Religionsunterricht wird zum Erprobungsfeld pädagogischer und politisch legitimierter Konzepte
Religionsunterricht wird zum Erprobungsfeld pädagogischer und politisch legitimierter Konzepte

Das Risiko mit dem Reli-Unterricht

Religionsunterricht von muslimischen Lehrern stellt Eltern und Kirche vor neue Aufgaben. Ein Gastkommentar von Edgar Sebastian Hasse

Chemie- und Physikunterricht sind bislang die klassischen Orte für schulische Experimente. Nun aber wird Religion zum Erprobungsfeld neuer pädagogischer und politisch legitimierter Konzepte. Künftig sollen nicht mehr nur evangelische, sondern zusätzlich muslimische Lehrkräfte an den öffentlichen Schulen in Hamburg das Fach Religion gleichberechtigt unterrichten.

Was gleichsam „von oben“ verordnet wird, hat bedeutende Konsequenzen für Schüler, Eltern und die evangelische Kirche. Wer als Vater und Mutter vom neuen schulischen Religionsunterricht erwartet, dass sein Kind eine breite interreligiöse Bildung und ein Höchstmaß an Toleranzerziehung erfährt, dürfte das neue Modell weitgehend begrüßen.

Reduziertes christliches Basiswissen

Wer als christlich geprägte Familie freilich darauf vertraut, dass die Kinder eine vertiefte Kenntnis insbesondere der eigenen Religion erhalten, wird seine berechtigten Zweifel haben. Vor allem diese Eltern sollten sich Gedanken darüber machen, wie die zu erwartende Reduktion christlichen Basiswissens kompensiert werden könnte. Schon jetzt ist klar: Der Lehrplan eröffnet zwar einen breiten Horizont der Lebens- und Weltdeutung – mal aus jüdischer, mal aus muslimischer und christlicher Perspektive. Aber schon aus zeitlichen Gründen muss die evangelische Seite das Gewicht ihres Bildungspakets reduzieren, und darüber hinaus im Regelfall auch auf die Sachkenntnis der Religionslehrer nicht christlicher Herkunft vertrauen.

Den evangelisch interessierten Eltern ist daher schon jetzt zu raten, bei der christlichen Bildung und Erziehung ihres Nachwuchses nicht mehr nur auf das Fach Reli zu vertrauen. Eltern und Kirchengemeinden stehen mehr als bisher in der Verantwortung, das Einmaleins des Protestantismus in eigener Regie an die junge Generation weiterzugeben. Ob das künftig die Schule zu tun vermag, wird sich zeigen. Die katholische Kirche geht schon längst einen anderen Weg und setzt auf den explizit von katholischen Lehrkräften erteilten bekenntnisorientierten katholischen Religionsunterricht.

Bedenken zerstreuen

Die evangelische Kirche hat nun die Aufgabe, der Öffentlichkeit plausibel zu machen, warum sie diese neue Form eines interreligiös verantworteten Religionsunterrichts für wichtig und zukunftsweisend hält. Dabei muss sie auch Bedenken zerstreuen, sie würde eigenes Terrain aufgeben und damit sich selbst schaden. Gerade die Systemtheorie lehrt, dass Systeme darauf ausgerichtet sind, sich zu erhalten. Hier sollte deutlich gemacht werden, dass eine plurale interreligiöse Bildung junger Menschen der angestrebten christlichen Religionskompetenz nicht im Wege steht.

Der neue Religionsunterricht stärkt die Erziehung einer jungen, autonomen Generation, der die Entscheidung über ihre religiöse Sozialisation selbst abverlangt wird. Damit die Kinder und Jugendlichen dabei nicht alleingelassen werden, ist gerade das Elternhaus mehr denn je in der Pflicht. Für die Schulbehörde und die Religionsgemeinschaften in der Gemischten Kommission gilt freilich auch: Experimente können scheitern. Wenn sich nach der Erprobungsphase herausstellt, dass der gemeinsame Religionsunterricht auf Dauer nicht praktikabel ist, müssen andere Wege auf der Basis des Staatsvertrages mit den Muslimen und Aleviten gefunden werden. Mit freundlicher Genehmigung des Hamburger Abendblatts, wo dieser Beitrag zuerst erschienen ist.

Von: Edgar S. Hasse

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