Der israelische Schriftsteller Shahak Shapira posiert selbstironisch vor der englischsprachigen Beschimpfung „Jüdischer Abschaum“ bei der Twitter-Zentrale in Hamburg

Der israelische Schriftsteller Shahak Shapira posiert selbstironisch vor der englischsprachigen Beschimpfung „Jüdischer Abschaum“ bei der Twitter-Zentrale in Hamburg

Wegschauen hilft bei antisemitischen Hasskommentaren nicht

Der israelische Schriftsteller Shahak Shapira hat vor die Twitter-Zentrale in Hamburg antisemitische Kommentare gesprayt. Er trifft damit zu Recht einen wunden Punkt des sozialen Netzwerkes. Ein Kommentar von Michael Müller

„Sone Leute wie dich sollte man vergasen du Missgeburt!“ Was würden Sie denken, wenn vor Ihrer Haustür dieser Satz auf die Straße gesprayt stände? Oder dieser Satz: „Lass mal wieder zusammen Juden vergasen. Die Zeiten damals waren schön.“ Das wäre nichts, was auch nur kurz dort stehen bleiben sollte, oder? Diese Aussagen sind antisemitisch und menschenverachtend. Sie standen auf der Straße vor der deutschen Twitter-Zentrale in Hamburg. Dorthin gesprayt hat sie – mit Hilfe von Unterstützern – der israelische Schriftsteller Shahak Shapira, der in Deutschland lebt.

Die Nacht-und-Nebel-Aktion, zu der sich Shapira am Montag bekannte, macht auf originelle Weise auf die Missstände aufmerksam, die sich in sozialen Netzwerken wie Twitter abspielen. Denn dort sind die Hasskommentare, die der Schriftsteller auf die Straße schrieb, ursprünglich erschienen. In einem Video erklärt Shapira, er habe in den vergangenen sechs Monaten 300 antisemitische, homophobe, ausländer- oder frauenfeindliche Tweets gemeldet. In den spärlichen Reaktionen von Twitter habe es stets geheißen, dass kein Verstoß gegen die Regeln vorliege.

Wenn Twitter sich weigert, ist Zivilcourage gefragt

Shapiras Hintergedanke beim Sprayen der 30 ausgewählten Tweets in Hamburg war, dass die Mitarbeiter von Twitter zur Arbeit kommen und die Hasskommentare sehen müssen, die sie ansonsten ignorieren. Seine Graffiti sind abwaschbar, die Anfeindungen im Internet dagegen können tiefere Spuren hinterlassen. Wenn sich Twitter weigert, solche Aussagen zu löschen, müssen die Nutzer aktiv werden und sich mit Zivilcourage gegen Hasskommentare zur Wehr setzen.

Viele Menschen bewegen sich heutzutage selbstverständlich im Internet und tauschen sich über dortige Kommunikationskanäle aus. Bildlich vorgestellt, sind diese Kanäle einem Straßennetz nicht unähnlich. Allerdings: Hetze auf der Straße lässt sich vergleichsweise leicht wegputzen. Mit verbalem Müll über die Sozialen Medien ist es nicht so leicht. Im Fall von Twitter kann nur die Firma selbst Posts auf ihrer Plattform löschen. Nutzer können, so Twitter, andere Accounts selbstständig stummschalten oder blockieren. Selbstschutz vor dem verbalen Dreck ist also möglich. Das hieße auf der Straße: Ich vermeide den zugemüllten Weg und wähle einen anderen. Dadurch sind die Schmierereien aber immer noch da, selbst wenn ich nicht gezwungen werde, sie mir anzuschauen. Diese Option darf aber nicht mal eine kurzfristige Notlösung sein.

Es besteht die Gefahr, dass Internetkonzerne eine Deutungshoheit in Diskussionen bekämen, die ihnen nicht zusteht, wenn sie im großen Maße Beiträge im Internet löschen. Auch Bundesjustizminister Heiko Maas schaltete sich bei der Aktion von Shapira ein und verwies darauf, dass nur ein Prozent der von Nutzern gemeldeten Hasskriminalität auf Twitter gelöscht werde. Tatsächlich ist es nicht die Aufgabe von Twitter, durch penetrantes Eingreifen Diskussionen zu beeinflussen. Aber das Unternehmen sollte verantwortungsvoller auf seine Nutzer achten. Es gibt einfach Aussagen, die man weder im Netz, noch auf der Straße unwidersprochen stehen lassen darf. (pro)

Von: mm

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