeit in der Kommunikation.

Das „Unwort des Jahres“ 2018 lautet „Anti-Abschiebe-Industrie“. Das hat die Sprecherin der sprachkritischen Jury, die Linguistik-Professorin Nina Janich, am Dienstag in einer Pressemitteilung bekanntgegeben. Der CSU-Politiker Alexander Dobrindt hatte den Begriff in einem Interview gebraucht und damit in die öffentliche Debatte eingeführt. Er wollte damit auf Klagen gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber zielen, weil er darin eine Sabotage des Rechtsstaats erkannte. In der Sache kann man Dobrindt zustimmen oder nicht. In der Wortwahl jedoch sollte er künftig mehr Feingefühl an den Tag legen.

Zum „Unwort des Jahres“ wird seit 1991 jährlich ein Begriff gekürt, der gegen das „Prinzip der Menschenwürde“ oder gegen „Prinzipien der Demokratie“ verstößt, indem er Menschen diskriminiert oder euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend ist. 2016 fiel die Wahl auf „Volksverräter“, 2017 war es der Begriff „Alternative Fakten“. Die Jury argumentierte in diesem Jahr, der Ausdruck „Anti-Abschiebe-Industrie“ unterstelle denjenigen, die abgelehnte Asylbewerber rechtlich unterstützen und Abschiebungen auf dem Rechtsweg prüfen, die Absicht, auch kriminell gewordene Flüchtlinge zu schützen und damit Geld zu verdienen.

Als Industrie wird der Teil der Wirtschaft bezeichnet, der sich mit der gewerblichen – also der geschäftsmäßigen – Gewinnung, Bearbeitung und Weiterverarbeitung von Rohstoffen oder Zwischenprodukten zu Sachgütern befasst. Das Unwort „Anti-Abschiebe-Industrie“ ist dazu geeignet, abgelehnte Asylbewerber auf einen irgendwie gearteten Rohstoff zu reduzieren, aus dem dann windige und findige Geschäftemacher ihren Profit ziehen. Zudem legt die Verwendung von „Industrie“ in dem Begriff nahe, dass in einem nebulösen Produktionsprozess aus abgelehnten Asylbewerbern – seien sie kriminell oder nicht – überhaupt erst Asylberechtigte „hergestellt“ würden.

„Menschen nicht wie Kartoffelsäcke behandeln"

Dobrindts (Un)Wortschöpfung hat die zweifelhafte Ehrung verdient. Gerade die Unionsparteien legen Wert darauf, dass sie für ein christliches Menschenbild eintreten. Das bedeutet, jeden Menschen als ein Ebenbild Gottes zu sehen. Jeden Menschen. Dobrindts zwar nicht unflätige, aber sich selbst disqualifizierende Wortwahl hat mich sofort an den ehemaligen CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder erinnert. Mir klingeln seine Worte auf der Bad Blankenburger Allianzkonferenz noch im Ohr: „Wir können Menschen nicht wie Kartoffelsäcke behandeln. Oder über sie sprechen, als wären sie Dinge.“ Wie wahr. Genau das hatte der Christdemokrat – nicht zuletzt von seiner Fraktion – auch bei der Debatte um Asyl und Flüchtlinge gefordert.

Über Menschen reden wie über Rohstoffe, Hilfs- oder Schmierstoffe einer nach Profit gierenden industriellen Produktion beraubt den Menschen seiner Würde – ist daher menschenunwürdig und abzulehnen. Dies gilt ungeachtet der Bewertung des zugrundeliegenden Sachverhaltes. Dobrindt möchte ich wegen seiner Wortwahl nicht verurteilen. Klar müssen Politiker in der Öffentlichkeit zuspitzen, das gehört zum Geschäft. Wünschenswert wäre jedoch eine tiefere innere Achtsamkeit für die Werte und Worte, die auf das christliche Menschenbild und das daraus resultierende Politikverständnis – gerade bei Christdemokraten – Rückschlüsse erlaubt.

Sagen, was ist

Jeder Mensch sollte achtsam sein, wie er über andere spricht. Besonders betrifft das diejenigen, die ohnehin viel mit Worten zu tun haben – neben Politikern etwa auch wir Journalisten. Wir prägen mit unserer Sprache Bilder und Vorstellungen über Menschen und Vorgänge in der Öffentlichkeit. Die Devise muss lauten: Sagen, was ist – dabei die Würde jedes Menschen achten, aber auch jeder Schönfärberei wehren. Der Grat dazwischen ist oft schmal.

Wer die Ebenbildlichkeit anerkennt, sollte doppelt behutsam mit Sprache umgehen. Denn das Reden über einen Menschen steht in direktem Zusammenhang mit dem Schöpfer, der diesem Menschen seine unveräußerliche Würde verliehen hat. Der neutestamentliche Brief des Jakobus offeriert eine wunderbare Handlungsanleitung für achtsame Kommunikation: „Wer sich aber im Wort nicht verfehlt, der ist ein vollkommener Mensch [...]. So ist auch die Zunge ein kleines Glied und rechnet sich große Dinge zu. Siehe, ein kleines Feuer, welch einen Wald zündet's an!“

Von: Norbert Schäfer

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