Homosexualität war eigentlich kein Thema auf dem Christustag. Leitleins Beitrag vermittelt etwas anderes
Homosexualität war eigentlich kein Thema auf dem Christustag. Leitleins Beitrag vermittelt etwas anderes

Durch die Lupe der Homosexualität

„Der Aufstand ist ein Flop“, schreibt Christ & Welt-Autor Hannes Leitlein über die Initiative „Zeit zum Aufstehen“. Die wurde beim Christustag in der vergangenen Woche vor rund 20.000 Besuchern vorgestellt. Mit seinem Beitrag provoziert er, befeuert aber genau das, was er kritisiert: eine Überbetonung der Homosexualitäts-Thematik. Ein Kommentar von Stefanie Ramsperger

„Die so harmonisch scheinende Bewegung“, gemeint sind die Evangelikalen, also diejenigen Christen, die die Bibel besonders ernst nehmen wollen, sei „gespalten, seitdem Homosexualität nicht mehr von allen geächtet wird.“ Das schreibt Christ & Welt-Autor Hannes Leitlein in seinem gut recherchierten, aber mit vielen Mutmaßungen garnierten Beitrag „Die Hände zum Himmel“. So nimmt er beispielsweise an, wer die Initiative „Zeit zum Aufstehen“ nicht unterschrieben hätte, könne sie nicht mittragen. Und das, so suggeriert der Beitrag, wegen angeblich darin enthaltener Bezüge, die Homosexuelle ausgrenzen könnten. Ebenso spekulativ ist, dass der Autor die einzige Frau unter den Initiatoren, Gudrun Lindner, als „Alibi-Frau“ abtut. Nötig wäre das nicht.

Eigentlich geht es in dem Artikel um den Christustag, zu dem in der vergangenen Woche rund 20.000 Menschen nach Stuttgart gekommen waren. Wer den Christustag besucht hat, weiß, dass Homosexualität dort nicht thematisiert wurde. Die Veranstalter haben sich bemüht, dem Zentrum des Glaubens in Luthers Sinne nahezukommen: Allein der Glaube, allein die Schrift, allein Gnade, allein Christus.

Wohl aber wurde die Initiative „Zeit zum Aufstehen“ vorgestellt. Wie Leitlein schreibt, offenbar eine Aktion, die in den Augen mancher zu einer „Spaltung“ beitrage. So steht dort zu lesen „Der Mensch ist als Mann und Frau geschaffen; dieses Gegenüber ist Gottes gute Schöpfungsgabe“. Diese fünfte These der Initiative ist es wohl, an der Kritiker Anstoß nehmen. Leitlein zitiert Michael Diener, den Allianzvorsitzenden, dazu: „Wenn man Diskriminierung heute schon wittert, wo man sich für etwas Bestimmtes positioniert, dann wird unser Impuls von Menschen natürlich auch als diskriminierend empfunden.“ Die Spur all jener, die das Bekenntnis der Initiatoren zur Ehe abstößt, nimmt Leitlein auf.

„Nur“ rund 8.000 Menschen haben die Initiative unterschrieben, und längst nicht alle Mitglieder des Hauptvorstandes der Evangelischen Allianz haben ihren Namen darunter gesetzt. Mit beiden Feststellungen hat Leitlein recht, nicht aber mit seiner Schlussfolgerung, die Initiative sei ein „Flop“, weil sie viele „nicht mittragen“ könnten.

Wer in einer Fußgängerzone Unterschriften gegen Atomwaffen sammelt, wird nur einen geringen Prozentsatz derer, die an ihm vorbeigehen, zu einer Unterschrift bewegen können. Daraus den Umkehrschluss zu ziehen, dass wohl alle anderen dafür sein müssen, wäre schlicht unvernünftig. So ähnlich argumentiert Leitlein: Wer nicht unterschreibt, muss automatisch dagegen sein. Irrtum. Er könnte sich auch einfach prinzipiell nicht an Unterschriftenaktionen beteiligen wollen oder aus anderen Gründen seinen Namen nicht unter die Aktion gesetzt haben.

Auch die Argumentation über den Hauptvorstand der Evangelischen Allianz überzeugt nicht. So stellt Leitlein den Bundestagsabgeordneten Frank Heinrich so dar, als habe der „Pluralismus-Pionier“ den Impuls wegen seiner positiven Haltung zur Homosexualität anderer nicht unterzeichnet. Gegenüber pro sagt Heinrich: „Ich unterstütze die Bewegung. Die Initiative nicht zu unterschreiben heißt nicht, dass ich sie ablehne.“ Er fände es „toll“, wenn ein Ruck durch die Kirchen Deutschlands gehe, „auch ausgelöst durch eine solche Kampagne“.

Auch Wolfgang Baake, der als Beauftragter für die Allianz am Bundestag arbeitet, hat die Initiative nicht unterschrieben. Inhaltlich habe er aber nichts daran auszusetzen, sagt er, und, nein, mit der Frage der Homosexualität habe seine fehlende Unterschrift überhaupt nichts zu tun: „Ich würde heute unterschreiben.“

Homosexualität: Dauerbrenner der zweiten Reihe

Womit Leitlein aber zweifellos recht hat, ist, dass das Thema Homosexualität in der öffentlichen Debatte überbetont wird. Wer einen Blick in die Bibel wagt, wird leicht feststellen, dass Jesus selbst andere Themen hatte, die ihm viel wichtiger waren als die sexuelle Ausrichtung der Menschen um ihn herum. Richtig ist auch, dass im Hauptvorstand der Allianz nicht alle einer Meinung sind, was das Thema angeht. Darin aber eine Spaltung der ganzen Bewegung sehen zu wollen, geht zu weit. „Ich erlebe uns in einem guten Diskussionsprozess, der doch eher für die Breite der Bewegung steht und nicht in einer angespannten Auseinandersetzung, die uns zu zerreißen droht“, sagt Heinrich.

Leitlein schreibt: „Mit Akzeptanz oder gar Toleranz gegenüber Homosexuellen“ würden die Verantwortlichen „die letzte Bastion der Evangelikalen aufgeben“. Ohne Überspitzung kein Lesespaß, soweit klar. Trotzdem schießt der Autor übers Ziel hinaus, wenn er die Frommen über ihre Kontroverse zur Homosexualität definiert. Sie selbst definieren sich über ihre persönliche Beziehung zu Jesus Christus, die sich in Gebeten, Bibellesen, einem aktiven Gemeindeleben und – optimalerweise – einem liebevollen Lebensstil ausdrückt.

Gerade der Christustag hat deutlich gemacht, dass sich die Verantwortlichen zu Glaube, Schrift, Gnade und Christus als „letzte Bastion“ bekennen wollen. Und eben nicht nur auf ein Gefecht in der zweiten Reihe festgenagelt werden wollen. (pro)

Von: StR

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