Der Publizist Andreas Püttmann regt an, den Kirchenmitgliedern mehr Glaubensgrundlagen zu vermitteln. Rechts ein Auszug aus dem umstrittenen Dokument
Der Publizist Andreas Püttmann regt an, den Kirchenmitgliedern mehr Glaubensgrundlagen zu vermitteln. Rechts ein Auszug aus dem umstrittenen Dokument

Katholische Jugend für Abtreibung?

Die Katholische junge Gemeinde hat sich in einer Publikation für das Recht auf Abtreibung und die freie Wahl der Sexualpraktiken eingesetzt. Die Deutsche Bischofskonferenz ist entsetzt. Fehlt es den jungen Gläubigen an biblischen Grundlagen? Ein Gastkommentar von Andreas Püttmann

Ganz überraschend kommt er dann doch nicht, der Skandal um „YOUrope“, eine Publikation der „Katholischen Jungen Gemeinde“ (kjg), die vor der Europawahl auf deren Internetseite zum Download bereit stand. Da wurde der „kostenfreie und sichere Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung“ verlangt, was konkret bedeute, „Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, eine Schwangerschaft abzubrechen und kostenlos Verhütungsmittel zu erhalten, denn nur so kann die beschriebene Freiheit auch gelebt werden“. Diese Freiheit beinhalte „die freie Wahl der Sexualpartner/-innen, die eigene Entscheidung für Sexualpraktiken und die Wahl, welche Art von sexueller Beziehung jemand führen möchte (das heißt, ob sie/er monogam, polygam, zölibatär etc. leben möchte).“

Schon 2010 dokumentierte die katholische Kirche das Scheitern ihrer eigenen Lehrverkündigung zum fünften und sechsten Gebot im „MDG-Tendmonitor Religiöse Kommunikation“: Demnach sind mit der Position ihrer Kirche zur Abtreibung nur 28 Prozent der Katholiken „weitgehend einverstanden“ und 66 Prozent „eher unzufrieden“; noch höher ist der Veränderungsdruck auf die kirchliche Haltung zur Homosexualität (17 zu 68 Prozent, 15 Prozent „unentschieden“), bei der allgemeinen „Haltung zur Sexualität“ (zufrieden 13, unzufrieden 79 Prozent) sowie zur Empfängnisverhütung (9 zu 85 Prozent). Im Vergleich zu 2002 ist die Ablehnung der kirchlichen Doktrin jeweils gestiegen, am deutlichsten bei der Homosexualität (+8 Prozent).

Bei solchen Größenordnungen kann man auch nicht sagen, der Abfall von der tradierten Moral beträfe nur die sowieso kaum noch glaubenden, randständigen Kirchenmitglieder. 54 Prozent der Katholiken erklären sich ausdrücklich ihrer Kirche verbunden, 44 Prozent halten „ein an christlichen Werten ausgerichtetes Leben“ für „ganz besonders wichtig“. Offenkundig sind die Differenzen in der Morallehre nicht nur mit Glaubensabfall, Gleichgültigkeit und Anpassung an den Zeittrend zu erklären, sondern beruhen bei einem Teil der Unzufriedenen durchaus auf einer Anstrengung des eigenen Wissens und Gewissens. Der Streit um die Sexualmoral geht mitten durch die Kerngemeinden und auch durch den engagierten Teil der kirchlichen Jugend.

Kirchenmitglieder brauchen mehr biblische Grundlagen

In dieser Lage erscheint es erstens angebracht, mehr Gläubigen die biblischen, anthropologischen und moralphilosophischen Grundlagen einer „Theologie des Leibes“ zu erschließen. Nur so kann der Eindruck einer vordergründigen „Verbotsmoral“ vermieden werden, die ohne Bezug zu menschlichem Glück ist. Zweitens muss die christliche Sexualmoral auch mit Erfahrungsberichten und Reflexionen in den Kontext einer Kunst des gelingenden Lebens gestellt, also induktiv (vom Einzelnen zum Allgemeinen hinführend) vermittelt werden. Drittens sollte man sich hüten, alles in einen Topf zu werfen: Sünden gegen das fünfte mit solchen gegen das sechste Gebot, Abtreibung mit Verhütung, Widerstand gegen die „Gender-Ideologie“ als Negation der Geschlechter-Bipolarität mit der Diskriminierung Homosexueller, die Wertschätzung der Rolle der Mutter mit dem legitimen Wunsch von Frauen nach Entfaltung ihrer Talente im Beruf.

Der Diskurs von Christen ist dabei oft viel zu undifferenziert. Es gilt also tiefer zu schürfen und feiner zu unterscheiden. Viertens ist auch nicht ausgeschlossen, dass nach Konsultation der Humanwissenschaften in der einen oder anderen Frage tatsächlich eine Revision oder Neuakzentuierung kirchlicher Lehren zur Sexualität angebracht erscheint, so wie dies schon in der Vergangenheit der Fall war. Die Behauptung einer völligen Kontinuität von je her ist hierbei entweder ignorant oder unwahrhaftig.

Abtreibung: Bestürzende Verwirrung in den Köpfen

Das Verbot der Tötung eines im Mutterleib heranwachsenden Menschen gehört allerdings zum frühesten Zeugnis und Kernbestand christlicher Moral. Das Zweite Vatikanische Konzil, auf welches sich „Reformkatholiken“ gerne berufen, spricht hier sogar von einem „verabscheuungswürdigen Verbrechen“. Dass eine katholische Jugendorganisation an dieser Stelle wackelt und Schwangerschaftsabbrüche in den Kontext „gelebter Freiheit“ stellt, zeugt von einer bestürzenden Verwirrung in den Köpfen – und übrigens auch einer Degeneration innerkirchlicher Disziplin, für welche bekenntnistreue Protestanten die katholische Konfession oft bewunderten. Eigentlich unvorstellbar, dass so eine Entgleisung im Verantwortungsbereich eines „Jugendbischofs“ ohne organisatorische und personelle Konsequenzen bleibt. (pro)

Von: Andreas Püttmann

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