Die Belagerung von Bautzen durch den Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen, dargestellt durch den Maler Matthäus Merian

Die Belagerung von Bautzen durch den Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen, dargestellt durch den Maler Matthäus Merian

Der Krieg der Christen

Der Dreißigjährige Krieg war zu einem großen Teil (wenn auch nicht vollständig) ein Krieg der zwei großen christlichen Kirchen in Deutschland. Nach Martin Luthers Reformation war die christliche Welt aufgespalten in die zwei Denominationen. Wenn sich am 23. Mai dieses Jahres der Prager Fenstersturz zum 400. Mal jährt, werden auch die beiden Kirchen aufgerufen sein, sich der Erinnerung des blutigsten Religionskrieges unserer Geschichte zu stellen. Ein Kommentar von Jörn Schumacher

Luther selbst hätte wohl nie in seinen schlimmsten Visionen vorhergesehen, welch blutiger Krieg aus seiner Reformation entstehen könnte. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat in seinem vor kurzem erschienenen monumentalen Werk über die „Europäische Katastrophe“ und das „Deutsche Trauma“ anschaulich festgehalten, welche Rolle der Glaube in diesem Krieg spielte. Auf der Seite des Heerführers Tilly der katholischen Liga stürmten die Soldaten in der Schlacht von Breitenfeld 1631 mit dem Schlachtruf „Jesu Maria!“ in den Kampf, die protestantischen Schweden und Sachsen ihrerseits riefen „Gott mit uns!“.

Eigentlich waren im Augsburger Religionsfrieden bereits 1555 den Anhängern der neuen Konfession der Lutheraner die gleiche Religionsfreiheit wie den Katholiken zugesprochen worden. Doch der (katholische) Kaiser war nicht bereit, diese Rechte in konkreten Fällen den Protestanten zuzugestehen. In Böhmen durften Protestanten plötzlich keine Kirchen mehr bauen, es wurden katholische Bischöfe eingesetzt, und der protestantische Glauben sichtbar zurückgedrängt.

Eine der schillerndsten Figuren des Dreißigjährigen Krieges war sicherlich der schwedische König Gustav II. Adolf. Gläubig, entschlossen und überzeugter Protestant, wollte er einerseits vielleicht auch seine Stellung im Ostseeraum ausbauen, aber ein wichtiges Motiv, in den Konflikt einzugreifen, war sicherlich auch, Deutschland vom Katholizismus und der „Abgötterei des Papsttums“ zu befreien. Die Protestanten, in den ersten Kriegsjahren bis ans Meer zurückgedrängt, sahen in Gustav Adolf den Retter in der Not, den „Löwen aus dem Norden“, der die Katholiken Paroli bieten kann. Weil es tatsächlich so kam, entstand unter den Protestanten in Europa geradezu ein Kult um den Schwedenkönig. Nachdem Gustav Adolf, der die gefährliche Angewohnheit hatte, in seinen Schlachten an vorderster Front selbst mit zu kämpfen, 1632 bei der Schlacht von Lützen im heutigen Sachsen-Anhalt fiel, entstand an dem Ort seines Dahinscheidens eine Gedenkstätte, die immer weiter ausgebaut wurde und noch heute Gäste aus aller Welt, aber vor allem aus Schweden empfängt. Gerade im 19. Jahrhundert entstand eine Gustav Adolf-Verehrung unter deutschen Protestanten, die noch heute in der schwedischen Kapelle direkt am ehemaligen Schlachtfeld sichtbar wird.

Was wäre gewesen, wenn der protestantische König aus dem Norden nicht so siegreich gewesen wäre? Oder was wäre gewesen, wenn eine Seite dieses „heiligen Krieges“ gemäß des Gebots Jesu, auch die andere Wange hinzuhalten, wenn man geschlagen wird, die Kriegshandlungen eingestellt hätte? Die Gegenreformation wäre sicherlich so erfolgreich gewesen, dass der Protestantismus in Deutschland einen sehr viel schwierigeren Stand gehabt hätte. Die Reformation hätte vielleicht nicht die weltweite Bedeutung bekommen, oder nur mit großer Verspätung. Durch den Westfälischen Frieden wurde Deutschland im 17. Jahrhundert zu einem Vorreiter in Sachen Religionsfreiheit.

Was muss das für ein Gefühl gewesen sein, als nach diesen vielen Jahren des Krieges, der ständigen Angst, von Söldnern überfallen zu werden, der Armut und der vielen Krankheiten, endlich ein Hoffnungsschimmer am Himmel auftauchte, als in Münster und Osnabrück Friedensverhandlungen aufgenommen wurde? Damit ist zugleich die Frage verbunden: Kann es wieder gelingen, in heutigen Konflikten religiös verfeindete Gruppen an einen Tisch zu bekommen, damit sie Frieden schließen? Dafür könnte der Westfälische Frieden ein Vorbild sein. „Über die verhängnisvollen Folgen unbedingter Wertbindung lässt sich anhand des Dreißigjährigen Krieges sehr viel lernen“, schreibt Herfried Münkler, „unter anderem auch, dass es ohne eine Abkehr davon zu keinem Friedensschluss gekommen wäre.“

Das Problem war die enge Verknüpfung von Politik und Religion zur damaligen Zeit. Was man glaubte, war nicht wie heute eine eher private Angelegenheit, sondern zugleich politische Stellungnahme. Der Vatikan finanzierte die habsburgischen Truppen mit. Der Vatikan begrüßte den Westfälischen Frieden keineswegs, vielmehr verurteilte er ihn. Und das ist der Stand bis heute, bisher gab es keinen Widerruf, keine der beiden Kirchen hat je eine öffentliche Buße ausgesprochen. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass der Vatikan seine Einstellung zum Westfälischen Frieden, der ein jahrelanges Sterben beendet hat, zu revidieren. Das nun beginnende Gedenken an den Dreißigjährigen Krieg wäre ein passender Anlass.

Von: Jörn Schumacher

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