Donald Trump und Ehefrau Melania am Mittwoch vor dem Sarg Billy Grahams im Kapitol

Donald Trump und Ehefrau Melania am Mittwoch vor dem Sarg Billy Grahams im Kapitol

Trump: Billy Graham war „Botschafter Christi“

Die Amerikaner würdigen den Evangelisten Billy Graham mit gigantischen Trauerfeiern. Das ist nicht übertrieben, bedenkt man dessen Lebenswerk – und seine identitätsstiftende Rolle für die USA. Ein Kommentar von Moritz Breckner

Amerika verabschiedet sich von Billy Graham, wie es nur Amerika kann. Als der Leichnam des Jahrhundert-Evangelisten am Mittwoch im Kapitol in Washington aufgebahrt wurde, sah das schon aus wie ein Staatsakt: Präsident Donald Trump und sein Vize Mike Pence sowie der Sprecher des Repräsentantenhauses und dritte Mann im Staat, Paul Ryan, begrüßten die Trauerprozession. Das Kabinett war ebenso zugegen wie dutzende Senatoren und Abgeordnete. Eine Garde des Militärs trug den Sarg an seinen Ehrenplatz.

Trump sagte in seiner Rede, Graham sei ein „Botschafter Christi“ gewesen, der die Welt an das Geschenk der Gnade erinnert habe. Ryan sagte: „Er war ein großer Mann nicht wegen des Mannes, der er war, sondern wegen des, dem er diente – mit seinem ganzen Herzen, seiner ganzen Seele und seinem ganzen Verstand. Wir danken Gott für dieses Leben und die Werke dieses demütigen Dieners."

Bei der Überführung Grahams von seinem Haus zur Billy-Graham-Bibliothek in Charlotte am vergangenen Samstag säumten tausende Menschen die Straßen. Polizisten salutierten, als die Wagenkolonne vorbeikam, Feuerwehrleute zeigten riesige US-Flaggen, die sie entlang der Strecke an ausgefahrenen Drehleitern angebracht hatten. Ein älteres Pärchen hielt ein Schild mit der Aufschrift „We Love You“.

Irdischer Pomp für einen bescheidenen Mann

Als Beobachter fühlt man sich unweigerlich ein wenig erinnert an die Trauerfeiern für Ronald Reagan oder Prinzessin Diana. Ist das nicht ein bisschen viel der Rührseligkeit und des Pathos, vor allem, weil Graham wirklich ein sehr bescheidener Mann war, dem sein himmlisches Zuhause weit mehr bedeutete als irdischer Pomp?

„Mein Vater hätte sich geehrt gefühlt“, sagt dazu Franklin Graham, einer der Söhne des Baptistenpastors. Offenbar ist es vielen Menschen ein ehrliches Bedürfnis, ihr Gedenken an Billy Graham öffentlich zu zeigen, weil sein Leben so viele Menschen berührt hat. Eine NBC-Moderatorin setzte zum Beispiel in einer Talkshow vor Millionen Zuschauern zu einer leidenschaftlichen Predigt an, weil ihre ganze Familie durch Graham zum Glauben an Jesus Christus gekommen war. Der Evangelist war über Jahrzehnte eine identitätsstiftende Figur der Amerikaner – bedenkt man deren natürliche Fähigkeit zur Emotionalität, ist die große gesellschaftliche Anteilnahme nicht überraschend. Und schließlich: Warum nicht Gefühle zeigen, warum nicht alles an Ehrenbekundung auffahren, für den großen Billy Graham? Wenn es einer verdient, dann er.

Von: Moritz Breckner

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