Wittenberg war in den vergangenen Wochen zumindest für die Evangelische Kirche in Deutschland das Zentrum der Welt. Aber was bleibt von der 20 Millionen Euro teuren Weltausstellung Reformation?

Wittenberg war in den vergangenen Wochen zumindest für die Evangelische Kirche in Deutschland das Zentrum der Welt. Aber was bleibt von der 20 Millionen Euro teuren Weltausstellung Reformation?

War die Weltausstellung Reformation ein Erfolg?

Mit ihrer Weltausstellung zu 500 Jahren Reformation wollte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Hunderttausende Menschen begeistern. Konnte das gelingen? Zwei pro-Autoren ziehen unterschiedliche Bilanzen.

Die Kirche hat Mut bewiesen (Von Norbert Schäfer)

Nach 16 Wochen ist die Weltausstellung zu 500 Jahren Reformation in Wittenberg zu Ende gegangen. Seit dem Start im Mai haben rund 300.000 Menschen die Ausstellung am einstigen Wirkungsort des Reformators besucht, mehr als 500.000 Menschen hat es nach offiziellen Angaben in die Stadt gezogen. Die Ausstellung, die etwa 20 Millionen Euro gekostet hat, blieb - wenigstens, was die Besucher angeht - hinter den Erwartungen zurück. Dafür erntet die EKD, vorneweg ihre Reformationsbotschafterin Margot Käßmann, Kritik. Das Reformationsjubiläum sei gescheitert, heißt es, die hochgesteckten Ziele nicht erreicht worden.

Ein Kritikpunkt sind die Kosten. Nach Angaben der Wochenzeitung Die Zeit haben die Veranstalter mit 50 Millionen Euro für das komplette Reformationsjubiläum kalkuliert. Davon entfallen mehr als 20 Millionen auf die Weltausstellung in Wittenberg mit ihren rund 2.000 Veranstaltungen in vier Monaten. Das sei viel zu viel Geld. Zum Vergleich: Die documenta 14, die weltgrößte Kunstausstellung für moderne Kunst, die an 100 Tagen in Kassel zu sehen ist, wird Medienberichten zufolge rund 34 Millionen Euro kosten. Eine Insolvenz dieses Veranstalters konnte zwischenzeitlich nur abgewendet werden, weil das Land Hessen und die Stadt Kassel eine Millionen-Bürgschaft übernahmen. Ob beim Reformationsjubiläum ein Defizit bleibt, wird sich zeigen. Mit der Weltausstellung in Wittenberg haben die Kirchen jedenfalls gezeigt, dass sie Großveranstaltungen im Griff haben und dazu bereit sind, neue Konzepte wie die Weltausstellung zu versuchen, die durchaus mit Risiken behaftet sind. Das ist anerkennungswürdig, weil mutig und innovativ.

Kunst wohin das Auge blickt: Eine Installation zum Thema Flüchtlinge war Teil der Ausstellung in Wittenberg.

Kunst wohin das Auge blickt: Eine Installation zum Thema Flüchtlinge war Teil der Ausstellung in Wittenberg.

Ob die Angebote in Wittenberg und insgesamt zum Reformationsjubiläum die Menschen erreichen konnten oder nicht, lässt sich nur schwer sagen. Vor allem Kunst liegt im Auge des Betrachters. Davon gab es in Wittenberg viel. Tatsache ist, dass tausende Konfirmanden im Camp auf der Weltausstellung, mit dem Thema und dessen künstlerischer Ausgestaltung in Berührung gekommen sind. Die Kirche hat ihre Chance ergriffen und ist mit einem neuen, künstlerischen Projekt an das Thema Reformation herangegangen. Die Sünde der Unterlassung ist der Kirche nicht vorzuwerfen.

Das Reformationsjubiläum darf auch als umfassende Image-Kampagne der EKD verstanden werden. Und die ist gelungen. Das Thema Reformation ist über Monate ausgiebig in allen Medien bearbeitet worden. Dabei haben sich vor allem der tote Martin Luther und die quicklebendige Reformationsbotschafterin Margot Käßmann regelrecht den Ruf von Influencern in Sachen Glaube, Bildung und Beharrlichkeit erarbeitet. Die Kritik einiger Theologen, man habe es versäumt in protestantischer Manier ausgiebig über Luther und die Reformation zu streiten und zu diskutieren, ist kaum nachvollziehbar. Zeit dazu hatten alle - ziemlich genau 500 Jahre.

Ob die Welt am Ende besser darüber informiert ist, wer denn Martin Luther war und welche Bedeutung die Reformation hatte, bleibt offen. Die Chance, es herauszufinden war jedenfalls gegeben. Was bleibt sind die ewig nörgelnden Besserwisser, die entgegen den Landeskirchen und den Kirchengemeinden vor Ort wenig Konstruktives auf die Beine gestellt haben.

Luther wäre enttäuscht (Von Anna Lutz)

„Was bleibt vom Lutherjahr?“, hat die Wochenzeitung Zeit Reformationsbotschafterin Margot Käßmann zum Abschluss der Weltausstellung in Wittenberg gefragt. Im Gepäck hatten die Journalisten beeindruckende Zahlen: 50 Millionen Euro seien für die Veranstaltungen zum Lutherjahr einkalkuliert gewesen, 500.000 Besucher allein in Wittenberg erwartet worden, nur 300.000 letztendlich aber erschienen. Dass das große Lutherfest den Erwartungen der Evangelischen Kirche nicht gerecht werden würde, war schon seit Wochen abzusehen. Nun winden sich die Verantwortlichen, verweisen auf die Inhalte und betonen, Zahlen spielten keine Rolle, die Begegnungen vor Ort seien entscheidend gewesen. Und das, obwohl sie selbst die 500.000 in die Welt gesetzt haben. Zur Erinnerung: Allein die Weltausstellung hat Steuerzahler, Kirche und Sponsoren rund 20 Millionen Euro gekostet. In Zeiten sinkender Kirchenmitgliedszahlen (und damit langfristig auch sinkender Einnahmen) so zu tun, als sei das nicht so wichtig, ist eine billige beziehungsweise teure Ausrede dafür, dass die über Jahre erdachten Konzepte der Protestanten die eigenen Erwartungen nicht erfüllt haben.

Bleibt die Frage, was vom Lutherjahr bleibt, außer schaurigen Zahlenspielen. Unbestritten war das 360-Grad-Lutherpanorama sehenswert und vermittelte auch Kirchenfernen ein Gefühl für die Reformation. Angebote wie der Erlebnisraum Taufe oder auch der umstrittene Segensroboter haben die Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben und dessen theologischen Inhalten zweifelsohne gefördert. Insgesamt aber litt die Schau an einer Krankheit, die die Evangelische Kirche im Lutherjahr stärker denn je heimgesucht hat: Die Abstrahitis.

Ein Roboter, der Segen sprechen kann, war auch Teil der Ausstellung und wurde in den Medien heiß diskutiert.

Ein Roboter, der Segen sprechen kann, war auch Teil der Ausstellung und wurde in den Medien heiß diskutiert.

Es scheint kaum möglich, Luthers Lehren stärker zu abstrahieren als es die Verantwortlichen in Wittenberg taten. In einem Luthergarten sollten in Gedenken des Reformators gepflanzte Bäume vor sich hin wachsen, ein technisch spannend ausgeklügelter aber inhaltlich schwer nachzuvollziehender Himmelsgarten ließ Grünzeug in mehreren Metern Höhe sprießen. Flüchtlingsboote, Seelsorgeriesenrad, sprechende Regenschirme und beleuchtete Wunschzettel in luftigen Höhen – das alles war für die Evangelische Kirche in diesem Jahr Luther. Wer bitte soll das verstehen?

Vielleicht hat sich nie so deutlich wie 2017 die Kluft zwischen Kirche und Otto-Normal-Bürger gezeigt. Ein künstlerisch und intellektuell anspruchsvolles Programm mag einem Großteil der Evangelischen Kirche selbst gefallen und ihren Inhalten entsprechen. Ein durchschnittlicher Zu-Weihnachten-Kirchgänger mit mäßigem Interesse an Theologie aber dürfte bei einem Großteil der Angebote in Wittenberg aber aufgeschmissen gewesen sein. Wenn es den Veranstaltern also darum ging, Gleichgesinnte zu bespaßen, dann hat das möglicherweise funktioniert. Die Brücke zu jenen, die Kirchenschwellen maximal zu touristischen Zwecken überschreiten, haben sie nicht schlagen können. Luther wäre enttäuscht. (pro)

Von: nob/al

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