Normalerweise schlendern Touristen über die Marmorböden der Hagia Sophia – jetzt wurde sie seit Langem wieder als Moschee genutzt
Normalerweise schlendern Touristen über die Marmorböden der Hagia Sophia – jetzt wurde sie seit Langem wieder als Moschee genutzt
900 Jahre lang galt die um das Jahr 530 erbaute byzantinische Reichskirche im damaligen Konstantinopel als größte und bedeutendste Kirche der Welt
900 Jahre lang galt die um das Jahr 530 erbaute byzantinische Reichskirche im damaligen Konstantinopel als größte und bedeutendste Kirche der Welt

Hagia Sophia: Sehnsuchtsort gegen die Säkularisierung

Im Fastenmonat Ramadan hat das türkische Staatsfernsehen muslimische Gottesdienste aus der Hagia Sophia übertragen. Eigentlich ist das Beten in der einst christlichen Kirche untersagt. Wohin steuert die Türkei? Eine Analyse von Michael Müller

In der Hagia Sophia darf eigentlich gar nicht mehr gebetet werden. Das beliebte Touristenziel in Istanbul, das einst eine christliche Kirche und dann eine Moschee war, ist heutzutage ein Museum. Trotzdem waren während des Fastenmonats Ramadan dort täglich muslimische Geistliche anzutreffen, die den Koran zitierten und zum Gebet aufriefen. Das türkische Staatsfernsehen übertrug die nächtlichen Gottesdienste live, die regierungsnahen Medien feierten diesen „historischen Moment“, während die Auslandspresse den Kopf schüttelte und zu einem „respektvollen Umgang mit der Geschichte des Ortes“ aufrief. Auch der Vorsitzende des Stephanuskreises der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Heribert Hirte, hatte die Entscheidung im Vorfeld als Provokation kritisiert.

900 Jahre lang galt die um das Jahr 530 erbaute byzantinische Reichskirche im damaligen Konstantinopel als größte und bedeutendste Kirche der Welt, bis der Petersdom in Rom fertiggestellt war. Hier ließen sich die Kaiser des byzantinischen Reiches krönen. Aus dem Griechischen übersetzt heißt sie „Heilige Weisheit“. Die Osmanen funktionierten die Kirche nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 in eine Moschee um.

Der Gründer des modernen türkischen Staates, Mustafa Kemal Atatürk, wiederum ließ die Hagia Sophia in ein Museum umwandeln. Damit versuchte Atatürk, vier Jahre vor seinem Tod, das Kirchengebäude nicht nur religiös, sondern auch politisch zu entladen. Atatürk, der das Sultanat und das Kalifat in der Türkei abschaffte, die Trennung von Staat und Religion durchsetzte und sein Land in die Moderne aufbrechen ließ, wollte sein Land westwärts verorten.

Erdoğan schweigt

Heute dient die Hagia Sophia vor allem konservativen Kreisen in der Türkei als Sehnsuchtsort. Sie steht als Symbol für die Eroberung Konstantinopels durch das Byzantinische Reich, das es zurückzuerobern gilt. Die Debatte um die Bedeutung des Ortes ist immer noch hochemotional aufgeladen. Das lässt sich zum Beispiel an den Äußerungen des Abgeordneten der Regierungspartei, Samil Tayyar, ablesen. Der bezeichnete nämlich die aktuellen muslimischen Gottesdienste in der Hagia Sophia als „Vergeltung für die Armenien-Lüge des deutschen Bundestages“.

Es ist offenbar eine Sehnsucht, die eine Gruppe der türkischen Bevölkerung mit der Regierung teilt: Die Regierungspartei AKP hat sogar mehrere Gesetzesentwürfe ins Parlament eingebracht, nach denen die Hagia Sophia wieder als Moschee genutzt werden soll. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan schweigt aktuell zu diesem Politikum. Beobachter glauben, er wolle es sich nicht mit dem Westen verscherzen.

Doch der Weg der Türkei unter Erdoğan ist mit der Abschaffung des Kopftuchverbots im Staatsdienst sowie dem Aufblühen islamischer Schulen zu erkennen. An mehreren Orten des Landes werden alte christliche Klöster und Kirchen mehr und mehr in Moscheen verwandelt. Erdoğan führt die türkische Gesellschaft eher weg von der mühsam errungenen Säkularisierung – und hin zu einem Staat, in dem der Islam eine immer stärker prägende Rolle einnimmt. Die islamischen Gottesdienste in der Hagia Sophia sind mehr als nur ein Symbol dafür. (pro)

Von: mm

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