Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz am Morgen nach dem Terroranschlag

Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz am Morgen nach dem Terroranschlag

Ein Jahr nach dem Terror: Mut statt Feigheit!

Vor einem Jahr ermordete ein Islamist in Berlin zwölf Menschen. Die Gesellschaft muss noch lernen, Furchtlosigkeit nicht mit Fatalismus zu verwechseln. Ein Kommentar von Moritz Breckner

„Fürchtet euch nicht“ stand in weißen Buchstaben auf den Betonpfeilern, die verhindern sollen, dass ein Terrorist mit einem Lastwagen auf die Kölner Domplatte gelangen kann. Eine Werbeagentur hatte die biblische Botschaft vergangene Woche dort angebracht. Die Künstler wollten mit der „geilen Botschaft vom Herrn Jesus Christus“ zum Nachdenken anregen, sagten sie der Bild-Zeitung. Das kam nicht gut an: Eine Sprecherin der Stadt bewertete die Aktion als „ziemlich geschmacklos" und verwies, wie auch zahlreiche negative Kommentare in den Sozialen Medien, auf den kurz bevorstehenden Jahrestag des Terroranschlags auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. Die Bibelzitate wurden von den Betonpollern entfernt.

Genau ein Jahr ist es her, dass der Terrorist Anis Amri einen Lastwagenfahrer ermordete und das Fahrzeug benutzte, um elf Besucher des Weihnachtsmarktes zu töten und viele weitere schwer zu verletzen. Ein islamistischer Terroranschlag mit vielen Opfern, mitten in der deutschen Hauptstadt, verübt von einem Mann, der während der Flüchtlingskrise 2015 als Asylbewerber ins Land kam. Über das unsägliche Versagen der Sicherheitsbehörden im Vorfeld wurde viel geschrieben, ebenso über die nicht minder beschämende Reaktion der Bundesregierung. Erst rund ein Jahr nach dem Anschlag traf sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Hinterbliebenen der Opfer – diese hatten zuvor in einem öffentlichen Brief das Verhalten der Kanzlerin scharf kritisiert und sie so unter Zugzwang gesetzt.

Die Mutter des ermordeten polnischen LKW-Fahrers geht noch einen Schritt weiter: „Ich möchte Frau Merkel sagen, dass sie das Blut meines Sohnes an ihren Händen hat“, wird sie von mehreren Medien zitiert. Das ist eine drastische Formulierung, die in Deutschland wahrscheinlich sofort in die rechte Ecke gestellt würde. Bestenfalls kann man sie auslegen als eine Umschreibung dessen, was man gemeinhin als politische Verantwortung bezeichnet. Dieser politischen Verantwortung – nicht für die Tat, aber für die Fehler, die zu ihr führten, muss sich die Regierung, muss sich Angela Merkel stellen. Und erst recht für die Fehler, die hinterher im Umgang damit gemacht wurden.

Den Kopf nicht in den Sand stecken

Die Deutschen reagierten auf den Anschlag anders, als es Menschen in anderen Ländern nach ähnlichen Ereignissen taten. Der Patriotismus vieler Amerikaner und Franzosen etwa, der gerade nach einem Angriff auf das eigene Land hervortritt, ist ihnen fremd – undenkbar etwa, dass nach einem solchen Terrorakt bundesweit die WM-Fähnchen fürs Auto hervorgekramt werden, um die schwarz-rot-goldene Flagge zu zeigen.

Der Journalist Peter Huth beschreibt in der Zeitung die Welt, wie gelassen Berlin auf den Anschlag reagierte. „Das war gar kein Zynismus und auch kein vermeintlich typischer Berliner Mangel an Empathie, sondern er war ein Schutzschild. Der Terror, der so nah war, wurde so weit weggeschoben“, erklärt er. „Sonst wäre alles nur noch Angst gewesen. Und die Angst wäre der Sieg des Anis Amri gewesen. Den hat er nicht bekommen.“

Leider greift das zu kurz. Anis Amris Ziel war es, viele Menschen zu töten, und dieses Ziel hat er erreicht. Natürlich ist allgemeine Panik keine gute Reaktion auf den Terror, doch das „Wegschieben“ der Gefahr aus unserem Bewusstsein ist es ebenfalls nicht. „Fürchtet euch nicht“ ist eine gute, eine christliche Haltung, die dem Einzelnen hilft, an den Unwägbarkeiten des Lebens nicht zu verzweifeln, sondern inneren Frieden zu finden. „Fürchtet euch nicht“ ist aber keine Anweisung für die Gesellschaft, den Kopf in den Sand zu stecken, um einem unangenehmen Thema zu entgehen. Genau das nämlich wäre feige. Nach dem Terror schulterzuckend weiterzumachen wie bisher, als handele es sich bei dem Mord an zwölf Menschen um etwas Unerfreuliches wie Regenwetter, das ist kein Mut, sondern Fatalismus.

Immer mehr Volksfeste und öffentliche Plätze einzuzäunen und mit Betonklötzen zu versehen, reicht als Reaktion nicht aus. Die Toten und Verletzten des Anschlags und ihre Angehörigen verdienen einen Untersuchungsausschuss zu Anis Amri im Bundestag, wie es ihn offenbar demnächst endlich geben soll. Sie verdienen echte Konsequenzen in der Migrationspolitik – zum Beispiel muss es möglich werden, mehrfach straffällige Migranten wie Amri abzuschieben. Und sie verdienen eine Politik und Gesellschaft, die Anteil nehmen, statt sich – wie leider in den Monaten nach dem Anschlag zu oft geschehen – peinlich berührt abzuwenden.

Von: Moritz Breckner

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