Blick in den Himmel durch die Kuppel des Reichstagsgebäudes

Blick in den Himmel durch die Kuppel des Reichstagsgebäudes

So wahr ihnen Gott helfe

Am Dienstag haben Abgeordnete aller Fraktionen gemeinsam einen Gottesdienst in Berlin gefeiert. Damit haben sie sich und Deutschland daran erinnert, dass auch Politiker allen Grund dazu haben, demütig zu sein. Ein Kommentar von Anna Lutz

Demut ist ein Wort, das in der politischen Debatte wenig Raum hat. Durchsetzungsvermögen, Wortgewandtheit, Selbstbewusstsein – das sind die Währungen, die etwas zählen in Berlin. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Abgeordneten des Deutschen Bundestages ihrem ersten Arbeitstag regelmäßig den Besuch eines gemeinsamen Gottesdienstes vorrausschicken. Wie nach jeder Bundestagswahl folgten auch dieses Mal viele der Abgeordneten der Einladung durch die evangelische und katholische Kirche: Die prominenten Gesichter von der AfD bis hin zur Linken füllten die Reihen der Französischen Friedrichstadtkirche, sangen, beteten und lauschten einem Bibelwort.

Eine solch demonstrative Einigkeit ist keineswegs selbstverständlich. Bereits vor dem ersten Arbeitstag des Parlaments stritten die Mandatsträger über Sitzordnungen, Bundestags- und Vizepräsidenten sowie die Bestimmung des Alterspräsidenten. So viel politische Entzweiung war selten, so viel politische Vielfalt im deutschen Parlament ebenfalls. Es ist von besonderem Wert, dass Vertreter von AfD, FDP, Grünen, Linken und Union sich gemeinsam erheben, um ein Vaterunser zu beten oder sich gegenseitig den Frieden Gottes zuzusprechen, wie es am Dienstag geschah.

Politiker gestehen: Ich bin fehlbar

Einerseits weil es zeigt, dass die Parlamentarier ihre eigene nicht als der Weisheit letzter Schluss betrachten. Viele der heutigen Politpromis, von Andrea Nahles bis Frauke Petry, bezeichnen sich als gläubig und sehen sich als Gott verpflichtet an. Doch auch die, die nicht offensiv mit ihrem Glauben umgehen oder vielleicht gar keinen haben, gestehen mit dem Besuch eines Gottesdienstes ihre Fehlbarkeit ein, wenn sie die Worte sprechen: „Unser tägliches Brot gib' uns heute und vergib' uns unsere Schuld.“ Sie besinnen sich darauf, dass sie nicht alles in der Hand haben.

Wer gemeinsam mit anderen das Haupt zum Gebet senkt oder die Stimme zum Gesang von Kirchenliedern erhebt, macht Ungleiches für einen Moment demonstrativ gleich. Wenn Alice Weidel neben Andrea Nahles eine Predigt verfolgt, in der der katholische Prälat Karl Jüsten dazu aufruft, demokratische Tugenden zu leben, wahrhaftig und den Menschen zugewandt zu sein, dann besteht fürwahr Hoffnung darauf, dass es doch eine Gemeinsamkeit gibt zwischen den politischen Lagern. Die liegt nicht in der Flüchtlings- oder Europolitik. Aber hoffentlich im menschenwürdigen und fairen Umgang miteinander, in der Demut vor Gott und Werten, die über das Ego hinausgehen. Gottesdienste erinnern daran, dass es eine höhere Instanz gibt als Kanzlerin, Bundespräsident und Fraktionschef – sogar in Berlin.

Anna Lutz

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