Der Spiegel hat den Skandal im eigenen Haus schnell publik gemacht

Der Spiegel hat den Skandal im eigenen Haus schnell publik gemacht

Die Wahrheit muss auf den Tisch

Irgendwann musste es passieren, werden sich viele gedacht haben. Das „Sturmgeschütz der Demokratie“ hat seinen eigenen Skandal. Ein Journalist des Wochenmagazins Der Spiegel hat Geschichten erfunden und sich zurecht konstruiert. Ehrenhaft ist, wie das Magazin mit dem Sachverhalt umgeht. Aber alles andere würde seinem Ansehen und dem der ganzen Zunft noch mehr schaden. Ein Kommentar von Johannes Blöcher-Weil

Der Spiegel hat in seiner über 70-jährigen Geschichte viele Politiker ins Schwitzen gebracht. Über die Inhalte und Geschichten sind manche von ihnen auch gestolpert. Für viele gilt Der Spiegel als Flaggschiff des deutschen Journalismus. In den Anfangsjahren der Bundesrepublik bezeichnete er sich selbst als „Sturmgeschütz der deutschen Demokratie“. Jetzt ist das Blatt ins Trudeln geraten, hat einen Skandal allererster Güte – und geht professionell damit um.

Der preisgekrönte Redakteur Claas Relotius hat in den vergangenen Jahren „in großem Umfang“ mehrere seiner Artikel gefälscht. Der 33-Jährige räumte die Manipulation ein – und danach sein Büro aus. Sein Arbeitgeber hat die Flucht nach vorne angetreten und den vorsätzlichen Betrug öffentlich gemacht. Das verdient höchsten Respekt.

Hartnäckigkeit des Co-Autors

Superlative sind schwer zu formulieren. Vielleicht ist der Skandal trotzdem vergleichbar mit den vermeintlich entdeckten Hitler-Tagebüchern des Magazins Stern, das damit einem Betrüger auf den Leim ging. Beim Spiegel ist der Fall natürlich etwas anders gelagert. In allen Details beschreibt Ullrich Fichtner, ab Januar einer der Chefredakteure, wie sich der Betrug entwickelte und letzten Endes aufflog.

Hut ab davor. Chapeau aber auch vor der Hartnäckigkeit Juan Morenos, des Co-Autors eines von Relotius manipulierten Textes – „Jaegers Grenze“. Ihm kam die Geschichte über eine Bürgerwehr im US-Bundesstaat Arizona spanisch vor. Moreno hinterfragte Dinge kritisch, sammelte Belege für die Manipulation und recherchierte dem Kollegen auf eigene Kosten nach. Für seine Vorgesetzten galt zunächst die Unschuldsvermutung.

Der nun vom Hof gejagte Relotius hatte bis dahin mehrere Journalistenpreise eingeheimst – zum Teil auch für Texte, die sich nun offenbar als manipuliert erweisen. Der Spiegel konnte sich mit dessen Meisterstücken schmücken. Mit seinem Vorgehen hat Relotius nicht nur das journalistische Ethos, sondern auch das 1949 verabschiedete Spiegel-Statut verletzt. Demnach müssen alle im „Spiegel verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen unbedingt zutreffen. Jede Nachricht und jede Tatsache ist peinlichst genau nachzuprüfen.“

Nach wie vor in den Spiegel schauen

Mit dem eigenen Leitspruch „Der Wahrheit verpflichtet“ konnte der Spiegel eigentlich gar nicht anders reagieren, als er es jetzt tat. Und doch ist die Vorgehensweise vermutlich nicht selbstverständlich. Fragen werden gestellt – hausintern und von außen –, die beantwortet werden müssen: Ist es ein Einzelfall? Wird dadurch eine Lawine losgetreten? Wie sollen wir auf „den Schock“ reagieren? Und wie gelingt die Aufarbeitung?

Viele Betroffene hatten im Laufe der Jahrzehnte eine gehörige Portion Respekt, wenn Der Spiegel erschien: normalerweise wegen seiner Artikel. Meinen Respekt hat das Blatt für sein Vorgehen in dieser Krise. Der Spiegel stand und steht für unabhängigen und kritischen Journalismus, dem zahlreiche Coups gelungen sind. In einer Zeit, in der Fake-News kein Modewort, sondern geradezu Alltag sind, haben die Blattmacher ihre eigenen entlarvt und offengelegt. Es wäre verwunderlich, wenn der Spiegel sieben Jahrzehnte Journalismus mit blütenweißer Weste übersteht – auch wenn einiges in der Berichterstattung in diesem Zeitraum unangemessen und panisch war.

Es ist noch nicht klar, welche anderen Medien von Relotius’ „Märchen“ betroffen sind und wie der Fall der Glaubwürdigkeit deutscher Journalisten geschadet hat. Klar ist: Eine Vertuschung hätte die Sache noch schlimmer gemacht. Das Blatt hat sein Versagen selbst öffentlich gemacht. Der offensive Umgang mit den eigenen Fehlern und der eigenen Begrenztheit der internen Qualitätssicherung kann dabei helfen, dass der Journalismus trotz der Krise Vertrauen von seinem Publikum bekommt. Oder um es mit dem schottischen Historiker Thomas Carlyle zu sagen: „Der schlimmste aller Fehler ist, sich keines solchen bewusst zu sein.“ Der Spiegel hat anders gehandelt. So können die Männer und Frauen der Chefetage, zumindest in dieser Angelegenheit, nach wie vor in den Spiegel schauen. Morgens nach dem Aufstehen und samstags, wenn das Blatt am Kiosk erscheint.

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