In der ARD-Sendung "Mission unter falscher Flagge" erhoben ARD-Journalisten Anschuldigungen gegen evangelikale Christen
In der ARD-Sendung "Mission unter falscher Flagge" erhoben ARD-Journalisten Anschuldigungen gegen evangelikale Christen

Qualität dringend gesucht

Was die Evangelikalen aus der Fernsehsendung „Mission unter falscher Flagge“ lernen können. Ein Gastkommentar von Benjamin Lassiwe

Wieder einmal beschäftigt sich eine Sendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit evangelikalen und charismatischen Gemeinden. Unter dem Titel „Mission unter falscher Flagge“ erhoben ARD-Journalisten schwere Anschuldigungen: Machtmissbrauch und falsche Heilungsversprechen, Manipulation von Gläubigen. Und wieder einmal reagieren die Evangelikalen mit harscher Kritik an angeblich undifferenzierter Berichterstattung, an Sensationslust und journalistischen Kardinalfehlern.

Die Sendung ist gerade einmal ein paar Tage alt. Einem Außenstehenden, der selbst nicht dem Kern der evangelikalen Szene angehört, fällt es nach solch kurzer Zeit schwer, zu beurteilen, welche Vorwürfe stimmen, und welche nicht. Er muss sich auf Beteiligte verlassen: Auf den Bericht der ARD-Journalisten und die komplett gegensätzlichen Stellungnahmen der beteiligten Gemeinden und Werke. Die Journalisten erheben Vorwürfe, die Gemeinden und Werke dementieren sie. Was Aufklärungsbedarf hinterlässt. Denn Tatsache ist: In Deutschland gibt es geistlichen Missbrauch – wie in jedem anderen mit christlichen Gemeinden gesegneten Land der Welt. Schwarze Schafe gibt es überall, außer in der Ewigkeit. Die unerlöste Welt ist nicht perfekt. Und gerade dem Missbrauch ist es eigen, dass er in der Regel von Pastoren und Gemeindeleitungen ausgeübt wird. Nun aber stammen alle vorliegenden Stellungnahmen genau von den Pastoren und Gemeindeleitern, die in der Fernsehsendung angegriffen werden. Aussage steht damit gegen Aussage.

Zudem ist auffällig, dass es nicht nur immer wieder dieselben Journalisten sind, die dergleichen Sendungen erstellen, sondern auch immer wieder dieselben Gemeinden, die in den Focus der Medien geraten: Die Tübinger offensive Stadtmission, die sich heute TOS-Gemeinde nennt, die Freie Christliche Jugendgemeinschaft Lüdenscheid von Walter Heidenreich, die Biblische Glaubensgemeinde Stuttgart, heute unter dem Namen Gospel-Forum bekannt. Deswegen ist es geboten, dass die Deutsche Evangelische Allianz die Vorwürfe des Fernsehbeitrags untersuchen lässt, wie es ihr Vorsitzender Michael Diener ja bereits ankündigte. Bislang allerdings stehen nur Stellungnahmen der betroffenen Gemeindeleitungen unkommentiert auf der Allianz-Homepage. Und das reicht so nicht. Denn damit steht weiter nur Aussage gegen Aussage. Nötig wäre die Untersuchung durch ein unabhängiges Expertenteam – denn die Kritik an der eigenen Szene sollte von den Evangelikalen mindestens ebenso ernst genommen werden, wie die selbst geäußerte Kritik an Anderen, was Spätabtreibungen, Homo-Ehen und Gender-Mainstreaming betrifft. Und das gilt auch, was den zeitlichen und personellen Aufwand betrifft, den man einsetzt, um die angeblichen Missstände zu untersuchen, und wenn nötig, zu beheben. Sonst wird irgendwann wieder die Rede vom Splitter im Auge der Anderen und dem Brett vor dem eigenen Kopf sein ...

Gegen geistlichen Missbrauch

Ohnehin brauchen Deutschlands Evangelikale dringend eine Qualitätsdiskussion. Bevor der nächste Fernsehfilm oder das nächste kritische Buch erscheint, sollte man sich darauf verständigen, was eigentlich eine „gute evangelikale Gemeinde“ ist. Man sollte sich darauf verständigen, was „evangelikal“ bedeutet, und welche Phänomene eher auf fundamentalistisches Sektierertum, denn auf eine seriös arbeitende evangelikale Gemeinde hindeuten. Und die Kriterien dabei möglichst eng anlegen. Denn wie Peter Hahne richtig sagt: „Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht.“ Das gilt auch für die Deutsche Evangelische Allianz. Offiziell nämlich ist sie nur ein bloßes Netzwerk von Einzelpersonen, dessen Vorstand sich durch Kooptation selbst ergänzt. Inoffiziell schreiben Gemeinden auf ihren Homepages davon, dass sie „Mitglied in der Deutschen Evangelischen Allianz“ sind, und vielerorts sind die Allianzen mittlerweile vereinsrechtlich organisiert. Das lässt der Bundes-Allianz und ihrem Hauptvorstand im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Die erste wäre, dass sie sich davon distanziert, dass Gemeinden die Zusammenarbeit mit der Allianz als Beleg für die eigene Seriosität anführen und sich Ortsallianzen als Vereine organisieren. Damit aber wäre nur das Problem an die Gemeindebasis verschoben. Geholfen wäre so niemandem, außer vielleicht dem Allianzvorstand. Die zweite wäre, dass sie klare Kriterien schafft, unter welchen Bedingungen eine Gemeinde in der Allianz mitarbeiten kann, und sich somit daran macht, die längst an die Medien verlorene Deutungshoheit über den Begriff „evangelikal“ zurückzugewinnen.

Dazu sollte die Allianz einen Teil ihrer Arbeitskraft in die Felder der Gemeindeberatung und der Apologetik stecken. Ein unabhängiger Beauftragter, bei dem Gemeindeglieder auch anonym Fälle von sexuellem und geistlichen Missbrauch ansprechen können, wäre eine gute Idee. Denn es geht darum, diese Dinge frühzeitig abzustellen. Und zwar nicht, um sie zu vertuschen, oder um weitere Filme zu verhindern. Es geht darum, die eigene Verantwortung dafür wahrzunehmen, vor der sich die Deutsche Evangelische Allianz irgendwann nicht mehr drücken können wird – zumindest dafür sorgen Filme wie „Mission unter falscher Flagge“ am Ende dann doch. (pro)

Von: Benjamin Lassiwe

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